lectorbooks wird 1

Vor ziemlich genau einem Jahr, im Frühjahr 2017, tönte es aus der Schweiz: „Nochmals jung, wild und frei sein: Nach zehn Jahren Salis präsentieren wir mit lectorbooks eine frische, zusätzliche Spielwiese für Literatur (…)
lectorbooks soll der freie Raum sein, in dem klassisch erzählende und experimentelle Literatur miteinander lachend Fangen spielen, in dem bewährte Verlagsarbeit und komplett neue Formen der Vermittlung händchenhaltend Trampolin springen.“
Die Rufer sind die beiden Verlagsmacher André Gstettenhofer und Patrick Schär, Co-Verleger des Züricher Salis Verlags. Ein Geschwisterding? Salis und lectorbooks haben „sehr viel und sehr wenig“ miteinander zu tun, es besteht wirtschaftliche Trennung, keiner löst den anderen ab, eine Übernahme von Salis-Autoren geschieht in „freundlicher Absprache“. So diffundierten etwa mit dem ersten Frühjahrsprogramm 2017 Anna Stern und Heinz Emmenegger bereits von diesem zu jenem.

Spielwiese, Fangen spielen, Trampolin springen bei lectorbooks macht man also ganz sportlich und verspielt Literatur. Jetzt wird der erste Geburtstag gefeiert. Und wird weitergeturnt und -gespielt? Tatsächlich sind inzwischen elf Titel erschienen, darunter „schöne, kleine Erfolge“ wie Anna Sterns Erzählband Beim Auftauchen der Himmel (s. u.), der höchst fiktive Roman Der Tag, an dem es 449 Franz Klammers regnete von Gion Mathias Cavelty sowie der Heimatroman Land ganz nah von Benjamin von Wyl, erklärt Patrick Schär, der in Berlin lebt und wirkt.

Rückblickend gestehen die Verleger aber: „Niemand hat auf einen neuen Verlag gewartet.“ Nie wartet jemand darauf, aber wer lässt sich nicht gern überraschen? lectorbooks lädt mit seinem Konzept betont zum Mitspielen und Neugierigsein ein. Das Überleben in einer schwierigen, sich wandelnden Branche sieht man entspannt: „lectorbooks ist dazu da, sich ständig selbst neu zu erfinden, wir passen unser Handeln auch immer wieder an. Der Verlag alleine muss nicht unser Überleben sichern, es ist eine Mischrechnung mit unserem Verlagsdienstleistungsunternehmen Torat. Wir streben bei lectorbooks im zweiten Jahr allerdings bereits eine schwarze Null an.“

Mit dem Sichneuerfinden liegt man im gesellschaftlichen Trend: Im klassischen Gewand arbeitet der Verlag bereits „hinter den Kulissen an einer Zukunft des Verlegens“. Grundsätzlich glauben die Verleger daran, „dass es auf jeden Fall wichtig ist, sich sorgfältig um das gedruckte Buch als schönes Objekt zu kümmern“. Und das sieht man: Folienprägung in Silber oder Gold, bedruckter Vorsatz, Lesebändchen, erste Auflagenlimitierung auf 999.

Wie schon Salis seit jeher eine monatliche Playlist veröffentlicht, wird auch bei lectorbooks die Literatur eng mit Musik verknüpft. Zu einzelnen Titeln ist ein von den Autoren zusammengestellter „Soundtrack“ (Spotify) über die Verlagswebsite abrufbar.

Das Credo der Titelauswahl von lectorbooks lautet seit den Anfängen schlicht: „Was uns gefällt.“ So zeigt sich das Frühjahrsprogramm 2018 „kleiner und inhaltlich experimenteller“ als das Frühjahr 2017: Es bietet mit Beat Gloors Erziehung als Aufgabe „den wirklich ultimativen Erziehungsratgeber“ sowie mit Markus Rottmanns Amores Mortis ein wundervoll gestaltetes PR-Buch für den Tod“, heißt es überzeugt aus dem Verlag.

Wir gratulieren herzlich zum ersten Geburtstag und wünschen lectorbooks noch viele weitere!

Anna Stern – Beim Auftauchen der Himmel

Die Schweizer Autorin debütierte 2014 im Alter von vierundzwanzig Jahren mit Schneestill bei Salis, 2016 erschien Der Gutachter ebendort. Im Frühjahr 2017 ist sie mit dem Erzählband Beim Auftauchen der Himmel lectorbooks erste Autorin, das gewünschte „freche und ungezogene Kind auf der Spielwiese“. Vor allem ist Anna Stern eine begabte Autorin, die mit der Sprache formbewusst und virtuos umgeht. Das Schillernde in ihrem Schreiben hat sie in ihrem selbst gewählten Namen grundsätzlich angelegt. Stern ist ein Stern am Literaturhimmel.
Die zehn unterschiedlich langen Texte der Sammlung sind konzis und decken ein Spektrum an Lebenswelten, an Orten, an allzu Menschlichem ab. Ihr thematischer Kern ist die Drift. Stets gleiten sie im Verlauf ab ins Skurrile, Abgründige, Übersinnliche, Rätselhafte, Kriminalistische. Normal ist bei Anna Stern nichts, eher mannigfaltig, was sich im souveränen Umgang mit verschiedenen Genres und Erzählstilen widerspiegelt.

Dass sie Naturwissenschaftlerin ist, merkt man dem analytischen Charakter der Geschichten an, wenn nicht sogar Phänomene aus dem naturwissenschaftlichen Alltag der Autorin mit einfließen wie in „Die Tochter des Botschafters“, das sich im Spannungsfeld zwischen persönlichem Schicksal, Trauer und Lebenslüge einerseits und der Präzision des wissenschaftlichen Experiments andererseits bewegt.
Besonders berührend ist die Titelgeschichte „Beim Auftauchen der Himmel“, ein existenzielles Drama um das Ertrinken eines Kindes, bei dem der Leser mittendrin zwei Leerseiten zum Luftholen bekommt. Zwei Erzählungen aus dem Band waren bereits bei Salis in der Reihe EINSNULL erschienen, unter anderem „Zwischen zwei Flügen“. Dieser Text setzt mit atmosphärischer Dichte und Langsamkeit auf das Nichtgesagte und die Unbestimmbarkeit des Ortes. Etwas muss Anton in der Vergangenheit geschehen sein, was, erfährt man nicht: Er telefoniert vom Flughafen jener Stadt aus, die er nie wieder betreten wollte, mit seiner Frau und legt in jedes seiner Worte ein Stück Abschied von ihr, vom Leben. Am Ende wird der Transitort zum Sterbeort.
In nahezu dem gesamten Band spielt die Musik eine Rolle. Sie begleitet Anna Stern beim Schreiben, es finden sich Referenzen in den Texten selbst bis hin zu einer Songauswahl als „Medizin“ im Text „Das Lied vom einsamen Mädchen“. Der Soundtrack im Netz zu Beim Auftauchen der Himmel umfasst zweiunddreißig Titel von Manu Chao, The Smiths, Nina Simone bis hin zu David Bowie („The Protector“). Stern gehört gelesen und gehört.

  • Anna Stern: Beim Auftauchen der Himmel. Zürich: lectorbooks 2017. Gebunden, Prägung Silberfolie, Vorsatz bedruckt, Lesebändchen. 376 Seiten. 22 Euro (D). Auch als E-Book

 

Senta Wagner

 

 

 

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