Hotlist – Secession Verlag für Literatur

Zur diesjährigen Frankfurter Buchmesse hat sich der Zürcher Verlag für Literatur Secession nicht lumpen lassen und sein Programm so frankophil gestaltet wie kaum ein anderer Verlag, schon gar kein unabhängiger. Hier wurden große Namen und Neuentdeckungen aus dem Gastland ordentlich zelebriert, die Vorschau mit den Farben der grande nation geschmückt und „freiheit, gleichheit, schwesterlichkeit“ skandiert. Dabei hat Secession immer schon, seit der Gründung vor acht Jahren, die Fühler in alle Himmelsrichtungen ausgestreckt, eben auch nach Frankreich. Christian Ruzicska hatte den Verlag zusammen mit Susanne Schenzle gegründet, beide brachten Erfahrungen aus anderen Verlagen mit. 2014 machte sich Schenzle allein auf den Weg, um mit der ink press einen neues Biotop in der Schweizer Kulturlandschaft zu hegen. Ruzicska leitet den Verlag nun gemeinsam mit Joachim von Zepelin.
Mit einem beachtlichen Gespür für Texte, aber auch für die Bewegungen in der Welt, die sich in der Literatur niederschreiben, ist über die Jahre ein vielseitiges, aber distinktives Programm entstanden. Heute steht da der Schweizer Sprachkünstler Christian Uetz – eine warme Empfehlung übrigens – neben der aus einer ultraorthodoxen New Yorker Familie buchstäblich geflohenen Deborah Feldman, es gesellt sich Sabine Scholls genialer Roman Die Füchsin spricht zu den Memoiren des früheren Guardian-Chefredakteurs und Amateurmusikers Alan Rusbridger.

Mit dem Debüt HALB TAUBE HALB PFAU der in Berlin lebenden Maren Kames steht der Verlag auf der Hotlist 2017. Ein hervorstechender Text, der geschickt aus Schubladen herauswächst und sich von Lesekonventionen emanzipiert. Da heißt es: „Und ich trage eine große Lampe an der Stirn, einen Detektor für außergewöhnliche Vorkommnisse vor der Brust, einen Expeditionshut, beige, auf dem Kopf, ich trage meinen Kopf, und gegen das stechende Weiß, die Schneewehen, gegen die vaskuläre Erschlaffung, den anästhetisierten Blick formuliere ich widerspenstige Sätze.“ Eine Expedition, allerdings, in der der viele Weißraum auf den Seiten wie eine Schneelandschaft zu leuchten beginnt.
Das Buch wurde ausgezeichnet mit dem Düsseldorfer PoesieDebütPreis 2017.

 

ist einer Landschaft ähnlich, eine die erst erkundet wird, deren Grenzen erst gesucht werden müssen. Ein Ich tastet sich voran, macht aus dem Unwägbaren etwas sichtbar, fühlbar, indem es Dinge mit Worten benennt, die die Leere behutsam füllen. Doch die Unsicherheit bleibt, wie Schollen tauchen Texte auf und wieder ab, überlappen sich und brechen wieder auseinander, verzerren das Bild oder lassen es wieder verschwinden, um mit der Stille das Nichts zu umreißen. HALB TAUBE HALB PFAU kennt keine Genregrenzen. Die Textspiegelungen oszillieren zwischen Prosa, Lyrik und Drama. Das intime, fast solipsistische Sprechen wird flankiert und immer wieder durchbrochen von anderen Stimmen, Gegenreden, dialogischen Passagen, Du-Ansprachen, Echos, die das Ich selbst verorten, ohne es je bestimmen zu können.
HALB TAUBE HALB PFAU überschreitet die Grenzen des Buches. Codes führen auf eine Ebene außerhalb des Textes, wo Schrift zu Klang wird. Der Leser selbst wird zum Entdecker in einer Welt, die ihre Eindeutigkeit schon im Medium verloren hat.
Maren Kames bedient mit traumwandlerischer Sicherheit sämtliche sprachliche Register, entwickelt eine ganz eigene Melodie, eine Partitur voller Humor, ebenso unterhaltsam wie hochliterarisch und poetisch. In ihrem Debüt erweist sie sich als einzigartige neue Stimme in der deutschsprachigen Literatur.“ (Verlagstext Secession)

Hier geht es zur Homepage dieses bezaubernden Debüts. Denn es will auch gehört werden. „HALB TAUBE HALB PFAU ist eine Partitur. Hören Sie hier: das Land. Hören Sie Stimmen, Soundflächen, Stille. Hören Sie Gletscherschmelzen. Hören Sie Tiere, von hier, von unten, von der Unterseite der Kontinente. Haben Sie hier: die Echokammern, den Remix.“ (M. Kames)

  • Maren Kames: HALB TAUBE HALB PFAU. Gebunden. Großformatiges Ganzleinen. Zürich: Secession Verlag für Literatur 2016. 150 Seiten. 35 Euro (D)

Der Verlag im Netz: Homepage I Facebook I Twitter

 

Jana Volkmann

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