Albertine Sarrazin: Der Ausbruch (INK PRESS)

Und wir stöbern noch ein bisschen weiter unter den Kandidaten der Hotlist 2018. Zuletzt besprochen wurde hier Gerhard Jägers Roman All die Nacht über uns.

Heute geht es in Albertine Sarrazins Der Ausbruch um das Denken und Schreiben als Flucht./sw

Stempel wie Gefängnis-Roman, die man einem Buch aufdrückt, sind oft problematisch, da sie damit auf eine ganz bestimmte Lesart lenken; zusätzlich dazu, dass sie die Kaufentscheidung wesentlich beeinflussen können. Albertine Sarrazin wurde in den sechziger Jahren als schreibende Gefängnisinsassin bekannt, eine Biografie, die die französischen Intellektuellen zu ihrer Zeit wahrscheinlich besonders interessant fanden. Auch ihr außergewöhnlich gutes Aussehen mag dabei ins Bild gepasst haben. Ihre lyrische Prosa erweist sich aber jenseits aller Zuschreibungen als zeitlos und kommt in der Neuübersetzung von Claudia Steinitz, die 2018 in der Züricher INK PRESS (Interview mit der Verlegerin) erschien, besonders gut zur Geltung. Im Original wurde das Buch 1965 publiziert.

Sarrazins Leben war kurz und hart: Ihre Mutter, bei der Geburt erst fünfzehn, gab sie zur Adoption frei, mit zehn wurde sie vergewaltigt. Später wurde sie zur Diebin, einen großen Teil ihres Lebens verbrachte sie in Erziehungsheimen und im Gefängnis. Dort begann sie zu schreiben, ihren Mann lernte sie bei einem Ausbruch kennen. Mit neunundzwanzig starb sie an den Folgen einer Operation, zu der Zeit immerhin schon in Freiheit.
Grundsätzlich sollte das Werk jeder Autorin und jedes Autors losgelöst von der Biografie betrachtet werden können. Das ist auch bei Sarrazin der Fall, selbst wenn ihr Schreiben besonders eng mit ihrem Leben verbunden ist. Ihre drei Romane baute sie aus den Notizen und Tagebucheintragungen ihrer Gefängniszeit auf. Über die Handlung von Der Ausbruch muss nicht viel gesagt werden: Die bereits hafterfahrene Anick wird von Gefängnis zu Gefängnis verlegt und verbringt ihre Tage damit, endlos Briefe zu schreiben (eigene und solche für andere Insassinnen), ihre Anwälte beschäftigt zu halten, endlos Gitanes zu rauchen und Nescafé zu trinken und auf Nachrichten zu warten. Vor allem aber beobachtet sie und beschreibt den tristen Alltag und ihre Mitmenschen auf eine Weise, die zeigt, dass das Schreiben ihre Lust und ihre Freiheit ist. Viel von ihrer endlos scheinenden Gedankenkraft fließt in Ausbruchspläne und die notwendigen technischen Vorkehrungen dafür. Dabei macht dies schon die wesentlichen Aspekte des Ausbruchs aus, und in Gedanken ist sie nach der minutiös geplanten Flucht schon längst jenseits der Mauern, in einem schnellen Auto mit ihrem Geliebten, auch wenn die Schreibende immer noch an ihrem Tisch im Gefängnis sitzt. Die größte Gefahr bedeuten für Anick Trägheit und Resignation, auch oder gerade wenn die äußere Situation (für ein Gefängnis) erträglich ist und man sich damit abfinden könnte:
„Dieser Knast bringt mir nichts. Ich mochte den anderen lieber, wo jeder Tag dem Tod geraubt war. Dieser ist nicht allzu unangenehm konstruiert (…). Aber ich habe Angst.
Angst vor dieser Sauberkeit, vor der Stille, die die Schreie verbirgt, vor dem hellen Stein, aus dem Angst sickert, eine ständige, konfuse Bedrohung; die Farblosigkeit der Tage überfällt mich, erfüllt mich, verstopft meine Poren; der gefahrlose, folgenlose Alltagstrott wiegt und verschaukelt mich.“

Anick flüchtet in Gedanken, gleichzeitig ist ihre Sprache körperlich. Ihr Körper hat bereits Schaden genommen (sie wurde bei einem Autounfall schwer verletzt, so kam es zu ihrer Verhaftung), und sie stellt ihn auch in ihren sprachlichen Bildern immer wieder in den Mittelpunkt:
„So lösen sich der Dämon und die Weisheit ab, um über mich zu wachen, bis die knirschenden Spitzen, die über meine Haut spazieren, innehalten, bis ich mich versöhne und mit einschlafe, mit zerfetztem Herz und unterworfenem Leib.“

So wirkt die Sprache direkt und intensiv, aber nicht bedrohlich; eher entsteht der Eindruck, dass Anick, da es ihr im Gefängnis an unmittelbaren sinnlichen Erfahrungen fehlt, alles, auch das Privateste, was sie zu geben hat, in ihre Sprache legt. Oder vielleicht wird der Körper gar nicht als so privat empfunden, schließlich hat die Autorin Erfahrung mit sexueller Gewalt und Prostitution hinter sich. Dann wiederum bleiben die Gedanken und die Sprache als ureigene, formbare Welt zurück.

Auch wenn Albertine Sarrazin vordergründig ihre Erlebnisse in Haft aufzeichnet, geht es in ihren Büchern um Möglichkeiten des Ausbruchs im Allgemeinen. Es ist vorstellbar, dass sie sich durch ihre besonders freiheitsliebende Persönlichkeit auch in anderen Systemen – Universität, einem bürgerlichen Beruf, einer konventionellen Ehe – gefangen gefühlt hätte.
In Form der Kassiber, die im Gefängnis verfasst werden und die verschlüsselte Mitteilungen, etwa über Fluchtpläne, enthalten können, werden Schriftstücke und ihr Inhalt zu etwas Verbotenem und können einen Aufstand bewirken. Doch auch ohne die illegale Komponente wird das Schreiben und Erzählen an sich zu einer Maßnahme der Selbsterhaltung und Selbstrettung in einer repressiven Umgebung.

Miriam Mairgünther

  • Albertine Sarrazin: Der Ausbruch. Aus dem Französischen von Claudia Steinitz. Zürich: INK PRESS 2018, tadoma 3. 528 Seiten.

 

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