Kirstin Breitenfellner: Wie können wir über Opfer reden? (Passagen Verlag)

Hier gehören zwei zusammen. Der Passagen Verlag aus Wien ist eine echte echte Ausnahmeerscheinung und aufs Allerengste mit einem Namen verbunden: Jacques Derrida. In mehr als vierzig Jahren Verlagsgeschichte sind über vierzig Bücher des französischen Philosophen in deutscher Übersetzung erschienen und haben von Beginn an dem von Peter Engelmann gegründeten multidisziplinären Verlag seine „programmatischen Konturen“ gegeben.
Inzwischen ist eine beachtliche Zahl an Reihen herangewachsen von A wie Passagen Afrika über K wie Passagen Kunst bis Z wie Passagen Zeitgeschehen. Dazwischen neben Derrida immer wieder Titel von Hélène Cixous, Alain Badiou oder Jacques Rancière. Didier Eribon wird „der letzte in der Riege französischer Theoretiker“ und neu im Frühjahrsprogramm sein. Dieses wird sich rund um den „Krisenmodus“ drehen, in dem wir leben, aber auch um die „Chance der Krise“./red. sw

 

Kirstin Breitenfellner – Wie können wir über Opfer reden?

„Sündenbock“ heißt die Ausstellung, die vom 15. März bis 20. Juni 2019 im Landesmuseum Zürich läuft. Als Expertin wurde die Wiener Autorin Kirstin Breitenfellner eingeladen die Eröffnungsrede zu halten (lesenswertes Interview im St. Galler Tagblatt zum Thema). Kurz zuvor hatte sie nach dem Titel Wir Opfer (Diederichs 2013) ihr zweites Buch über Opfer vorgelegt – Wie können wir über Opfer reden?

Sie sind überall. In einer Welt, die kaum Unterschiede zwischen Menschen kennen will und der Political Correctness huldigt, werden immer mehr Opfer sichtbar. Doch wer sie wie zu Opfern macht, bleibt im Dunkeln – in der Religion, in der Politik und auch bei Mobbing oder Stalking. In ihrem schlanken Band leuchtet Breitenfellner den unbewussten – und unheimlichen – Weg aus, auf dem gleichberechtigte Menschen zu Tätern und Opfern werden.

In nüchternem und klarem Stil schreibt sie über die Bedeutung von Sündenböcken in den alten Weltreligionen bis zu den diktatorischen Systemen des 20. Jahrhunderts. In der Gegenwart angekommen fragt sie, welche Rolle die Medien dabei spielen. Von den systemimmanenten Sündenböcken des Faschismus und Stalinismus über Opfer von Selbstmordattentaten bis zu medial ausgeweideten Fällen wie Jörg Kachelmann oder Natascha Kampusch spart sie nicht mit eindrucksvollen Beispielen, verzichtet aber auf jedwede Sensationslust.

Wie über Opfer sprechen? Unter der titelgebenden Frage versammelt Breitenfellner aktuelle Literatur und scharfsinnige Beobachtungen von Political Correctness bis Dschihad. Damit stellt dieser Band weniger eine Neuauflage dar als eine Fortsetzung ihrer ersten Abhandlung über Opfer. Der Autorin gelingt es, zu zeigen, wie Sprache unsere Welt formt und Menschen in Verfolger, Retter und Verfolgte teilt. Das feine Gespür kommt nicht von ungefähr: Mit mehreren Romanen, Sachbüchern, Kinderbüchern und Lyrikbänden hat die Autorin sich schon in jeder Form geübt, Welt in Sprache zu fassen. Abschließend ruft sie dazu auf, einen weiteren Schritt im „bislang unvollendeten Projekt der Aufklärung“ zu gehen: auch über Täter und Opfer offen zu sprechen – sodass niemand mehr stillschweigend mitspielen kann, wenn Menschen zu Sündenböcken gemacht werden.

Andreas Kremla

  • Kirstin Breitenfellner: Wie können wir über Opfer reden? Wien: Passagen Verlag 2018. 136 Seiten. 15,30 Euro.

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