Kein & Aber und Der Letzte meiner Art

Der Verlag

Heute rücken wir, es wird höchste Zeit, den in Zürich ansässigen Verlag Kein & Aber ins vorweihnachtlich glitzernde Licht. Kein & Aber ist der Verlag, der sozusagen auf „Nachfrage“ gegründet wurde. Das ist nun bald zweiundzwanzig Jahre her. Heute bangen wir um die Nachfrage nach den Verlagserzeugnissen, den Büchern. Peter Haag, der Gründer des Verlags, erzählt auf seiner Website eine Erfolgsgeschichte und sieht sich als „Geschäftsmann, der einen Pakt mit dem Geist geschlossen hat“. Kein & Aber steht hinter seinen LieblingsautorInnen und Entdeckungen, das Programm ist „offen und international“ und behauptet sich im ganzen deutschsprachigen Raum.
Kein & Aber steht insbesondere für eine ganzheitliche, ebenso sinnenfreudige wie intellektuelle Begegnung mit dem Buch und spricht sich für die wertvolle Zusammenarbeit mit dem unabhängigen Buchhandel aus, ohne dessen Leidenschaft nichts geht.
2015 stand der Titel Unsere Namen des aus Addis Abeba stammenden Autors Dinaw Mengestu auf der Hotlist (Hotlistlesen 5). Aus dem Herbstprogramm 2018 stammt folgender Titel:

 

Vom gerahmten Familienglück an der Wand

Familienglück möchte man normalerweise bis in alle Ewigkeit festhalten. Was eignete sich dafür besser als ein altmodisches Familienfoto, das vom Profi im Studio geknipst wird? Und das dann gerahmt und als leuchtender Beweis an der Wand hängt. In dem Debütroman Der Letzte meiner Art des jungen Schweizer Dramatikers Lukas Linder stammt die Idee von der kapriziösen Mutter, beim Rest der Familie herrscht beredtes Schweigen. Dass mit den von Ärmels, einer noblen, stets etwas derangierten Familie aus Bern, etwas nicht stimmt, das weiß man seit dem sogenannten zweiseitigen Geleitwort zu Beginn des Buches, verfasst vom rührigen Icherzähler Alfred, dem jüngsten, kaum der Adoleszenz entwachsenen Spross des Clans. Sein Anfang lautet so:

Ich stamme aus einer alten und sehr reichen Berner Familie. Uns gab es schon im vierzehnten Jahrhundert. Und das sieht man uns auch an. Wie die Wurzeln uralter Bäume sind unsere Gesichter in sich selbst verknorzt. Kein besonders schöner Anblick.

Die bis fünfhundert Jahre zurückreichende ehrfurchtgebietende Familienchronik will es, dass sie ihre Fortsetzung just in ihm findet. Da lastet viel äußeres und inneres Gewicht auf dem Jungspund, dennoch fühlt er sich zu „etwas Großem berufen“. Darüber hinaus will er mit allen Mitteln zeigen, dass seine Geburt kein „Fauxpas“ war und er kein „aufgewärmter Junge“ ist. Seine Mutter wollte nämlich lieber ein Mädchen haben, einen älteren Sohn gab es schon.
Zurück zum Familienfoto: Auf diesem sind schließlich nach langem Hin und Her von allen aktuellen von Ärmels – den Eltern, dem älteren Bruder, Alfred und der Großmutter – ausnahmslos deren Hinterköpfe zu sehen. Der nicht fotogene Großvater fehlt überhaupt ganz. Sie alle drehen der Welt den Rücken zu: „In meiner Familie ist die Kehrseite die bessere Seite“, konstatiert der Erzähler. Tatsächlich steht das zur „Karikatur“ geronnene Bild einer Familie metaphorisch für das Prekäre und Illusorische des Konstrukts Familienglück.
Alfred taumelt nun flott durch die Geschichte, lässt sich lenken, verbiegen, will gefallen, strampelt sich ab und ist doch zunehmend auf der Suche nach dem Eigenen – den Wünschen, dem Körper, der Freiheit von familiären Zwängen. Das „Gefängnis aus Höflichkeit und Scham“ gilt es zu durchbrechen. Erzählerisch geht das wunderbar überzeugend auf: Linder schreibt rasant, mit Verve, pointiert, mit einem Händchen für Situationskomik, Skurriles und Wortwitz. Als der ältere Bruder, der begabte Überbruder, die Musikerkarriere schmeißt und abhaut und Alfred die ältere Frau mit dem einmaligen Kartoffelpüree kennenlernt, wächst Letzterer schließlich über sich hinaus.
Der Letzte meiner Art ist eine charmante Familienkomödie über das Lebensglück und den heldenhaften Mut, eigene Wege zu gehen – wofür es manchmal gar nicht so viel Mut und Heldenhaftigkeit braucht.

  • Lukas Linder: Der Letzte meiner Art. Zürich: Kein & Aber 2018. 272 Seiten.

 

Senta Wagner
(die Rezension ist in gekürzter Fassung im Magazin Buchkultur 180 erschienen)

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