Der Romancier Ivan Ivanji im Porträt

„Ich schreibe, um mich zu unterhalten“

Ivan Ivanji

Er war jugoslawischer Diplomat, Dolmetscher Titos und übersetzte Grass und Böll ins Serbische: Heute ist der Schriftsteller Ivan Ivanji mit seinen neunzig Jahren noch immer ein hellwacher Geist. Sein jüngstes Buch, Tod in Monte Carlo, ist soeben im Wiener Picus Verlag erschienen, seinem Hausverlag, wo er seit 1993 zahlreiche Romane veröffentlicht hat.

Welch eine Lebensfülle, auch im Schrecken: Ivan Ivanji, 1929 im serbischen Banat in ein jüdisches Elternhaus hineingeboren, wuchs serbisch-ungarisch-deutsch auf, überlebte die Konzentrationslager Buchenwald und Auschwitz, traf nach dem Krieg in Jugoslawien als Dolmetscher Titos Persönlichkeiten wie Willy Brandt und Walter Ulbricht, arbeitete in den 1970er-Jahren als Kulturattaché in der jugoslawischen Botschaft in Bonn und pendelte, sozusagen in seinem nächsten Leben, als Autor und Schriftsteller zwischen Belgrad und Wien. „Ich bin nicht gläubig und nicht beschnitten. Hitler hat mich zum Juden gemacht“, sagt Ivanji. „Sonst würde mich das Judentum nicht mehr interessieren als die Buddhisten, die mich mehr interessieren.“

Ivan Ivanji, studierter Germanist und Architekt, interessiert sich für vieles, das spiegelt sich auch in der thematischen Fülle seiner Bücher. Mit der These, dass jeder Schriftsteller im Grunde immer nur ein Buch schreibe, kann er nichts anfangen. Seine Bücher haben auch keine Botschaft, sagt er: „Ich schreibe, um mich zu unterhalten, weil es für mich unterhaltsam ist, zu schreiben. Und ich wäre sehr froh, wenn man mir sagen würde, dass es für den Leser unterhaltsam war. Ich halte es da mit Günter Grass, der erklärt hat, wenn man berühmt ist wie er kann man sich als Bürger einsetzen für eine Idee – ich rate euch, SPD zu wählen! –, aber keine Romane schreiben für die SPD oder für irgendeine Idee.“

Mit neunzig Jahren sei es ein bisschen leer um ihn herum, stellt Ivanji nüchtern fest. Seine Frau ist vor drei Jahren gestorben, er habe leider nur viel jüngere Bekannte: „Die anderen sind eines natürlichen oder weniger natürlichen Todes gestorben, sind ermordet worden.“

Auch sein neuestes Werk dreht sich um Krieg und Verfolgung: In Tod in Monte Carlo lässt sich ein alternder jüdischer Arzt aus dem Banat am Vorabend des Zweiten Weltkrieges an der Côte d’Azur nieder und muss mit ansehen, wie der Krieg bald auch das idyllische Seebad erreicht.
Es wird nicht Ivanjis letztes Buch sein, das nächste schreibt er wieder auf Serbisch, so wie viele seiner Werke bislang nur auf Serbisch erschienen sind.

Ivan Ivanji hat nach dem Tod seiner Frau die gemeinsame Wohnung in Wien aufgegeben; wenn er in Wien ist, wohnt er im Hotel. Die Kinder und Enkel sind in Belgrad, dort, wo auch der Autor jetzt lebt. Gefällt es ihm dort? Kurzes Zögern, ein Kichern: „Hol’s der Kuckuck, anscheinend ja, sonst wäre ich nicht dort!“, sagt dieser junge Neunzigjährige in vollkommen akzentfreiem Deutsch, das ihm auf Wunsch der Eltern das Kindermädchen in den Banater Tagen beigebracht hat.

Alexander Musik

 

  • Ivan Ivanji: Tod in Monte Carlo. Wien: Picus Verlag 2019. 178 Seiten. Auch als E-Book.

 

 

 

 

 

 

 

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