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Eugen Gomringers Gedicht avenidas hat unlängst wieder gezeigt, dass es für viele Lesarten offen ist. Der ästhetisch gestaltete Band poema, erschienen im Schweizer Verlag NIMBUS. Kunst und Bücher, war damals schon im Entstehen. Er bietet eine Einführung, Auffrischung und Vertiefung in Gomringers Konkrete Poesie, eine Auswahl der wichtigsten Texte und erläuternde Essays des Autors, seiner Freunde und Interpreten.

Manche Leserinnen und Leser werden sich vielleicht an einen irritierend einfach scheinenden Text erinnern, der eine Zeit lang in Volksschullesebüchern sehr beliebt war:

baum
baum kind

kind
kind hund

hund
hund haus

haus
haus baum

baum kind hund haus

Hier haben wir keine Schreibübung vor uns, sondern eine von Gomringers Konstellationen, anhand der das Prinzip dieser Gattung gut erklärt werden kann, wie es Marc E. Cory in seinem Essay nachvollziehbar macht: Eine Konstellation umfasst eine Gruppe von Worten (die Assoziation zu einer Sternenkonstellation ist gewollt), allerdings nicht zu viele, die neben- oder untereinander gesetzt sind und dadurch eine gedanklich-stoffliche Beziehung eingehen. Hinter dem Wort „konkret“ steckt ein radikaler künstlerischer Ansatz: Konkret sind Dinge oder Lebewesen nur in ihrem Naturzustand; sobald ich eine Blume beschreibe, male, selbst das Wort „Blume“ schreibe, wird sie abstrahiert. Nur die Farbe, die Linien auf dem Papier, das Papier selbst sind konkret; ein Grund, warum in der Konkreten Poesie die Form eine so große Rolle spielt – oft gibt es keine Trennung zwischen Form und Inhalt.
Es gibt offene und geschlossene Konstellationen, wobei die oben stehende als besonders offen gilt, da sie keine Konjunktionen, Präpositionen, Artikel etc. enthält, im Gegensatz etwa zu avenidas. Eine mögliche Beziehung zwischen den Nomen wird nur durch das Schriftbild hergestellt, und deshalb ist sie auch besonders offen für die Fantasie des Lesenden. Dies ist ein spielerisch-reizvoller Aspekt der Konkreten Poesie, die sonst oft in ihrer sachlich-durchkonstruierten Erscheinung etwas Strenges hat und eher an Mathematik und Design als an Dichtung erinnert. Gleichzeitig nährt Gomringer, worauf auch in poema hingewiesen wird, das Ideal einer universalen Gemeinschaftssprache, wobei ihm die chinesische Sprache, die ohne Flexion auskommt, als Vorbild dient. Eine Konstellation kann also auch für eine vereinfachte und damit verbindende Sprache stehen.
Für den Autor, der auch im Bereich Design tätig war und Werbetexte schrieb, war Poesie zum praktischen Gebrauch gedacht. Auch für die Kirchengemeinde seines Heimatortes hat er schon eine Konstellation geschrieben beziehungsweise eine Postkarte gestaltet, wie wir aus dem erläuternden Text seiner Frau Nortrud Gomringer erfahren. Oft sind es gerade die Auslassungen, die das Besondere an der Konkreten Poesie darstellen, vielleicht sogar für ihre Anwendbarkeit sorgen, gemäß den Worten aus dem Tao-te-king: Auf dem leeren Raum beruht des Gefäßes Brauchbarkeit. Das Sein schafft Besitz, das Nichtsein Brauchbarkeit. Der Künstler selbst hat sich viel mit dem I-Ging beschäftigt, seine darauf basierenden Texte sind ebenfalls in dem Band enthalten.

Die leeren Stellen sind natürlich die, an denen die Fantasie der Lesenden zu wuchern beginnen kann. Auch dies ist eine wichtige „Anwendungsmöglichkeit“ der Konkreten Poesie, die wahrscheinlich ihren Reiz und ihre Dauerhaftigkeit ausmacht. Neben Beschreibungen, Erläuterungen und Interpretationen finden sich in poema auch literarische Texte, die in der Auseinandersetzung mit Gomringers Konstellationen entstanden sind. Das Buch lädt zum Betrachten, Weiterlesen, -dichten und -zeichnen ein und eröffnet einen neuen Blick auf die Verwendung von Sprache, auch abseits der Konkreten Poesie.

Miriam Mairgünther

 

  • Eugen Gomringer: poema. Gedichte und Essays. Wädenswil: NIMBUS 2018. 212 Seiten. 29,80 Euro.

 

 

 

 

 

 

 

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