Emma Nuss: Aus dem Tagebuch eines Tauentzien-Girls

Manchmal muss man verschwinden, um erfrischt und mit neuen Ideen wieder aufzutauchen. So auch geschehen bei WALDE+GRAF, heute in Berlin ansässiger Verlag und Verlagsagentur in einem. „WALDE+GRAF ist als eigenständiger Verlag zurück und verlegt seit Frühjahr 2017 wieder aufwändig gestaltete Sachbücher, illustrierte Romane und Graphic Novels.“ Beteiligt ist er darüber hinaus am auf Wiederentdeckungen spezialisierten Verlag Das kulturelle Gedächtnis. Ohne Umwege, quasi mit nahtloser Verlagsvita, wäre der 2009 von Peter Graf und Anais Walde in Zürich gegründete Verlag in diesem Jahr zwanzig Jahre alt geworden. So oder so ist es eine Freude, dass der Verlag zurück ist, und mit ihm die aufregende Entdeckung von Emma Nuss und der Tauentzien-Girls zu machen ist./sw

Berliner Mädchen vor dem ersten Weltkrieg

Gewidmet ist dieses fiktive Tagebuch „den blinden Müttern und ihren zukünftigen Schwiegersöh­nen“, denn hier erfahren sie, was ihre Töchter und potentiellen Ehefrauen nicht nur denken, sondern auch mit großem Vergnügen tun – und nicht nur beim Spaziergang auf dem Berliner Boulevard, der Tauentzienstraße. Litta und ihre Freundinnen jedenfalls sind nach der Schule auf Unterhal­tung aus, sie flirten, was das Zeug hält, sitzen zweifelhaften Künstlern Modell, tref­fen sich mit wohlhabenden Herren und gehen bei Damen mit nicht gerade bürgerlichem Lebenswan­del ein und aus. Sie sind noch nicht mal konfirmiert, aber bereits rundum erotisch aufgeklärt und trickreich. Sie wissen, was sie wollen, und setzen sich über das hinweg, was sie nicht sollen.
Ein Jahr im Leben eines Berliner „Backfischs“: Die Eltern sehen in dem Mädchen noch das Kind, die Männer schauen schon lüstern auf die junge Frau. Die erwehrt sich allerdings grenzüberschrei­tender Annäherungen mit Entschiedenheit: küssen ist erlaubt, alles andere kommt nicht in die Tüte. Schließlich will sie auf dem Heiratsmarkt noch bestehen. Litta träumt von einem reichen Mann, der viel unterwegs ist und ihr alle Freiheiten lässt. Am Ende wird die junge Heldin eingesegnet und in ein Schweizer Pensionat geschickt. Da soll es aber auch hoch her gehen, das hat sie in einem französischen Buch gelesen: „Wenn es in Wirklichkeit so ist, dann kann ich als Berlinerin sogar noch was dazu lernen.“

Die Lektüre des damals unter Pseudonym verfassten und viel verkauften Tagebuchs ist heute vor allem amüsant, weil die kleinen Lügen und großen Ängste vor elterlicher Entdeckung ganz und gar zeitlos erscheinen. Die rasant erzählten Erlebnisse stimmen darüber hinaus aber so gar nicht mit der Vorstellung weiblichen Lebens Anfang des 20. Jahrhunderts überein. So frech und vergnügungssüchtig waren die Berliner Mädchen schon 1914? Kam der neue Mädchen­typ nicht erst in den 1920er-Jahren in Mode? Die Lust auf Freiheit und Abenteuer war auch im wilhelminischen Berlin schon an der Mädchen-Tagesordnung? Man staunt dar­über heute ebenso sehr, wie man sich damals vermutlich moralisch entrüstete. Bei der ersten Lektüre denkt man an eine auf alt getrimmte heutige Geschichte. Aber nicht nur Verleger Peter Graf versichert auf Nachfrage, dass es sich hierbei um eine authentische literarische Trouvaille aus dem Jahr 1914 handelt, in der Berliner Nationalbibliothek ist die Originalausgabe gelistet.
Über die Autorin lässt sich jedoch nicht viel Verbürgtes sagen: Emma Mahner-Mons wurde 1879 in der Nähe von Kaiserslautern geboren, starb 1965 in Donaueschingen. Sie schrieb Romane, Jugendbücher und Theaterstücke. Überliefert ist von ihrer literarischen Arbeit nichts. Mit dieser Veröffentlichung kann man jedenfalls eine Autorin kennenlernen, die sehr genau die Empfindungen und Wünsche junger Mädchen traf (und die der kunstsinnigen erotisch bedürftigen Tante der Heldin auch). Dieses Jungmädchen-Tagebuch hat sie unter Pseudonym geschrieben. Moralische Anwürfe sollten ihr Werk wohl nicht beschädigen. Dass es heute das einzige ist, was wir von ihr lesen können, ist also eine späte Genugtuung.

Manuela Reichart
(Originalbeitrag auf rbb, adaptiert für den Blog)

  • Emma Nuss: Aus dem Tagebuch eines Tauentzien-Girls. Berlin: WALDE+GRAF, 2018, 112 Seiten, 14,55 Euro

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