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Madagaskar und die Suche nach dem Stern von Madagaskar, genannt Angreacum Sesquipedale, Rückkehr nach Deutschland zu den Eltern, mit einer Blume, die aus seiner Schulter wächst, mehrwöchiger Aufenthalt in einer psychiatrischen Anstalt, Vertretungsprofessur an der Akademie für Land- und Forstwirtschaft, Einladung zu einem Vortrag am großen Botaniker-Kongress in London, Aufbruch nach China, um dort den chinesischen Frauenschuh mit seiner prächtigen Blüte zu finden. Das waren die Stationen des Botanikers Anselm, der Mitte des 19. Jahrhunderts lebte. Fasziniert und obsessiv besetzt von den Orchideen war ihm keine Mühe zu groß, um zu finden, was er suchte. Überwältigend war das Glücksgefühl, wenn er in Madagaskar im Regenwald ein Feld voller blühender Sterne entdeckte. „Das Aufgehen dieser Blüte vor Anselms Augen glich einer Geburt, der Geburt eines nassen weißen Sterns, der sich der dunklen Nacht entgegenstellte, der sich der Zeit entgegenstemmte, um sich der Welt zu zeigen.“
Anselm wollte unbedingt bleiben, doch wurde ihm dies nicht gestattet. Während der Rückfahrt auf dem Schiff geriet etwas in ihm in Schieflage, etwas verrückte sich. Aus seiner Schulter, so seine Wahrnehmung, wuchs eine Orchidee. Auch diese Pflanze wurde zu einer Obsession. Die Eltern, bei denen er vorübergehend untergekommen war, sahen keinen anderen Weg mehr, als ihn in eine Anstalt zu bringen. Doch Anselm war kein Patient, der alles mit sich machen ließ. Zwar schwieg er beharrlich, doch er beobachtete, um sich eines Tages zur Wehr zu setzen. Zu viel hatte er gesehen, was mit den Menschen hier passierte – so gab es Pläne, die unheilbaren Fälle zu entlassen und nach Amerika zu schicken, die Gemeinde übernehme die Überfahrtskosten. Nur noch selten spürte Anselm ein Pochen und Ziehen in der Schulter.
Nach seiner Entlassung fand Anselm ein Schreiben vor, in dem ihm eine „Vertretungsstelle des Professors Rössler an der Akademie für Land- und Forstwirtschaft angeboten“ wurde. Doch so richtig freuen konnte er sich nicht, nachdem er erfahren hatte, sein Vater, ebenfalls Botaniker, habe sich dafür eingesetzt, dass er dieses Angebot bekam. Schlimmer jedoch dürfte für ihn gewesen sein, dass Darwin mit seiner Behauptung, „Orchideen seien auf Schmetterlinge oder andere Insekten zur Befruchtung angewiesen“, viel Aufmerksamkeit erhielt. So setzte er an zum Beweis, dass Darwin falsch lag. Anselm verstrickte sich. Er wollte seine Studenten überzeugen, er wollte Darwin widerlegen, er glaubte einem Kollegen, der behauptete, er wolle den chinesischen Frauenschuh in China finden. Anselm brach Hals über Kopf dorthin auf und erkannte nicht, dass er nach Strich und Faden übers Ohr gehauen und hinters Licht geführt  wurde. So setzte er seiner Karriere ein abruptes Ende. Trotzdem fand Anselm in China, im Dorf, wo ihn niemand kannte, Ruhe. „Ankommen bedeutete, etwas zu beginnen. Ankommen hieß sehen, entdecken, sich einlassen.“ Ob und wie ihm das gelang, bleibt offen.

Verena Stauffer scheint ebenso fasziniert von Orchideen wie ihr Protagonist, sie ist aber auch eingenommen von diesem Forscher, der sich als Botaniker in der Mitte des 19. Jahrhunderts eigenständig einen Namen schaffen will, der sein Leben diesen prächtigen Pflanzen mit den wunderschönen Blüten widmet. Der aber auch darunter leidet, vom Vater protegiert zu werden und in Darwin einen Konkurrenten zu haben, der größere Beachtung in der Forscherwelt findet. Stauffer erzählt die Geschichte von Anselm so farbig wie die Blüten der Orchidee, so reichhaltig wie die Orchideenwelt, die sie vor uns ausbreitet. Sie gibt einen Einblick in die Welt der universitären Forschung, der Konkurrenz der Botaniker untereinander, der Strapazen, die sie auf sich zu nehmen bereit sind, um zu ihren Resultaten zu kommen. Nicht zuletzt erfahren wir aber auch einiges über den Stand der Psychiatrie – oder besser über die Missstände in den Anstalten – um 1850. Auf dem Hintergrund umfangreicher Recherchen legt die 40-jährige Autorin, die in Wien lebt, mit Orchis einen bildstarken und detailreichen Debütroman, erschienen im Wiener Verlag Kremayr & Scheriau vor.

Liliane Studer

  • Verena Stauffer: Orchis. Wien: Verlag Kremayr & Scheriau 2018. 256 Seiten. 22,90 Euro.

 

 

 

 

 

Interview mit Tanja Raich vom Verlag Kremayr & Scheriau

Warum haben Sie sich bei der Einreichung für Orchis von Verena Stauffer entschieden?
Orchis ist ein außergewöhlicher, sehr wilder und mutiger Roman, ein sinnliches Leseerlebnis, das stilistisch und inhaltlich heraussticht.
Drei Jahre Belletristik bei Kremayr & Scheriau: Wodurch zeichnet sich das Programm aus?
Wir legen einen besonderen Fokus auf österreichische Gegenwartsliteratur, auf das Spiel mit der Sprache und einem ungewöhnlichen Blick auf die Welt. Jedes Buch steht für sich, jede autorin, jeder autor hat einen ganz eigenwilligen Ton für ihre bzw. seine literarische Wirklichkeit geschaffen. Haptisch und optisch versuchen wir jedes Buch zu etwas Besonderem zu machen.
Was bedeutet für Sie unabhängiges Verlegen?
Mutig, radikal und wild sein zu dürfen, andere Wege einzuschlagen, gegen den Mainstream zu publizieren.
Danke an Tanja Raich und viel Erfolg dem Verlag!
(Senta Wagner)

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