Indie-AutorInnen schreiben – Anna Herzig (24)

Wer bei einem unabhängigen Buchverlag seine Bücher verlegt, die und den nennen wir einfach mal Indie-Autorin und Indie-Autor. Die beiden müssen das nicht immer bleiben, Literatur lässt sich nicht binden, aber es ist schön, wenn es so ist.
Beim Hotlistblog stellen wir ihre bereits fertigen Werke vor. In der Prosa-Reihe bitten wir sie um Unveröffentlichtes, Einblicke in Schreibprozesse oder Auszüge aus Romanprojekten.

(24)

Sie kennen Herrn Rudi nicht? Aber gleich machen wir Sie miteinander bekannt. Vorher lernen Sie noch unseren heutigen zauberhaften Gast kennen: Anna Herzig. Die österreichische Autorin ist seit diesem Bücherfrühling bekannt, in dem bei Voland & Quist ihr Erstling Sommernachtsreigen erschienen ist – einem endlosen, alkoholgeschwängerten Gespräch an dem Ort, wo oft die besten Gespräche stattfinden, einer Bushaltstelle. Nachts. Im wienerischen Singsang. Sie liebt Dialoge, sagt die Autorin dazu schlicht.
Dass sie von dem Leipziger Verlag mit offenen Armen empfangen wurde, ist für Herzig ein großes Glück, in Österreich wurde sie mit ihrem Manuskript überall abgelehnt – zu Unrecht.
Anna Herzig ist eine ganz Frühberufene: Nach unzähligen gelesenen Büchern habe sie bereits im Alter von vierzehn Jahren ihren ersten Roman geschrieben. Ihre Texte zeigen einen liebevollen Blick auf menschliche Makel und Abgründe und einen Hang zu „Satzromantik“. Auch in Herr Rudi balanciert sie geschickt zwischen Leichtigkeit und Schwere.

Herr Rudi

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Ob der

Ob der Herr Rudi sobald wie möglich, „schnellstens“ sozusagen, mit einer Chemotherapie beginnen möchte.
„Hilft das was im Endstadium?“, fragt er den Fachmann.
„Ich glaube, dass es manchmal hilft, an Wunder zu glauben“, antwortet der Onkologe.
„Da haben Sie wahrscheinlich recht“, sagt der Herr Rudi freundlich. Wenn sich deine Gesundheit von dir scheiden lässt, gibt es nicht mehr viel zu sagen. Auf den Arzt sauer zu sein bringt jetzt nichts. Der hat ihm den Krebs nicht in den Körper gesetzt. Eigentlich sollte der Arzt auf den Krebs sauer sein und all die anderen Krankheiten, wo er gezwungen ist nicht helfen zu können, aber gezwungen wird, Menschen mitteilen zu müssen, dass sie sterben werden, und zwar mit Datum. Mindestens haltbar bis. Arzt sein ist immer ein bisschen scheiße: Held in Weiß und Sublieferant vom Sensenmann zugleich.

Später, nachdem er aus der Praxis vom Onkologen raus ist, denkt der Herr Rudi, dass es schade ist. Wegen der Krankheit das Haus in Salzburg kaufen, das zahlt sich nicht mehr aus. Er kann schon. Theoretisch. Aber was wird dann aus dem Haus? Der Herr Rudi hat keine Kinder, keine Frau, nicht mal eine versteckte Geliebte. Niemanden, dem er damit eine Freude machen kann. Dieses Haus wäre leer und einsam. Ein Haus, das muss man füllen. Nicht mit Möbeln, aber mit dem Leben.

Eigentlich wollte der Herr Rudi heute pünktlich bei der Arbeit sein. Aber dann hat er vor einer Woche Schmerzen gespürt, als er sich zu schnell auf das Sofa gesetzt hat. Schmerzen an einer Stelle, wo er noch nie zuvor, wirklich sein ganzes Leben lang noch nie Schmerzen gehabt hat. Also hat er gewartet und gedacht: Geh, das kommt nicht wieder. Ein Indianer, vor allem ein alter, der kennt keinen Schmerz. Aber dieser Schmerz war hartnäckig. Jedes Mal, wenn er sich hingesetzt hat, egal wie und wo, hat das einen stummen Schrei ausgelöst.

Wahrscheinlich ist es so Rudi, denkt er: Dein Schwanz und deine Eier rebellieren langsam nach all den Jahren der Enthaltsamkeit und wollen dir sagen: Mann, bitte tu was. Das kannst du nicht bringen. Uns so zu vernachlässigen. Wie stellst du dir das vor? Weißt, mach nicht so auf enthaltsam, weil wir funktionieren noch. Recht gut sogar. Da gäb’s Frauen, die interessiert wären, das weißt du ganz genau. Aber nein, du hast die Evi nie vergessen können. Die Evi und den Wolfgangsee. Da warst du noch ein halbes Kind.

Das mit dem Verlieben ist eine saublöde Sache. Einseitig verlieben ist noch viel blöder. Weil es dann Menschen auf der Welt gibt, die ein Stück von dir genommen haben. Damit gehen sie spazieren, duschen, schlafen, essen, trainieren, ins Kino, zur Arbeit, die Mutter besuchen, bohren in der Nase, wischen sich den Arsch aus, zahlen Rechnungen und so weiter. Das Stück Seele, das dir gestohlen worden ist, wird dann so secondhand und du kriegst es in seiner ursprünglichen Reinheit nie wieder zurück.

