Indie-AutorInnen schreiben – Nadine Kegele (23)

Wer bei einem unabhängigen Buchverlag seine Bücher verlegt, die und den nennen wir einfach mal Indie-Autorin und Indie-Autor. Die beiden müssen das nicht immer bleiben, Literatur lässt sich nicht binden, aber es ist schön, wenn es so ist.
Beim Hotlistblog stellen wir ihre bereits fertigen Werke vor. In der Prosa-Reihe bitten wir sie um Unveröffentlichtes, Einblicke in Schreibprozesse oder Auszüge aus Romanprojekten.

(23)

Ruhe! Setzen, sechs! Diese Schulzeiten sind vorbei. Es herrschen Wörtersalat und Sprachenvielfalt. Und damit begrüßen wir den heutigen Gast Nadine Kegele, mit der wir eine spezielle, quirlige Klasse besuchen. Dort begegnen sich alle auf Augenhöhe. Der Auszug stammt aus dem Band Und essen werden wir die Katze, der im September im Verlag Kremayr & Scheriau erscheint, angekündigt als „Geschichten über Sicherheit und Unsicherheit, zwischen Kuwait, Afghanistan, Europa und als vielstimmiges Geflecht aus Bild, Zitat und Literatur“.

Die österreichische Autorin, selbst ernannte „Arbeiterschriftstellerin“, gehört zu den „interessantesten literarischen Stimmen der jüngeren Generation“. Dafür gibt es ein Doppelplus. Mit ihren 2017 erschienenen literarischen Tonbandprotokollen Lieben muss man unfrisiert im Geiste von Maxi Wanders Guten Morgen, du Schöne hat Kegele viel Aufmerksamkeit bekommen fürs genaue Hin- und Zuhören.

 

Syrien ist heimlich in Polen verliebt

Die Frau Lehrerin hat ins Bett gemacht!
Ja, sage ich, ich habe geschlafen und geträumt, ich ginge aufs Klo. Syrien sagt: Ist Klo Toilette? Genau, sage ich, Toilette ist schön, Klo normal, und dann: Psss. Ich pinkele mit dem Mund in die Klasse. Sie lachen. Kurdistan ruft: Die Frau Lehrerin war auch mal ein Kind! Ägypten sagt: Wie alt bist du jetzt? Kurdistan sagt: Das heißt Sie! Ich sage: Dreißig plus sechs bin ich jetzt, wie viel ist das? Kurdistan schlägt sich auf die Stirn: Alt wie meine Mama!

Wir lesen in einem Buch. Wir lesen von Pipiberts gelben Momenten. Wir teilen unsere eigenen gelben Geheimnisse. Armenien sagt: Einmal, in einer Nacht, hat mein Bruder Kasten und Klo verwechselt. Armeniens Bruder lacht und sagt: Ich habe sogar vor den Kasten gemacht. Wir lachen mit. Kasten und Klo von Armenien stehen bereits seit hundert Jahren in Syrien. Dass sie dennoch Armenien heißen, ist die Erinnerung ihrer Eltern und Großeltern und Urgroßeltern an eine verlorene Heimat und das Gedenken an die Toten dieser Heimat, die einmal war. Polen sagt: Wenn man Pipiberts rechtes Gesicht abdeckt, er sieht wütend aus, wenn man Pipiberts linkes Gesicht abdeckt, er sieht traurig aus. Wir decken Pipiberts Gesicht ab. Rechte Gesichtshälfte, linke Gesichtshälfte, rechts, links, rechts, links. Wütend, traurig, wütend, traurig – Staunen: Stimmt! Ich sage: Tolle Beobachtung, Polen! Polen freut sich.

Und Syrien, das sehe ich genau, ist heimlich in Polen verliebt. Zum Beispiel wenn ich sage: Schaut mal in die Klasse, wer fehlt heute? Fehlt Polen, sagt Syrien: Polen fehlt. Obwohl Ungarn auch nicht da ist. Aber in Ungarn ist Syrien nicht verliebt, Syrien hat bloß Augen für Polen.

Manchmal fädelt sich Syrien gefinkelt zwischen Lehne und Sitz ein, rutscht geschickt hindurch und ruft: Hilfe, Frau Lehrerin, Hilfe! Dann hilft mir Irak Syrien zu helfen, Syrien sanft zu entknoten, obwohl Syrien Irak in den Pausen heimlich schlägt. Ich sage: Was könnt ihr sagen, wenn euch jemand zu nahekommt? Fünfzehn Arme sausen nach vorn. STOPP!

Nach dem Unterricht will ich alleine sein. Ich will meine Ruhe. Ich will eine Ruhe für mich. Doch im Bus sitzt Syrien. Und ich kann mich nicht mehr ruhig verhalten, Syrien hat mich schon gesehen. Ich verschiebe das Ruhebad auf später. Ob ich mich dazusetzen darf. Ich darf. Ich setze mich. Wir sitzen. Sitzen zwei im Bus …

Kurdistan, sagt Armenien am nächsten Tag, ist dumm. Halt die Fresse, sagt Afghanistan für Kurdistan. Wisst ihr noch, sage ich, was der Jakob im Jakob-Buch sich denkt, wenn jemand gemein zu ihm ist? Da rein, da raus, sagt Türkei. Auch Türkei sagt: Da rein, da raus. Türkei und Türkei sind beste Freundinnen seit dem dritten Tag. Sie halten einander um die Schultern, tratschen, ihre Köpfe zusammensteckend, kichernd unterm Tisch. Wer dumm sagt, ist selber, sagt Kurdistan. Ich sage: Was könntet ihr statt Halt die Fresse sagen? Polen sagt: Kannst du bitte leise sein? Dann ist Pause.

