Nachlese zum Literaturfestival Leukerbad

Naturkunde wird zu Naturkunden

Literaturfestival Leukerbad vom 29. Juni bis 1. Juli 2018

Seit 23 Jahren trifft sich die bergaffine Literaturwelt im kleinen (und kaputtinvestierten) Dorf Leukerbad, am Fuß des Gemmipasses, der den Kanton Bern mit dem Kanton Wallis verbindet – oder umgekehrt, je nach Perspektive. Auf der Passhöhe sömmern Hunderte von Schafen, Ende Juli werden sie beim Daubensee zusammengetrieben, von tüchtigen Hirtenhunden, die keine Mühe scheuen, auch den letzten Einzelgänger aufzuspüren und zu den stolzen Besitzern aus beiden Kantonen – ja, die Schafe tun sich im Sommer jeweils zusammen – zurückzubringen, wo sie das «Gläck» – eine salzige Köstlichkeit für Schafe – erwartet. Auf die Gemmi kommt frau zu Fuß, tausend Höhenmeter sind zu überwinden, oder aber mit der Luftseilbahn, die auch jeweils am Freitagabend die FestivalbesucherInnen nach 23 Uhr hochfährt zur traditionellen Mitternachtslesung. Heuer erzählte Arno Camenisch von Paul und Georg, die jeden Winter gemeinsam pflichtbewusst den Schlepplift bedienen, doch die Gäste nehmen ab, der Schnee noch mehr, und es sind die Stunden, die schleppend vergehen. Paul redet und redet, Georg hört zu. Gemeinsam tauchen sie ein in die Geschichten von früher, die typische Camenisch-Melancholie macht sich breit. «Der letzte Schnee» (Besprechung auf dem Blog), so der Titel der bei Urs Engeler erschienenen Geschichte, dürfte/müsste auch für Leukerbad ein Thema sein, doch hier oben, geschützt vor Wind und Wetter und versorgt mit Glühwein, fühlt man sich schon fast wohl in dieser nostalgischen Geschichte, obwohl sie sehr zum Nachdenken anregen müsste.

Das Nachdenken stellt sich spätestens ein beim nächtlichen Gang durch das Dorf, eine kaum zu überbietende Ansammlung an architektonischen Scheußlichkeiten, hinter denen sich manchmal doch noch das eine oder andere schöne dunkle Walliser Haus versteckt. Das alte Bad verlottert vor sich hin, die Apotheke ist seit Jahren geschlossen, auch die Bäckerei mit Tea-Room beim Dorfplatz öffnet im Sommer nicht mehr. Beim Alten Bahnhof – ein Schmuckstück, bestens geeignet für Lesungen und Ausstellungen – ist ein großes Gelände eingezäunt, ein Investitionsprojekt, das jedoch mittlerweile nicht weiter verfolgt wird, weil das Geld fehlt. Wie lange werden wohl die Bretterwände mit den Renditeversprechungen stehen bleiben?

Dieses Jahr zeigt Christian Thanhäuser im Alten Bahnhof Holzschnitte und Zeichnungen zu den Orten, an denen Karl Kraus vor hundert Jahren zeitweise zur Ruhe gekommen ist, nämlich in Tierfehd im Glarnerland und im Schlosspark von Janowitz in Böhmen. Der großartige Künstler Thanhäuser, der unter anderem auch Verleger ist, überrascht immer wieder mit seinen Bildern, und wenn er über das Entstehen seiner Werke erzählt, dringt die Leidenschaft durch, die dazu führt, dass «Christian Thanhäuser aus weichem Holz flüssiges Wasser schneiden kann, aus hartem Holz Landschaften, die Geister sind» (Raphael Urweider). Thanhäuser illustrierte etwa für Matthes & Seitz unter anderem das zehnbändige Insektenwerk von Jean-Henri Fabre.

