Weihnachtspost

Das Jahr neigt sich, Schnee und Weihnachtsglitzer stehen vor Tür. Auch wir schließen unsere Pforten, nicht ohne die passende Lektüre für den Winterschlaf zu empfehlen. Den Buchdeckel zieren grazile Buchstaben beim tänzelnden Hochseilakt: Bastian Schneider beglückt uns mit Vom Winterschlaf der Zugvögel, dem Hauch eines Buches, erschienen im Sonderzahl Verlag in Wien, dem Verlag, der sich seit mehr als dreißig Jahren schwerpunktmäßig um die „literarische Zwischenform“ des Essays bemüht und in der Literatur die Erweiterung der „Sprachspielräume“ pflegt. Schneiders Werk mit seinen sechsundfünfzig poetischen Minitexten verteilt auf neunzig Seiten ist dort richtig platziert.

Wo Winterschlaf im Titel steht, muss er auch drin sein: „Die Erinnerung ist ein Zugvogel, der Winterschlaf hält, ein paradoxes Geschöpf, das unweigerlich Bildtexte ausbrütet, während es vorgibt, zu schlafen, zu vergessen“, heißt es auf der Buchrückseite. Mit den Vögeln nun in den kleinen, fast anekdotenhaften Geschichten – Wellensittiche, Zaunkönige, Schwalben, Amseln, Graureiher, Krähen und andere Flügelwesen – geht es in luftige Höhen, fallen „schillernde Federn“ zu Boden und finden sich in Schächtelchen und Kisten wieder, wo sie die fragilen Erinnerungen des erzählenden Ichs wecken wie etwa in „Magolves“, einem Synonym für Eichelhäher. Mit dem zufälligen Auffinden der Federn des „mondänen“ Tieres in einer Streichholzschachtel im Werkzeugschrank der verstorbenen Großeltern werden diese für einen Moment derart lebendig, wie es kaum die Betrachtung eines Bildes könnte.
Manchmal scheinen die Texte sich wie an der Schwelle von Wegdämmern, Traum und Wachen zu bewegen, das Ich stets behütet von den Vögeln. In „Verdunklungsgefahr“ wird leichtfüßig über die Sprache reflektiert, wenn „Wörter Atemwegelagerer; betrunkene Vögel“ bleiben und im „Freiflugraum“ wird mit dezenter Geste an Celans „Schliere im Aug“ gemahnt, wenn die Vögel beim „Flattern“ und „Zwitschern“ beobachtet werden. Und wer träumte nicht seit jeher vom Fliegen? Erinnert wird ebenso an den Luftfahrtpionier Otto Lilienthal in „Imnamendesvaters“, an die weltberühmte Montgolfiere („Mon ballon“) und an Kafkas Flugzeugbesteigung im Wiener Prater, wo er sich 1913 in einer Flugzeug-Attrappe lächelnd abblitzen lässt („Abgehoben“). In die Kindheit geht es ganz konkret in gleich mehreren Geschichten: auf die Schaukel des Buben im Angesicht einer Amsel in „Sprungfest“, ins Karussell („Über das Schwindeln) und ins Babybett, freilich nur erinnert durch eine Fotografie, wo das Kind wild die Landung von Omas Wellensittich auf seinem Kopf abwehrt – in „Kinderbild mit Wellensittich“ bekommen Angst und Wehrlosigkeit ein Gesicht.

Es ist schön und merkwürdig zugleich, nicht den eigenen, sondern den Erinnerungen eines anderen zu folgen, dabei hin- und herzuspringen in einem feinen Textgewebe, das es in diesem Fall locker mit den Flugbahnen der Vögel aufnehmen kann und immer ein bisschen von der Lesbarkeit der Welt erzählt.

  • Bastian Schneider: Vom Winterschlaf der Zugvögel. Wien: Sonderzahl Verlag 2016, 2. Auflage. 96 Seiten. 15 Euro.

 

Senta Wagner (sentafoto)

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