Die große?
Klar.
Will nicht.
Du musst.
Will aber nicht!
Es tut mir leid, die Schulordnung sagt, du musst in der Pause in den Hof gehen.
Kurdistan greift nach den Federballschlägern, Armenien nach dem Ball. Syrien und Irak befinden sich unterm Türstock im Streit.
Irak: Ich spreche Persisch!
Syrien: Arabisch sprichst du!
Persisch!
Arabisch!
PERSISCH!
ARABISCH!
Dann gehen wir nicht vorschriftsmäßig in den Hof. Die Vorschrift ist Zweierreihe, wir gehen in Keinerreihe. Links und rechts geben mir Türkei und Türkei die Hand, Dreiherreihe. Aus der Klasse gegenüber höre ich eine Kollegin drohen: Wenn-ihr-nicht-dann! Wenn ich die Kollegin später alleine auf dem Flur treffe, dann wird sie auf eine Art über die Kinder sprechen, dass ich sie ihr sofort wegnehmen will.

Sitzen zwei im Bus und fahren nach Hause. Syrien fährt zu sich, ich fahre zu mir. Bis zur U-Bahn fahren wir gemeinsam. Der Bus ist voller Hitze und Eis und Grantscherben und Österreich und Syrien, Bein an Bein, ein kurzes, ein noch kürzeres. Syrien fragt, wie groß ist Ihre Wohnung, und wie viel zahlen Sie dafür?

An einem anderen nächsten Tag liegt Kurdistan auf einem Bogen Packpapier. Wir zeichnen den Körper. Irak ruft: Kurdistan hat dreckige Socken! Alle schauen auf die Socken von Kurdistan. Schaut, sage ich, meine haben sogar ein Loch! Alle schauen auf das Loch in meiner Socke. Zum Glück habe ich heute ein Loch dabei, denke ich. Wir zeichnen das Gesicht. Das Gesicht, die Gesichter. Grimassen. Das Auge, die Augen. Braun, braun, blaugrün und schwarz, nein, schwarz sagt man nicht. . Der Mund, die Münder? Halt den Mund. Ich halte ihn, damit er mir nicht zu Boden fällt. Die Zunge, die Zungen. Zunge zeigen tut man nicht, denn das heißt: Ich liebe dich! Die Haare, das Haar. Ich hantiere mit den Fingern an einer Strähne. Ich zupfe ein weißes Haar aus. Weiß, schwarz, braun, rotbraun. Ich zeige auf die Köpfe der Kinder. Der Kopf, die Köpfe. Ich denke, ob die Kinder Köpfe gesehen haben, nur Köpfe, es gibt Kinder, die nur Köpfe gesehen haben. Ich will nicht wissen, ob auch die Kinder hier, frage lieber: Und das? Der Po. Alle lachen. Lachen sollen Kinder. Der Po, die Pos? Die Popos, schlägt Kurdistan vor. Du Arsch, sagt Afghanistan. Da rein, da raus, sage ich. Und das, fragen Türkei und Türkei. Der Knöchel, sage ich und tippe auf einen, die Knöchel, und tippe auf zwei.

Darf ich ein neues Blatt, fragt Kurdistan. Aber wieso denn, frage ich, das ist voll schön geschrieben. Schön schreiben, denke ich, schön schreiben ist Drill ist übertrieben ist Das blaue Band. Das Lob des schön Schreibens werde ich mir abgewöhnen, ab jetzt! Kurdistan sagt: Ich brauche ein neues Blatt, mein Vater will auch lernen, und morgen bin ich mit ihm auf Termin. Du kommst morgen nicht? Nein, sagt Kurdistan, ich dolmetsche morgen bei Sozial. Du wirst fehlen, sage ich. Kurdistans Wange leuchtet. Die Wange, die Wangen. Kurdistans Wangen leuchten rot. Ukraines Augen leuchten zweifarbig.

Ich gehe mit Ukraine von Tisch zu Tisch. Vor jedem Kind reißt Ukraine seine Augen auf. Ukraine kann noch kaum ein Wort Deutsch, weshalb Syrien und Irak Ukraine manchmal hänseln, doch zwei Augenfarben hat niemand außer Ukraine und David Bowie. Und seit Bowie nicht mehr ist, nur mehr Ukraine.

Syrien fragt, wie groß ist Ihre Wohnung, und wie viel zahlen Sie dafür? Ich sage, so groß ist meine Wohnung und so viel zahle ich dafür. Wow, staunt Syrien, wir zahlen für ein Zimmer tausend Euro. Tausend Euro, staune nun ich, für ein Zimmer, ich sage es laut, zu schnell, und zu schockiert. Doch Syrien ist bereits beschäftigt damit, die Wohntürme zu mögen, die neben der Straße hoch über unsere Köpfe ragen.

(Auszug aus Und essen werden wir die Katze)

Nadine Kegele wurde 1980 in Bludenz/Vorarlberg geboren und lebt seit 1998 in Wien. Studium der Germanistik, Theaterwissenschaft, Gender Studies. Seit 2017 Basisbildungstrainerin für migrantische Wiener_innen an der Volkshochschule. Sie erhielt diverse Literaturpreise und Stipendien, z. B. Publikumspreis TDDL 2013, Literarisches Colloquium Berlin Aufenthaltsstipendium 2014, Theodor-Körner-Preis 2016. Veröffentlichungen: Annalieder (Czernin Verlag 2013), Bei Schlechtwetter bleiben die Eidechsen zu Hause (Czernin Verlag 2014), zuletzt erschien Lieben muss man unfrisiert. Protokolle nach Tonband (Kremayr & Scheriau 2017). Social Media: Homepage Facebook

Vielen Dank an Nadine Kegele für ihren Beitrag!

Senta Wagner
(Foto Nadine Kegele © detailsinn)

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