Meisterschülerin trifft Glamouröserl

Romandebüt der Künstlerin Gesche Heumann

Wenn Lilo Palfy und Gesche Heumann eine Gemeinsamkeit haben, dann ist es ihre Liebe zu Wien und zur Kunst. Die eine hat Glamour, die andere schreibt darüber. Lilo Palfy ist die Hauptfigur in Gesche Heumanns schillerndem Debütroman Lilo Palfys Beitrag zur Kunst. Tatsächlich hat sich Wien als idealer Nährboden für das Schreiben von Heumann erwiesen, die seit 2005 in der Stadt lebt. Sie ist als Künstlerin in eine Kunststadt gekommen. „Von Beruf bin ich Maler!“, sagt sie. Heumann wurde 1974 in Köln geboren, wuchs in Stuttgart auf und beendete ihr Kunststudium in Düsseldorf als Meisterschülerin von Markus Lüpertz.
Was nicht mehr auf eine Leinwand passt, muss also zu Papier gebracht werden. Der Schritt von der Malerin zur Autorin war dennoch kein großer, vielmehr überhaupt keiner. Pinsel und Stift wurden stets parallel geführt. Sie habe immer viel gelesen, bis zu drei Bücher täglich verschlungen, je kitschiger, desto besser. Es gibt Jugendgedichte und eine frühe Gedichtveröffentlichung, später kommen Ausstellungsbesprechungen dazu, ein souveränes Sehen entwickelt sich und das „Wörtersammeln“ wird zur Leidenschaft. Einmal ein Buch zu schreiben, sei ihr ein Bedürfnis gewesen.

cerises syllables (Collage aus der Rasterbator-Serie) und Gesche Heumann

Der Kunstbetrieb raubt Kraft, der Umzug nach Wien hat neue freigesetzt. Auch brauche es zum Malen eine andere körperliche Verfasstheit als zum Schreiben. Vieles geschehe bei diesem instinktiv, ohne erzähltheoretischen Überbau, der Literaturbetrieb wiederum ist Neuland für Heumann. Zwei Jahre hat sie an ihrem Erstling gearbeitet, jetzt ist er im Lilienfeld Verlag erschienen, was einem Wunder gleichkommt, gehört sie dort zu den wenigen lebenden Autoren.

Inspiriert zu ihrer Geschichte um die famose Kunstliebhaberin Lilo wurde sie von der im Jahr 2013 virulenten Debatte um horrende Managergehälter. Daran schloss sich die Frage an, was wäre wenn? Man wäre reich, brauchte nicht zu arbeiten und nicht kreativ zu sein? Und so entwirft sie mit Lilo Palfy eine „Antifigur“ zu dem, was heute von Frauen erwartet wird: Lilo, Mitte vierzig, ist reich und arbeitet nicht. Außer ihrer Mutterschaft hat sie „eigentlich nichts erreicht“. Sie tänzelt „Sex and the City“-mäßig durch die Stadt, auf Ausstellungen wie leichtfüßig zwischen zwei Männern hin und her, dem „Geschiedenen“ und dem „wahren Vater“ ihrer neunmalklugen Tochter Sassy. Das würde von der Anlage her Konflikte bergen, aber nicht in Lilos wattiertem Leben, in dem Männer noch immer Ritter sind oder bewunderte Künstler. Und schließlich, wo Kunst im Spiel ist, geht es doch immer um eine höhere Wahrheit.

Ihr Roman sei eine piefkemäßige Anmaßung, freut sich die Autorin, die sich das Wienerische vortrefflich für ihr Erzählen angeeignet hat. Sie schwärmt vom Reichtum der Sprache, den „vielen schönen Wörtern für Dinge“, dem „sehr viel körperlicheren Bezug der Sprache“, von seiner Deftigkeit und Poesie. Wo österreichische Autoren ihre Texte durchputzen auf Austriazismen, beglückt Heumann ihr Publikum mit „ursuper-leiwand“, „Leiberl“, der „feinen Hetz“, dem „Bobotschi“, „strawanzen“ oder „scharmunzieren“. Lilo ist vielleicht die echteste Wienerin, von der wir seit Langem gelesen haben.
So schlägt das Buch einen überaus schwärmerischen, süffigen und lustvollen Ton an, pinselt am Lokalkolorit, der blumigsten Ausschmückung und gibt sich so manieriert wie die Handküsse, die darin verteilt werden. Locker geht es zwischen den Zeiten hin und her und werden das Wesen und der Wert der Kunst abgehandelt.
Übertreibung und Ironie, inklusive Kursiv- und Großschreibung, werden bei Heumann auf die Spitze getrieben, auf diese Weise Abgründiges freigelegt, das sich zwischen Komfort, Wohlgenährtheit, Reichenkultur, Rundum-Sorglosigkeit der Lilo’schen Welt zeigen muss.

