Hotlistlesen (5)

„Dieses Buch ist den eineinhalb Millionen jüdischen Kindern mit all ihren ungemalten Bildern gewidmet, die nicht so viel Glück hatten wie ich.“

Die englische Kinderbuchautorin mit deutschen Wurzeln Judith Kerr erreichte heuer das fast schon biblische Alter von 95 Jahren und fand dennoch die Zeit und die Kraft, ihre 2013 erschienene Autobiografie Creatures durchzusehen, die nun in der Edition Memoria unter dem Titel Geschöpfe vorliegt. Bereits auf dem Titelblatt gibt Kerr eine eigenwillige Erklärung, warum sie gerade diesen ungewöhnlichen Titel gewählt hat: „Mein von der Insel Man stammender Ehemann bezeichnete seine Eltern immer als seine Geschöpfe, somit meint Geschöpfe neben viel geliebten Tieren auch eine viel geliebte Familie.“

Nun, die viel geliebten Tiere sowie die innig verehrte Familie spielten auch im Leben von Judith Kerr eine mehr als tragende Rolle, wenn man ihrem authentischen Lebensbericht Glauben schenken will. Aber warum sollte man das auch nicht? Selten hat jemand so aufrichtig und herzlich, so persönlich und unprätentiös von seinen eigenen Höhen und Tiefen geschrieben und ist dabei so bescheiden geblieben, denn immerhin ist Judith Kerr vor allem im englischsprachigen Raum eine berühmte Kinderbuchautorin und -illustratorin, deren Lebenserinnerungen für Generationen von Kindern und zu Erwachsenen gewordenen Kindern von Interesse sind; in England kennt wohl jedes Schulkind die Geschichte Ein Tiger kommt zum Tee oder eines der zahlreichen Bücher über den Kater Mog. Mit ihrem Roman Als Hitler das rosa Kaninchen stahl hat Kerr aber vor allem auch zum Verständnis von Flüchtlingsschicksalen jüdischer Emigranten in der Zeit des Nationalsozialismus beigetragen, war sie selbst doch die Tochter eines der berühmtesten Exilanten, des Theaterkritikers und Feuilletonisten Alfred Kerr.

So gerinnt Judith Kerrs Lebensrückblick nicht zu einem Potpourri einer mehr oder weniger geglückten Karriere, sondern vor allen zu einem Spiegel der politischen Verwerfungen des 20. Jahrhunderts, mit all der Not und den Entbehrungen, die einen Flüchtling nach 1933 in der Fremde erwarteten. Dabei ist vor allem der Vater sehr präsent, der unter anderem als Redakteur des Berliner Tagblatts in der Weimarer Republik eine Berühmtheit war, was ihm schließlich einen Platz auf der Schwarzen Liste von Reichspropagandaminister Goebbels einbrachte. Noch vor der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler musste Kerr fliehen, die Familie folgte. Zuerst führte sie der Weg nach Paris, später nach London. Doch allen Entbehrungen zum Trotz, Judith Kerr blickt milde und bewundernd auf ihre Eltern zurück und fragt sich in so manchen Passagen des Buches, ob sie an ihrer Stelle ebenso gut für ihre Kinder hätte sorgen können.

Der Rest ist Geschichte. Judith Kerr hatte Glück, wie sie in einem abschließenden Zitat vermerkt, mehr als die rund eineinhalb Millionen jüdischen Kinder mit all ihren ungemalten Bildern. Sie kann eine Schule besuchen, ihr Talent zum Zeichnen entdecken und schließlich gar Kinderbuchautorin werden, deren Bücher geliebt werden, bis zum heutigen Tag. Von Glück schreibt Judith Kerr auch, wenn sie von ihrem Mann, dem Drehbuchautor Nigel Kneale, schreibt, mit dem sie jahrelang für die BBC arbeitete und bis zu seinem Tod 2006 glücklich verheiratet war. Um Glück geht es auch, wenn sie von ihren Kindern Tacy und Matthew schreibt, die selber als bekannte Schauspielerin und Malerin sowie als mehrfach ausgezeichneter Autor die Kunst als Berufung begriffen haben. Aber was wäre bei dieser Herkunft auch naheliegender?

Judith Kerr ist mit Geschöpfe ein einfühlsames und unterhaltsames Zeitporträt gelungen, reich illustriert bietet das Buch auch einen guten Einstieg in die Bildwelt Kerrs rund um diverse Kater, Tiger, Affen oder Gänse. Vor allem aber ist es ein lebendiges Zeichen des Überlebens in barbarischen Zeiten mithilfe der Kraft der Literatur, dem Zauber der Kunst. Ein beeindruckendes Plädoyer für mehr Menschlichkeit.

Bernd Schuchter

  • Judith Kerr: Geschöpfe. Mein Leben und Werk. Aus dem Englischen von Ute Wegmann. Hürth: Edition Memoria 2018. 176 Seiten. 36 Euro.

Interview mit Verleger Thomas B. Schumann

Warum haben Sie sich bei der Einreichung zur Hotlist für Geschöpfe von Judith Kerr entschieden?

Die inhaltlich wie auch durch die vielen Bilder anrührende Autobiographie der berühmten Kinderbuchautorin und Illustratorin Judith Kerr repräsentiert auf ideale Weise das auf Exil- Kultur fokussierte Programm des Verlages Edition Memoria. Ich bin sehr froh, daß es mir gelungen ist, dies schöne Buch im Heimatland der Verfasserin, das sie als Kind mit ihrer Familie 1933 verlassen mußte, herauszubringen. Judith Kerr gehört neben Elisabeth Mann Borgese, Georg Kreisler und Georg Stefan Troller zu den bekannten Namen des Verlags.

Was ist das Besondere an Ihrem Verlagsprogramm, an Ihrer Philosophie?

Im Verlag Edition Memoria erscheinen ausschließlich Bücher von Autoren und Autorinnen, Künstlern und Künstlerinnen, die von den Nationalsozialisten ins Exil vertrieben wurden. Es ist mein Anliegen, den ungemeinen kulturellen Aderlass, der dadurch entstanden ist, zu verdeutlichen und interessante kulturelle Schöpfungen wieder oder überhaupt erstmals zugänglich zu machen.

Was bedeutet für Sie unabhängiges Verlegen? Darf es weitergehen wie bisher?
Unabhängiges Verlegen bedeutet, die Bücher zu machen, die zumindest teilweise von großen Verlagen aus ökonomischen Gründen nicht verlegt würden, was natürlich immer eine Gratwanderung ist – aber doch ungemein befriedigend. Da das Buch von Judith Kerr bei Publikum und Presse sehr gut ankommt, darf es durchaus so weitergehen wie derzeit, ja, das wäre ideal so …

Herzlichen Dank an Thomas B. Schumann!

(Senta Wagner)

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