Vier Jahrzehnte nach der Evi sitzt der Herr Rudi im Vorzimmer auf einer gepolsterten weißen Bank und freundet sich mit dem Grim Reaper an, während er eine Tasse schwarzer Filterkaffee trinkt. Die Wohnung ist still. Aber das stört ihn nicht. Die Stille ist eine perfekte Geliebte. Greifbar, wenn man sich die Mühe macht.

Den Ruhestand hat er sich so vorgestellt: Raus aus Wien, rein nach Salzburg. Frische Luft, wandern, wann immer er will. Der Mönchsberg. Vielleicht einen Hund. Jedes Wochenende frühstücken im Café Fingerlos oder im Wernbacher. Schön hätte das werden können. So schön.

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Wenn Toshiro

Wenn Toshiro sich etwas hätte aussuchen können, dann wäre es bestimmt nicht Österreich gewesen. In seinem Leben ist es jedoch so, dass die Dinge für ihn ausgesucht werden. Es ist befremdlich, alles. Aber die Luft riecht gut, findet er. Seine Eltern glauben, dass sie ihm eine Freude machen. Einmal im Jahr kommt er raus aus Japan und für zwei Wochen geht es dann zu irgendeiner Destination, von der die Eltern denken, sie könnte ihn heilen, kurieren von der widerspenstigen Stummheit, die sich in ihrem achtzehnjährigen Sohn ausgebreitet hat. Ihr Sohn, der so leidenschaftlich wortlos ist, dass man ihm zu Hause Autismus attestiert hat. Toshiro sieht das anders, aber man hat längst aufgehört mit ihm zu reden, ihm Fragen zu stellen. Er ist Dekoration für die Eltern und deren Alltag. Wenn die Eltern sprechen, dann in gedämpfter Tonlage über Triviales. Wenn sie über ihn sprechen ebenso. Allerdings, und das ist der einzig nennenswerte Unterschied seit fünf Monaten: Wenn sie über Salzburg sprechen, den Ort, an dem die Familie dieses Jahr ihren Urlaub verbringt, dann leuchten die Augen der Eltern, und sogar die Stimmen des sonst so beherrschten Ehepaares Sat­o werden zu einer Glut.

Manchmal flüstern die Eltern spätabends: Hoffentlich macht er uns keine Schande, das wäre untragbar. Was, wenn er nie auszieht, sich für immer einsperrt in diesem Zimmer. Wenn er keine Frau findet, keine Kinder in die Welt setzt, nie einen Job kriegt, weil einen Stummen stellt niemand ein. Was wird man dann über uns sagen?

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Toshiro denkt

Toshiro denkt: Ich weiß schon, wie man das macht, das Leben, und wie das funktioniert, weil meine Eltern mir das vorgezeigt haben, und ich weiß auch ganz genau, wie man redet (ein Wort nach dem anderen, möglichst respektvolle, zusammenhängende Sätze). Aber die Menschen reden viel und das ist ungesund. Ich bin Toshiro Sato und mein Ich möchte nichts müssen. Das kann ich spüren. Irgendwo tief in mir versteckt sich dieses Ich und das lässt sich nicht betrügen. Dabei habe ich es versucht und die Folge war das radikale Wehren gegen die Wörter. Das ist es also. Ich wurde geboren, um eine Liste abzuarbeiten, die Familie mit Stolz zu erfüllen, keine Schande über mein Elternhaus zu bringen. Und dann denke ich, wenn ich lange genug schweige, vergessen sie vielleicht, dass sie einen Sohn haben. Dann bin ich frei.

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Seit sein

Seit sein Körper nachweislich mit dem Sterben angefangen hat, wacht der Herr Rudi mitten in der Nacht auf und hat ein unwiderstehliches Verlangen nach gelbem Gemüse-Curry mit Reis. Es gibt niemand in seiner Wohnung, den der Geruch stören könnte, und deshalb kocht er Nacht für Nacht für Nacht dieses Curry. Es beruhigt ihn. Als würden alle Antworten, nach denen er jemals gesucht hat, in diesem herrlichen Gericht und dessen therapeutischer Zubereitung stecken. Kochen, das muss er nackt machen. Das war schon immer so. Er muss sich spüren, wenn er etwas mit den Händen erschafft. Barfuß mit dem Parkettboden verbunden und der lange, schlanke Körper frei von jedem Stoff. Die Wärme, die er spürt, wenn er am Herd steht, findet er sympathisch.

Die Evi hat ihm das beigebracht. Das Nacktsein. Und das Küssen.

Der Herr Rudi kann sogar richtig gut küssen. Das wartet aber keine Frau ab, weil er mit seinen großen Händen so ungeschickt ist. Zum Beispiel wenn’s darum geht, einen Kaffee in einer zarten Porzellantasse auf einer ebenso delikaten Untertasse zum Wohnzimmertisch zu tragen. Am äußeren Rand der Untertasse liegen zwei kleine italienische Biscottini. Die legt er nur dazu, wenn er seinen Gast mag. Biscottini für Menschen, die ihn interessieren sozusagen. In seiner Hand wankt und schwankt der Inhalt, kippt auf die weiße Seidenbluse vom Damenbesuch und legt Dinge frei, die sich abzeichnen. Sie schaut ihn an, als wäre irgendetwas mitten auf ihrem Gesicht gestorben und hätte bereits angefangen zu verfaulen.
(Auszug aus aktuellem Romanprojekt)
Anna Herzig wurde 1987 als Tochter eines Ägypters und einer Kanadierin in Wien geboren. Dort lebt sie auch. 2018 erscheint ihre Novelle Sommernachtsreigen (Verlag Voland & Quist).

 

 

 

Vielen Dank an Anna Herzig für ihren Beitrag!

(Senta Wagner)

 

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