Die „professions- und kompasslose“ Lilo ist Hauptfigur und Erzählerin in Personalunion ihrer eigenen schrägen wie hitzig-witzigen Geschichte, dennoch wirkt sie zunächst darin wie eine „Leerstelle“. Erzählerische Distanz entsteht hauptsächlich durch die indirekte Redewiedergabe, schwankend zwischen Indikativ und Konjunktiv. Dass sich Lilo im Schreiben, im Ringen um ihre Erzählweise erst zu einem Wesen mit „Form und Fülle“ und weiblichem Begehren emanzipiert, ist ein reizvoller Kniff des Buches.

An Lilo kleben nämlich Zuschreibungen, das hartnäckigste Etikett lautet: glamourös zu sein. Wie sich Glamour, von seiner Bedeutung her „Lichtschimmer auf  der Haut“, mit Menschen und auch mit Sex verbinden lässt, zeigt sich derart exzessiv, bis das Wort zur Hülse verkommt. Die Geschichte mit der Glamourösität umgibt Lilo ungewollt seit ihrer frühen Kindheit, sie stammt von ihrer „Mutti“. Viel später wird Lilos Ex-Mann Lilo zu seinem „Glamouröserl“, seiner „Glamourose“, ernennen, in weiterer Folge zu seiner Bernhard’schen „Lebensmenschin“, was ihm notorisches Fremdgehen erlaubt, aber auch nach der Scheidung bei Lilo zu Hause ein- und auszugehen.
Heumann zeigt einerseits, wie machtvoll Festschreibungen wirken, andererseits bringt sie Oberflächen zum Strahlen und legt Doppelbödigkeiten frei. Vielleicht stellt sie auch die Oberflächlichkeit des ganzen Kunstbetriebs aus. Dennoch sei es ihr nicht darum gegangen, Karikaturen zu entwerfen, sondern Figuren aus Fleisch und Blut, ergänzt sie. Ebenso gehe es ihr um die Darstellung der „Sehnsucht nach Aufmerksamkeit“, die uns alle innewohne.

Man solle sich Lilos Leben einfach als ein tolles vorstellen, heißt es im Text. Heumann habe ein Buch für „Frauen mit müden Füßen“ schreiben wollen, „leicht und angenehm und heiter“.
Dennoch: Das Reizvolle sind immer die Brüche im Text, auch für Heumann, dann wenn das eigene Schreiben einen überrasche, man sich darin verliere. Schließlich ist eine reine „Kuckucksvateridylle“ mit Kunstgenuss und Aromatherapie ein kaum haltbarer Lebensentwurf, auch der einer Lilo Palfy nicht. Eine massive Störung ihres „Fast-Familien-Bermudadreiecks“ wird eingeleitet durch das abrupte Auftauchen von Sassys „wahrem Vater“ in Wien. Lilos Kurzzeitaffäre mit dem damaligen Kunststudenten und ihre Schwangerschaft führten einst zur Scheidung vom „Geschiedenen“.

Kunst vermag ja so einiges: die Menschen bewegen, verfeinern, überwältigen, und zwar jenseits eines Vermarktungswillens. Und damit alle Beteiligten, nebenbei ganz Wien als „kleinste Weltstadt der Welt“ und weitere europäische Städte, „konvulsivische Zuckungen“ erleben, bedurfte es eben einer künstlerischen Revolution „im öffentlichen Raum mit global wirksamer Aussagekraft“. Heumann wartet mit einem ganzen „Arsenal an revolutionären Gesten“ auf und stößt mit der Kunstaktion des „wahren Vaters“, bei der Gemälde von Vermeer und Bruegel einen Auftritt haben und Autos geklaut werden, Momente der Reflexion und der Neuausrichtung des Lebens ihrer Charaktere an.

„Gute Bilder sind wie Bojen, auf die man zuschwimmt“, heißt es im Buch. Kunstschaffen bedeutet für die Autorin der Wunsch nach dem Erleben von Intensität. „Kunst ist nicht rational, sie greift einen irgendwo an.“ Und um mit den Worten des „wahren Vaters“ zu schließen: „… ja, wahre Kunst öffnet die Poren auf das Ungeheure.“

  • Gesche Heumann: Lilo Palfys Beitrag zur Kunst. Düsseldorf: Lilienfeld Verlag 2018. 214 Seiten.

 

Senta Wagner (mit Dank an die Autorin für das Gespräch im Wiener Café Korb)

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