Hotlistlesen (4)

Auch wenn man von einem Roman der Stunde sprechen könnte, nichts, was uns passiert von Bettina Wilpert (geb. 1989) war vor dem „viralen“ Entstehen von #MeToo im Oktober vor einem Jahr bereits abgeschlossen. In diesem Frühjahr ist das schmale Romandebüt im Berliner Verbrecher Verlag erschienen und noch immer in aller Munde. Dennoch, die Autorin wolle mit ihrem Buch mehr als einen Debattenbeitrag rund um das Thema sexuelle Gewalt liefern. Das ist ihr in vielerlei Hinsicht gelungen. Der ästhetische Zugriff ihres Schreibens wurde erkannt. Jetzt steht es nicht nur auf der Hotlist 2018, sondern wurde auch als bester deutschsprachiger „Prosaerstling“ mit dem „aspekte“-Literaturpreis ausgezeichnet. Die Jury lobt Wilpert als „beeindruckend souveräne Erzählerin, die in knapper, manchmal lakonischer, aber immer zielsicherer Sprache ihren Stoff konzentriert zu arrangieren weiß“.

In nichts, was uns passiert ist eine Vergewaltigung Auslöser für ein kompliziertes wie schmerzhaftes und nachdenkenswertes Danach. Lügt Anna? Ist Jonas ein Vergewaltiger? Geht es tatsächlich um Lüge und Wahrheit? Es werden viele Stimmen zu Wort kommen, die sich mal auf die eine, mal auf die andere Seite schlagen. Ein Fall, der vielerlei Sichtweisen und unterschiedliche Wahrnehmungen aufzeigt. Wilpert spricht in diesem Zusammenhang von „Nichteindeutigkeiten“ und „Grauzonen“. Vortrefflich werden das Gerede der Leute, die Befragungen der Betroffenen und die Selbstbefragungen im Stil eines Protokolls eingefangen.

Auf dem Hotlistblog findet sich bereits eine ausführlichere Besprechung des Romans und ein kurzes Verlagsporträt.

  • Bettina Wilpert: nichts, was uns passiert. Berlin: Verbrecher Verlag 2018. 168 Seiten. 19 Euro

 

Interview mit Kristine Listau und Jörg Sundermeier vom Verbrecher Verlag

Was ist eure verlegerische Vision für die nächsten Jahre?

Sundermeier: Wir wollen weiterhin gute Bücher machen und unsere Strukturen verbessern.
Listau: Ich will Jörg verbessern. Nein, im Ernst: unsere Autor*innen, unsere Bücher noch bekannter machen und damit mehr Erkenntnis in die Köpfe bringen.

Mittlerweile werdet ihr auch sehr stark als Verlag für Debüts und junge Autor*nnen wahrgenommen und geschätzt. Was zeichnet eure Arbeit, beispielsweise mit Bettina Wilpert, aus?

Listau: Wir haben das Glück, guten Autor*innen zu begegnen, und sie vertrauen uns. Und das anscheinend zu Recht.
Sundermeier: Schön ist auch, dass die Feuilletons, vor allem aber der Buchhandel das genauso sieht. So können wir den Autor*innen auch eine Perspektive bieten. Wir arbeiten mit Debütant*innen genauso zusammen wie mit erfahrenen Autor*innen, und wir sind auf alle genauso stolz.

Engagement ist eine Grundvoraussetzung für verlegerische Arbeit. Was würdet ihr euch vonseiten des Staates bzw. der Kulturförderung an Unterstützungsmaßnahmen wünschen?

Listau: Eigentlich ist es am schönsten, wenn man alles aus eigener Kraft schafft. Trotzdem bin ich neidisch auf das Verlagsförderungssystem in Österreich. Hierzulande gibt es aber auch immer mehr Landespreise für Verlage, und die Kulturstaatsministerin hat bereits einen Bundespreis in Aussicht gestellt. Wir sehen also, dass es einen politischen Willen schon mal für den Erhalt der deutschen Buchvielfalt gibt. Ich hoffe aber, dass das Medium Buch, egal ob digital oder gedruckt, wieder an Bedeutung im Leben aller gewinnt und so wertgeschätzt wird, so dass wir unabhängig von einer staatlichen Unterstützung agieren können.
Sundermeier: Schön ist auch, dass die Branche solidarisch ist und wir, unabhängige Verlage, gegenüber der Politik geschlossen dastehen. So merkt diese: Wir sind viele. Und daher schenkt sie uns Beachtung. Und das garantiert, dass wir auch in Zukunft gehört werden.

Danke an Jorghi Poll für das Interview, dem Verbrecher Verlag viel Erfolg!

Senta Wagner

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