Bevor wir verschwinden

Die langen und kurzen Listen machen in den Medien wieder die Runde. Im Herbst werden alljährlich drei hoch dotierte Literaturpreise verliehen und im Vorfeld mit viel Tamtam begleitet. Aufmerksamkeit für Buch und Lesen, was will man mehr.
Der eine ist der Deutsche Buchpreis (seit 2005), der andere der Schweizer Buchpreis (seit 2008) und der jüngste der Österreichische Buchpreis (seit 2016). Dass zunehmend Publikationen aus unabhängigen Verlagen auf den Listen landen und sogar gewinnen, ist eine erfreuliche Entwicklung.

Zwei aktuelle Beispiele: Mareike Fallwickls atemberaubender Roman Dunkelgrün fast schwarz (s. Hotlistblog), erschienen in der Frankfurter Verlagsanstalt, steht auf der Longlist des öbp, Bevor wir verschwinden von David Fuchs (Haymon Verlag) wurde für den Debütpreis des öbp nominiert.

Bevor wir verschwinden

Im Leben geht es immer um das Sterben. Der Grat zwischen noch anwesend und schon abwesend ist ein schmaler. Diesen Grat hat sich David Fuchs in seinem höchst berührenden Roman vorgenommen festzuhalten und zu verewigen.
Einer seiner Protagonisten heißt Ambros Wegener, ist Mitte zwanzig und liegt als schwer kranker Patient im Krankenhaus auf der Krebsstation, „bald ist es so weit“. Sein junger Körper ist voller Metastasen. Es ist ein heißer August im Jahr 2002, die namenlose Ortschaft steht unter Wasser. Es war die Zeit des Jahrhunderthochwassers in Europa. Das Bild passt in seiner Bedrohlichkeit zur Geschichte, Hochwasser bedeutet immer einen Wettlauf gegen die Zeit wie auch bösartige Erkrankungen.
Ambros hat schon vor seiner Diagnose fotografiert, und zwar „Dinge und Menschen, Porträts, alles in Polaroid“. Jetzt fotografiert er andächtig die Sterbenden auf seiner Station, er nennt es sein Projekt. Es geht ihm um den Moment vor dem Verschwinden, vielleicht vergewissert er sich so selbst seines Lebens.

Benjamin ist der Neue auf der Onkologie. Er ist Medizinstudent und macht dort ein Praktikum. Gleich am ersten Arbeitstag erfährt er von Ambros’ „Scheißprognose“ und der angeordneten palliativen Chemotherapie. Benjamin ist sprachlos, fassungslos, überrascht, alles zusammen: Ambros ist sein Ex-Freund. Viel Zeit zum Nachdenken bleibt nicht, die Station hält auf Trab. Es kommt zur ersten, dann weiteren Begegnungen. Zur Sprache kommt die Krankheit allerdings nie, viel zu sehr sind die beiden jungen Männer mit ihrem unerwarteten Aufeinandertreffen beschäftigt, das sie zwischen Visiten und Untersuchungen vorsichtig auskosten.
Es war zu Schulzeiten, als Benjamin und Ambros ein Liebespaar wurden, Ambros war forscher und weiter, für Benjamin war es eine Zeit der Initiation und des Zaubers. Musikalisch klingen die Neunziger an mit Bush und Nirwana, ein Sound, der die Geschichte bis zum Schluss trägt und sie von ihrer beängstigenden Krebsschwere löst. Damals, die Zeit, als wir alle noch unsterblich waren.
Die Männer begegnen sich im Hier und Jetzt auf vorsichtig-vertraute Weise, ihr Ton ist locker, unsentimental – die Redeweise von Mittzwanzigern, sie spiegelt sich auch in der launigen, schlichten Erzählweise in den kurz getakteten Szenen. Fuchs wirft dennoch große Fragen auf: Lassen sich das an der Uni gelernte Wissen, die Empathie auch dann noch anwenden, wenn es eine persönliche Beziehung zwischen Arzt und Patient gibt? Was macht es mit einem Arzt, wenn er mitleidet? Für Benjamin sieht die Sache im Krankenzimmer von Ambros so aus: „Wenn ich auf dem Bett sitze, komme ich mir vor wie bei der Visite (…) Ich stehe auf, hole einen Sessel und stelle ihn neben das Bett. (…) Jetzt fühlt es sich an, als wäre ich zu Besuch.“ Und noch weiter gefragt: Was geschieht mit der Liebe, wenn der Körper nicht mehr funktioniert?

Benjamin hat begriffen, worum es Ambros bei seinem Projekt geht. Er wird ihn bis zum Schluss begleiten, und zwar als Freund. Es ist doch immer die gemeinsam verbrachte Zeit, die zählt. David Fuchs, selbst Onkologe, legt ein hohes Maß an Empathie, Würde und einen klinischen Durchblick in sein Schreiben. Im Handgemenge mit Vorgesetzten, dem Pflegepersonal, dem Jargon und Krankenhausroutinen blitzen trockener Witz und Gelassenheit auf.
Anrührend und schwebend bewegt sich dieser schöne Roman auf dem zu Beginn erwähnten schmalen Grat.

  • David Fuchs: Bevor wir verschwinden. Innsbruck: Haymon Verlag 2018. 210 Seiten. 19,90 Euro.

 

Senta Wagner
(Kurzfassung des Beitrags erschienen in der Buchkultur 179)

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