Stevie Smith: Roman auf gelbem Papier (marix verlag)

Manchmal gibt es gleich mehrere Entdeckungen auf einen Streich. Heute sind es drei: ein literarisches It-Girl der 1930er-Jahre, das mit seinem Buch in London für Aufsehen sorgte, eine selbstbewusste Romanheldin aus der gleichen Zeit und der sehr heutige marix verlag. Marix wurde 2003 in Wiesbaden gegründet und ist seit 2014 Teil des „Hauses der schönen Bücher“, dem Verlagshaus Römerweg. Dort geht es seitdem, laut Verlagscredo, um die „schönste und interessanteste Ware der Welt, von der Wissen, Aufklärung und Weltverständnis ebenso ausgehen wie Verzauberung und Verführung.“ Der Schwerpunkt von marix liegt unter anderem auf literarischen Trouvaillen – und mit so einer haben wir es jetzt, wie gesagt, zu tun./sw

Stevie Smith: Roman auf gelbem Papier

Bereits 1936 erschien der ungewöhnliche Debütroman Roman auf gelbem Papier der englischen Schriftstellerin Stevie Smith (1902–1971), der nicht nur eine entschieden exzentrische Heldin ins Zentrum des Geschehens rückte, sondern vor allem mit den damaligen Leseerwartungen brach. Im Original gab es den Untertitel „Finde es selbst heraus“ und gleich zu Beginn richtet sich die Autorin an die, die Einwände haben oder sich langwei­len bei der Lektüre: „Wenn Du aber eine Person mit Bodenhaftung bist, wird dieses Buch für Dich eine ermüdende und frustrierende Wüste. Leg es also weg. Lass davon ab. Es war ein Fehler von Dir, dieses Buch zu kaufen. Das konntest Du nicht ahnen.“ Für alle Leserinnen und Leser ohne Bodenhaftung, ohne festgefügte Lektüreerwartung war und ist dieser Roman jedoch eine großartige Herausforderung und Entdeckung.

Die Icherzählerin arbeitet als Privatsekretärin in einem Medienunternehmen. Sie hat viele Freunde, einige Liebhaber und einen genauen Blick auf ihre Zeit und Umwelt. Sie ist frech und hat ungewöhnliche Meinungen, sie liebt Sex („Oh wie ich Sex genieße und wie ich ihn genieße“) und fürchtet die Ehe. Sie reist viel und macht sich über Frauenzeitschrif­ten lustig. Sie lässt uns teilhaben an ihren Gedankenströmen, schreibt über Suizid und Religion, ihre Familiengeschichte, über dumme Leserinnen, die den Frauenzeitschriften folgen und an die Ehe glauben wie Tschechows Drei Schwestern an Moskau. Sie verweigert genaue Zeitzuordnungen oder psychologische Figurenzeichnun­gen, bedient sich stattdes­sen aus einem reichen Schatz an literarischen Zitaten, Gedichten, Romanen, sie referiert Kinowerbung, beschreibt Gemälde. Nutzt al­les, was ihr in den Erzählstrom passt.In der Originalausgabe standen all diese – auch fremdsprachigen – Versatzstücke (die manchmal über mehrere Seiten gehen) ohne Zitatangaben und Übersetzungen im Text. Der kundige Übersetzer Christian Lux hat das für die deutsche Erstausgabe zum Glück anders gehal­ten. „Finde es selber heraus“ – würde uns heutige Leser vor allzu große Hinder­nisse stel­len.

Stevie Smith, die wie ihre Heldin als Sekretärin in einem Zeitschriftenverlag arbeitete, hat mit ihrem Romandebüt „die Lebenswirklichkeit der Postmoderne“ eingefangen, in der die Medien unsere Erinnerungen, unser Handeln und Denken bestimmen. Dieses Buch ist – wie der Lux richtig schreibt – aus der Zeit gefallen, es verweist formal und inhaltlich weit über die eigene Sphäre hinaus. Vor allem überrascht es neben entschie­den feministischen Haltungen mit einer ungewöhnlichen politischen Hellsicht. Am Anfang wird mit antisemitischen Tönen von einer Party erzählt, auf der die Heldin die einzige Nicht-Jüdin ist, später reist sie nach Deutschland, erkennt nicht nur die Nazi-Ge­fahr, sondern die eigenen dummen Ressentiments. Und denkt über nationale Führer-Dispositionen nach.

Manuela Reichart
(Originalbeitrag auf rbb, adaptiert für den Blog)

  • Stevie Smith: Roman auf gelbem Papier. Aus dem Englischen von Christian Lux. Wiesbaden: marix verlag 2018. 295 Seiten.

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