Teresa Präauer: Tier werden (Wallstein Verlag)

Mit Tier werden von Teresa Präauer, 2018 erschienen im Hausverlag Wallstein nach vier vorangegangenen Romanen, verhält es sich vielleicht ähnlich wie mit einer Bildergalerie großartiger, sich gegenseitig steigernder Malerei: Beim ersten Besuch überwältigt die Fülle an Können und Wissen der ausgestellten Bilder, aber Zutrauen vermittelt die Möglichkeit, die Galerie immer wieder aufzusuchen, um mit ihren Schätzen vertraut zu werden und immer wieder neue Entdeckungen unter ihnen zu machen.

Gegenstand von Tier werden ist zunächst, angefangen bei der sagenhaften Harpyie, die Vergegenwärtigung der menschlichen Erfindungskraft und Neugier, die nächststehenden lebendigen Wesen der Fauna zu erkunden und zu beschreiben. Dabei ergeben sich Schwankungen zwischen Wissenschaft und Fantasie, aber auch bei der Frage, wie und ob sich der Mensch vom Tier unterscheidet und was diese Unterscheidung bedeutet: Tier werden erkundet die Durchlässigkeit dieser Grenzen, streift die Bildgruppe der „Haarfamilie“ des Pedro Gonzales genauso wie „Rewilding“-Phänomene und Leopardenmustermode und befragt wiederkehrend aufgrund der Aussage „kein Name ist bekannt“ das System, mithilfe der Mensch sein imperiales Vorrecht in der Schöpfungsgeschichte begründet hat: die Sprache. Teresa Präauer schreibt über Wörter und Bilder und Museen und Folianten, Schmetterlinge und Fabelwesen, Übersetzungsfehler und Ordnungsbestrebungen so liebevoll und unprätentiös, dass man die Klugheit und Sammelwut, die das Wurzelwerk dieses hundert Seiten umfassenden Essays begründen, in seiner Fülle gleichermaßen begeisternd wie einschüchternd erlebt. Philosophische und poetische Sager, Hollywoodfiguren, Kinderbücher und Künstler, von Höhlenmalern über Maria Lassnig, die Hörner des Moses wie das Phänomen vom Strobelkopf: Die Menagerie von Wörtern und Namen, der Zugang zur Welt durch die Sprache, all das, worüber Teresa Präauer nachdenkt, bildet mit Tier werden einen Pool von Anregungen und Einblicken, die den Reichtum der Welt und der Lebendigkeit in der Geschichte von Mensch und Tier als kaleidoskopisch strahlendes Geschenk erscheinen lassen.

Die Stimme dieser poetologischen Wissenschaftsgeschichte ist nicht selbstgefällig oder dramatisch inszeniert. Sie erinnert an den endlosen Raum, den das Vorgelesenbekommen an langen, zuvor möglicherweise beleidigend langweiligen Regennachmittagen im Kinderkopf aufmachen kann, den Raum von Ahnungen und Sehnsüchten und Bezauberung über die vielfältigen Geräusche lebendiger Wesen.

Gesche Heumann

 

  • Teresa Präauer: Tier werden. Wallstein Verlag 2018. 100 Seiten. 18 Euro. Auch als E-Book.

Zum Fortsetzungsgespräch mit Teresa Präauer.

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