Matthes & Seitz ist das Stichwort für den Schwerpunkt des diesjährigen Festivals, nämlich die Präsentation der Reihe Naturkunden, die seit fünf Jahren von Judith Schalansky herausgegeben wird und mittlerweile auf fast 50 Bände angewachsen ist. «Wölfe», «Schafe», «Esel», «Krähen», «Brennnesseln», «Nelken», «Die Heilkraft der Natur», «Sprechende Blumen» und und und – so lauten die Titel und laden ein zum Entdecken der «Natur». «In den Naturkunden erscheinen Bücher, die von der Natur erzählen, von Tieren und Pflanzen, von Pilzen und Menschen, von Landschaften, Steinen und Himmelskörpern, von belebter und unbelebter, fremder und vertrauter Natur. Der Name der Reihe ist Programm: Hier wird keine bloße Wissenschaft betrieben, sondern die leidenschaftliche Erforschung der Welt: kundig, anschaulich und im Bewusstsein, dass sie dabei vor allem vom Menschen erzählt – und von seinem Blick auf eine Natur, die ihn selbst mit einschließt.» (Verlagswebsite)

Einen ersten Einblick, wie das tönt, erhielten die BesucherInnen am Freitagmorgen auf der Wanderung durch die imposante Dalaschlucht, als Jutta Person vom Esel erzählte und ihre «Liebe» für dieses Tier weiterreichte. Was damit gemeint ist, dass es beim Nature Writing ganz stark um Wahrnehmungsschulung gehe, konnte hier konkret erlebt werden. Und es war erstaunlich, wie das Interesse der WanderInnen nach jeder Kurzlesung auch und gerade für die prächtigen Wiesen anstieg, an denen sie vorbeizogen. Am Samstagabend folgte ein Podium mit der Reihen-Herausgeberin Judith Schalansky sowie den beiden Autorinnen Jutta Person und Cord Riechelmann, das lebte von der Begeisterung der drei für das weite Feld Natur und deren Erkundung, aber auch von der genauen Denk- und Formulierweise. So blieben denn Sätze im Kopfe zurück wie: «Es geht nicht darum, den Unterschied Mensch–Tier aufzuheben, sondern all die unzähligen Differenzen genau zu untersuchen.» Oder: «Literatur kann subjektivieren im Gegensatz zur Objektivierung der Wissenschaft bzw. deren Versuch dazu.» Und: «Einfaches Sehen ist schwer, weil Sehen zugedeckt ist von Meinungen.»

Als ich zur Schule ging, gab es ein Fach, das «Naturkunde» hieß. Wir lernten, welche Merkmale Lippenblütler kennzeichnen, wir hörten von den Einzellern und den Säugetieren und wo welche Tiere lebten oder nicht (mehr). Aber ich bekam keinen Bezug zu nichts, es blieb abstrakt, und mein Interesse dafür näherte sich rasch dem Nullpunkt. Mit den Bänden aus der Reihe Naturkunden wird dieses Interesse wieder geweckt, und ich freue mich darauf, noch manches zu entdecken dank dieser toll gestalteten Bücher, die erst noch exzellent geschrieben sind.

Brigitta Falkner (© Foto: Ali Ghandtschi)

Nicht in der Reihe, aber ebenfalls bei Matthes & Seitz ist das Buch «Strategien der Wirtsfindung» von Brigitta Falkner erschienen, für das der Verlag 2017 mit dem Preis der Hotlist ausgezeichnet wurde. Die Autorin lege ein betörend schönes Buch vor, das uns krabblige Stunden beschere, schreiben die Programmverantwortlichen des Festivals und fahren fort: «… widmet es sich doch all den kleinen Parasiten, die um uns nisten und walten». Brigitta Falkner bewegt sich zwischen bildender Kunst, Buchkunst und Literatur, sie verbindet Lyrik, Buchgestaltung und Graphic Novel auf kunstvolle Weise. Ihre Präsentation wird zu einer Performance – der Film öffnet noch eine weitere Dimension. Auch diese Veranstaltung gehörte zu den Höhepunkten des diesjährigen Internationalen Literaturfestivals Leukerbad.

Liliane Studer

(Foto oben: Blick von der Gemmi auf Leukerbad, © Ali Ghandtschi)

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