Indie-AutorInnen schreiben für uns – Markus Köhle (19)

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Wer bei einem unabhängigen Buchverlag seine Bücher verlegt, die und den nennen wir einfach mal Indie-Autorin und Indie-Autor. Die beiden müssen das nicht immer bleiben, Literatur lässt sich nicht binden, aber es ist schön, wenn es so ist. Beim Hotlistblog kommen die fertigen Werke, Romane, Erzählungen, Lyrik, so benannter AutorInnen in die schmucke Auslage. In dieser Prosa-Reihe bitten wir sie um Unveröffentlichtes, Einblicke in Schreibprozesse oder Auszüge aus Romanprojekten.

(19)

Raus aus dem Eisfach: Mit Goethe im Wagen wird in „Die Ausweiche“ einen Gang höher geschaltet. Für dieses du/ich-Abenteuer on the road sorgt unser heutiger Gast Markus Köhle – Österreichs „Slam Papa“. Auch im „Sprachinstallateur“, wie er sich nennt, steckt ja schon das ganze feinmotorische Handwerk des Dichtens. Humor, Einfallsreichtum, „Mündlichkeit und Sprachskepsis“ gehören ebenfalls zu seiner Ausrüstung. Umtriebig und vielseitig unterwegs seit 2003 wurde der Bühnenmensch Köhle mit Buchveröffentlichungen (darunter auch Romane) bei diversen österreichischen Verlagen gesichtet wie dem Milena Verlag oder der schönen edition yara. Zuletzt erschien bei Sonderzahl das „Barhocker-Oratorium“ Jammern auf hohem Niveau (2017), inklusive Bierdeckel. Ein Buch, nein ein „Gesamtkunstwerk“, das „gehört und gelesen gehört“.

Die Ausweiche

Sie schaltete in die Dritte. Du schaltest in die Dritte, sagte ich und du drauf:

In den Dritten. Ich schalte in den dritten Gang. Logisch, oder? Wieso da immer alle die Dritte sagen, woher kommt denn das: die Dritte, die Dritte, die Dritte? Elisabeth die Dritte von Recklinghausen, von mir aus. Oder: Die Dritten, okay. Das sind die dritten Zähne. Aber Gänge sind keine Zähne. Die teilen sich mit den Zähnen bloß das Umlaut-Ä. Mehr nicht.
Okay, okay, sagte ich und du drauf:

Nix okay, das war doch von vornherein ein Kommentar und nicht bloß eine Feststellung. Du schaltest in den Dritten, jetzt, an dieser Stelle, mitten in der Kurve. Du kuppelst aus, überlässt den Wagen damit motorbremsenlos den Fliehkräften … Himmelherrgott Wagen, jetzt sag ich auch schon Wagen. Warum alle immer Wagen sagen müssen zum Auto, zu der angerosteten Blechkiste. Ja, immerhin ist sie noch eine Blechkiste, die rosten kann. Aber es ist halt echt kein Wagen. Es ist genauso wenig Wagen, wie ein Nagelknipser Werkzeug ist. Ein Zehennägelknipser, der Nägel und Zehen abknipste, wäre ein Werkzeug. Ein Zähneknipser, der Schneide-, Backen- und Weisheitszähne mit einem Knips von der Wurzel trennte und aus dem Fleisch fischte, wäre ein Werkzeug und vermutlich bald ein beliebtes Folterinstrument.
Aber Wagen ist das hier beim besten Willen keiner. Gut, es mag vielleicht ein Wagnis sein, sich mit dieser Schüssel noch auf die Reise zu den Eltern aufs Land zu machen. Aber ein Wagen ist mehr. Bei Wagen schwingt doch viel mehr Goethe mit, Wagen will uns klassisch-humanistisch-kanonverblendet Gebildeten doch was sagen. Und zwar: Mein schönes Fräulein, darf ich wagen, meinen Arm und Geleit ihr anzutragen?
Der Wagenwortgebrauch schlägt automatisch eine Flirtbrücke.
Der Wagen war der Hauptentjungferungs-und-Entjungmannungsort der 1950er- und 1960er-Jahre, der sogenannten Wirtschaftswunderjahre.
Schrottkarre, Blechkiste, Rumpelgurke, sag ich, sagtest du.

Der Wagen war das Tinder von einst. Tür zu – weggewischt. Tür auf – Match! Kofferraum auf – vielleicht ein Match für später. So schaut’s aus, so seh ich das und du bist dir selbst das größte Tindernis, du hast Tinderwertigkeitskomplexe und jetzt schalt ich in den vierten, zu Fleiß. Na, hörst du, wie er sich plagt?
Wer er?, fragte ich. Der Wagen, das Getriebe?

