Teresa Präauer antwortet (4)

Fortsetzungsgespräch mit der österreichischen Schriftstellerin Teresa Präauer. Wir haben schon und wir reden immer noch über alles: Literatur, Kunst, Schreiben, Lesen, Trash, Nagelstudios, Vögel, Liebe und Hass.

Hier gehts zur ersten, zweiten und dritten Fragestunde.

Letzte Sätze des dritten Gesprächs (6) … Das nächste, was jetzt fertig werden muss, ist ein Monodrama für das Schauspiel Frankfurt. Der Schimmi ist noch allzu frisch, Herbst 2016, ich war seither ständig auf Lesungen, meinen eigenen nämlich, und ich wünsche mir, dass auch er auf die Bühne gebracht wird und jemand anders diesen Part übernimmt. (Anm. Red.: Das Monodrama ist inzwischen fertig, juchhe!)

(7) Was bedeutet für dich die Freiheit des künstlerischen Schaffens?

Es ist ja eine beschränkte Freiheit, die Freiheit innerhalb eines bestimmten gestalterischen Feldes, die mir aber sehr viel bedeutet. Hier nicht vorauseilenden Gehorsam zu leisten, hieße beim Selbstgespräch am Schreibtisch zu beginnen und bei den Verlagen und Buchhandlungen nicht aufzuhören. Freiheit: zu schreiben wie ein Affe oder wie eine Zitrone, sich dabei auch selbst ins seifenbaumartige Wort zu fallen, also die eigenen ästhetischen Auffassungen auch anzugreifen, und so irgendwie wach zu bleiben. Vielleicht ist das Freiheit. Und gleichzeitig unterstützt einen in dieser Freiheit mitunter auch die restriktive Diktatur des Abgabetermins und manch anlassbedingter thematischer Vorgabe. Hierbei meine ich nicht die Prosa, sondern die Texte zur Kunst und Ähnlichem oder die Texte innerhalb einer Reihe oder Serie.

(8) Du hast den Begriff „anti-inhaltistisch“ für dein Schreiben geprägt. Was, wenn der Stempel nicht mehr passt?

Das ist ein Missverständnis! Meine Texte selbst könnte man doch genauso gut als hyperrealistisch bezeichnen. Erfindend und beschreibend strotzen sie vor Inhalt – bei gleichzeitiger Arbeit an und Befragung von Form und Stil. Diverser Stile, denn jedes Buch hat einen anderen Ton und eine andere Sprache. Auch die literarischen Kolumnen haben ihren Ton, die Texte zur bildenden Kunst und so weiter. Jeder Absatz ist dicht an Inhalt.
Zur Erläuterung: Ich sprach mit der ZEIT darüber, dass zu wenig über Stil und Form gesprochen wird, wenn über Literatur gesprochen wird. Es ging also nicht um die Forderung nach Ablöse des sogenannten Inhalts im Primärtext, sondern es ging um eine Kritik am Sekundärtext, denn es gibt dort ein Unvermögen, das mit Inhaltszusammenfassung und Themenfokussierung kaschiert wird. Die ganze Nacherzählerei ist wie eine demonstrativ ausgestellte Inhaltsneurose: des Texts als Klappentext, wobei der Text letztlich ganz gestrichen wird und der Klappentext übrig bleibt. Wenn es dabei nur um Erfass- und Verwertbarkeit geht, Bücher bloß besprochen werden als Themenlieferanten – das Buch zur Wiedervereinigung, das Buch zur Finanzkrise, das Buch zur Filterblase, das Buch zur „Flüchtlingskrise“, das neue Buch von dieser und jener Medienfigur –, dann hapert’s wirklich an der gern zitierten Lesekompetenz und daran, dass man sich schlicht keinen Begriff macht von Literatur. Das ist »manipulierbar, bequem«, sagt Susan Sontag. Ich las das vor kurzem, eher zufällig. Und an späterer Stelle schreibt sie: »Die meisten amerikanischen Romanautoren oder Dramatiker sind im Grunde Journalisten oder Sonntagssoziologen und -psychologen. Sie schreiben das literarische Gegenstück zur Programmmusik. Und der Sinn für die formalen Möglichkeiten des Romans und des Dramas ist stets so rudimentär, stumpf und träge, daß der Inhalt selbst dann, wenn er über die bloße Information und Berichterstattung hinausgeht, merkwürdig sichtbar, greifbar und exponiert ist.« Egal, bei wie vielen Autoren und Autorinnen man Texte zur Poetik nachlesen mag, Nabokovs Vorlesungen zur westeuropäischen Literatur sind ein gutes Beispiel, man wird immer auf eine Ablehnung einer ausschließlich inhaltsbezogenen Lesart stoßen. Aber vielleicht muss das jede Generation wieder neu buchstabieren.

(9) Wo zwischen Zweifel und Euphorie bewegst du dich als Schriftstellerin?

Zwischen Zweifel und Selbstüberschätzung stetig hin und her, denn das ist der Motor der künstlerischen Arbeit, juchhe.

Ende.

  • Teresa Präauer, geboren 1979, ist Autorin und bildende Künstlerin und lebt in Wien. Sie studierte Malerei und Germanistik in Salzburg, Berlin und Wien. Und schreibt regelmäßig für Zeitungen und Magazine zu Theater, Kunst, Literatur, Mode und Pop. Ihr Roman Für den Herrscher aus Übersee wurde mit dem aspekte-Literaturpreis für das beste deutschsprachige Prosadebüt ausgezeichnet. 2014 erschien der Künstlerroman Johnny und Jean, 2016 der Roman Oh Schimmi (alle Wallstein Verlag). Nicht zu vergessen die Taubenbriefe von Stummen und anderer Vögel Küken (Edition Krill), dreißig Karten „zum Versand in alle Welt geeignet“.
    Im Dezember 2017 erhält sie den Erich-Fried-Preis. Die Begründung des Jurors Franz Schuh lautet: „Man lernt durch Präauer die Widersprüchlichkeit des Phänomens Kunst von neuem kennen, seine soziale Verankerung, die internen und externen Praktiken, das Sehnsuchts- und Enttäuschungspotential, das nicht zuletzt alle Versuche motiviert, „von der Kunst zu leben“. Präauers Form der Darstellung ist nie belehrend, nie definitorisch oder kommentierend.“

 

(Foto Teresa Präauer © Thomas Langdon )

Senta Wagner

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