Der Motor, Schwachkopf, schleudertest du mir entgegen und ich war mir nicht mehr ganz sicher, ob du wirklich die Frau meines Lebens sein konntest. Vielleicht musste ich mich erst mal selbst finden, bevor ich mich mit ihr zurechtfinden konnte. Aber sie war halt da, immer schon und mein Ich war immer schon zerstreut. Sie musste es an meinem Blick erkannt haben, dass ich kurz in Gedanken war. Jedenfalls hatte sie wie immer eine Analyse parat und sprach:

Dein Leben ist keine Autobahn, dein Leben ist keine Küstenstraße, dein Leben ist eine Sackgasse. Eine Sackgasse mit unüberwindbarer Mauer am Ende. Du bist der Sack und du bist vermauert und ich bin dein Rückwärtsgang. Ich bin dein U-Turn. Ich bin deine Rettungsgasse. Ich hol dich hier raus. Ich bin deine einzige Chance.

Meine einzige Chance um, zu, für, was?, wollte ich wissen. Um dir den Hinterkopf zu kraulen, wenn du wieder mal Jobscheiße bautest? Um zu sehen, dass es einem immer noch schlechter gehen kann? Um wenigstens für dich da zu sein, wenn ich schon selbst nicht ganz da bin? Um zu blasen, wenn du dich wieder grundlos entzündest? Wenn du entflammst wie ein Bunsenbrenner, wie ein ausgetrockneter Adventskranz? Wenn du ob erfahrener Ungerechtigkeit zum Flammenwerfer wirst, deine Umgebung versengst und ich wieder dein Feuerlöscher sein darf? Deine Rund-um-die-Uhr Kriseninterventionsstelle. Dein Trockendock, deine Trockenhaube, dein …, nein, ich kann und will dir nicht mehr alles sein, platzte es aus mir und du schaltetest vor Schreck einen Gang runter, noch einen.

Blinken, bremsen, rechts ranfahren. Stehen bleiben. Erzählzeit wechseln. Dock-dock, dock-dock: Blink-Dock-Geräusch. Aus der Kühlerhaube dampft’s. Im Hintergrund aufblitzen von sich entfernenden Rehaugen. Im Wageninneren Dunkelheit. Ja, Wageninneres scheint mir hier der geeignetste Begriff zu sein. Du knipst das Deckenlämpchen an. Ich denke kurz an den Zehennägel- und Zähneknipser und es fährt mir ein kalter Schauer über den Rücken. Du löst den Sicherheitsgurt, beugst dich zum Rücksitz, kramst in der Tasche, kramst heftiger, verzweifelter, dann langsamer, immer hoffnungsloser. Drehst dich sodann zu mir. Panik in den Augen. Zittern in der Stimme und sagst: Bruder, wir haben das Trockenshampoo vergessen.

Kontrollfragen und Problemstellungen

  1. Welcher Art ist die Beziehung der ProtagonistInnen?
  2. Lassen sich Rückschlüsse auf den Lebenswandel und den Lebensstandard der ProtagonistInnen ziehen?
  3. Welche Lebensratschläge liefert die Geschichte?
  4. Sind die ProtagonistInnen glaubwürdig und vorbildstauglich?
  5. Wie ist das Verhältnis der ProtagonistInnen zu den Eltern?
  6. Erfinde ein Knipsgerät deiner Wahl. Diskutiere die möglichen Einsatzgebiete desselben.

 

  • Markus Köhle wurde 1975 in Tirol geboren. Studium der Germanistik und Romanistik in Innsbruck und Rom. Sprachinstallateur, Poetry Slammer, Literaturzeitschriftenaktivist, Redaktionsmitglied der Literaturzeitschrift DUM, Kolumnist der Tiroler Straßenzeitung 20er, Moderator und Mitorganisator von Poetry Slams und vielen weiteren Literaturformaten. Zuletzt erschienen Jammern auf hohem Niveau (s.o.), die Poesiekorrespondenz mit Peter Clar Wonnenbrand (edition yara 2017), Alles außer grau (mit Mieze Meduse, Milena 2016) und der Roman Hanno brennt (Milena 2012). Zur Homepage.

 

 

 

Markus, herzlichen Dank für deinen Beitrag!

 

(Senta Wagner; Foto Markus Köhle © Claudia Rohrauer)

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