Textreihe (29): Harald Darer

Mit Harald Darer, unserem Aprilgast der Textreihe „Indie-AutorInnen schreiben“, geht es heute auf Butterfahrt. Wenn beim Nachbar im (ungarischen) Osten Billiges und Deftiges auf den Teller kommt, kann der andere im (steirischen) Westen nicht an sich halten.Den grandiosen Beitrag durchweht eindringlicher Essensgeruch und enormer Sprachwitz. Er stammt aus dem aktuell im Picus Verlag erschienenen Roman Blaumann.
Für den Icherzähler beginnt darin „eine Reise in die Vergangenheit“, als er Jahrzehnte nach den Umbrüchen in den Neunzigern vor seiner alten Lehrfabrik steht. Den Autor interessieren insbesondere „die Unberechenbarkeiten des Lebens und wie Menschen mit diesen sich immer schneller verändernden Anforderungen umgehen“. Wir regen hiermit den Appetit auf das Buch an. Im Anschluss an den Auszug (PDF) gibt es ein kurzes Gespräch mit Harald Darer./sw

Blaumann

Die Werkseinfahrt ist durch einen Schlagbaum abgesperrt. Links und rechts davon stehen circa fünf Meter hohe Säulen, von denen weg ein im gleichen Gelb wie die Fassade gestrichener Metallzaun an der einen Seite bis zur Straße und an der anderen Seite bis zu einem Acker verläuft. Aus der Nähe sieht man, dass die Farbe an mehreren Stellen abblättert. Darunter kommt die alte Lackierung zum Vorschein. Es ist ein helles Grün.
Das war die Farbe der Firma, der das Werk vor der Übernahme gehört hat, sagt mein Kollege etwas wehmütig, wie mir scheint. Bevor der Großteil der Produktion in den Osten verlegt worden ist, sagt er und macht eine Kopfbewegung, als würde sich der Osten gleich auf der anderen Straßenseite befinden.
Früher ist der Osten, genauer gesagt Ungarn, belächelt worden von den Leuten, denke ich mir. In den Osten wurde nur gefahren, um billige Salami, Krauthappel, sauer eingelegtes Gemüse und andere Lebensmittel einzukaufen und im Zuge dieser Butterfahrten in den dortigen Restaurants ebenso billig ungarisch essen zu gehen. Ich erinnere mich an die Autobusse, die die Leute im ganzen Bezirk bei den Bushaltestellen an den Dorfeinfahrten in aller Herrgottsfrühe mit leerem Gepäck abgeholt und fünfzehn Stunden später mit vollgestopftem, ausgebeultem Gepäck und Bäuchen wieder abgesetzt haben. Die steirischen Diskontsalamiausflügler torkelten dann mit ihren überfüllten Ruck- und Plastiksäcken, vom exzessiven Tokajer-, Szegediner-Gulasch- und Pogatschen-Missbrauch einigermaßen gezeichnet, wie ganzheitlich derangierte Kriegsheimkehrer oder hereinströmende Flüchtlinge die Landstraßen entlang ihren Reihenhaussiedlungen entgegen, wo sie ihre Kühlschränke und Speisekammern mit dem Erbeuteten auffüllten. Wochenlang schwärmten die eingeschworenen Diskontsalamiausflügler untereinander von den guten, billigen Lebensmitteln, die sie auf dem Markt gekauft und von den guten, billigen, riesigen Portionen, die sie in den Restaurants gegessen hatten, aber auch jedem anderen, den sie beim Einkaufen, beim Spazierengehen, in den Arztordinationswarteräumen oder beim Sparvereinstreffen trafen, erzählten sie davon, um denjenigen von der Wirtschaftlichkeit, den öko- und gastronomischen Vorteilen der monatlichen Butterfahrten zu überzeugen und zum Mitfahren und Ausschwärmen beim nächsten Hamsterkaufeinsatz in Győr oder Sopron zu animieren.
Die Paprikatschuschen, wie die Leute aus dem Osten genannt wurden, sind von den Leuten aus dem Westen genauso belächelt worden, wie der Osten als Ganzes belächelt und auch etwas bemitleidet worden ist von ihnen. Wegen ihrer altvaterischen Autos, den sogenannten Russenbombern, den Waffenrädern, die sie fuhren, und ihrer meist braun-beigen Kleidung, die sie trugen. Die Westler waren bunt angezogen und hatten rote, pausbäckige Wangen und über den Hosenbund hängende Wänste, die Ostler waren braun-beige angezogen, waren schlank und hatten graue, eingefallene Wangen. Selbst die Landschaft und die Fassaden der Häuser waren braun-beige, sobald man über die Grenze fuhr. Auf einmal wurden die Betriebe auf der Westseite der Grenze zugesperrt, die Maschinen abgebaut und auf der Ostseite der Grenze eins zu eins wieder aufgebaut und aufgesperrt. Auf einmal sind im Osten die Russenbomber verschwunden und die Ostler sind mit neuen bunten deutschen Autos auf unseren Westlerautobahnen zu und auf unsere Westlerskipisten und unverschämterweise auch noch durch unser Land durch und weiter in den Süden auf die bis dato für die Westler reservierten Strände und Strandliegen in Italien, Kroatien und Griechenland gefahren. Der Ostler konnte sich auf einmal das Westliche leisten und für den Westler hat es sich auf einmal nicht mehr ausgezahlt, im Osten Salami, Krauthappel, sauer eingelegtes Gemüse und andere Lebensmittel einzukaufen, und sind, ganz im Gegenteil, die Ostler autobusweise über die Grenze in den Westen gefahren, um Salami, Krauthappel, sauer eingelegtes Gemüse und andere Lebensmittel einzukaufen, denke ich.
Das ist meine Farbe gewesen!, sagt mein Kollege, meine Firma! Er kletzelt ein münzgroßes Stück Farbe vom Zaun, hält sich den Finger zur Nase und atmet den Geruch der Lackreste unter seinem Fingernagel mit geschlossenen Augen tief ein, als wäre es ein duftender Blumenstrauß.
Das war noch was, als wir noch grün gewesen sind, sagt er. Wie die Gelben gekommen sind, war dann alles aus. Rüber in den Osten sind sie!, sagt er, und macht wieder die Kopfbewegung zur anderen Straßenseite hinüber, wo sich, seiner Meinung nach, der Osten befindet.
Wir lehnen uns jeder mit einer Schulter an eine Säule an und lugen vorsichtig hervor wie Kinder beim Versteckspielen. Aus dem Taxi-Kleinbus steigt ein kleiner, viereckiger Mann ohne Hals aus. Er trägt eine schwarze, vorne offene Plastiklederjacke und holländische Holztöffler. Er geht nach hinten und macht die Hecktür auf. Der Portier holt zwei Kisten Bier aus dem Kofferraum und stellt sie auf die Ameise, wie der Handhubwagen der Lagerarbeiter genannt wird. Er drückt dem viereckigen Taxler einen Geldschein in die Hand. Der gibt ihm den Rest heraus, steigt in seinen Kleinbus und fährt weg. Der Portier richtet die Bierkisten ordentlich auf seiner Ameise aus und geht dann, die Ameise hinter sich her ziehend, wieder zurück in das Gebäude.
Mein Kollege zählt laut und mithilfe seiner Finger bis zehn.
Los!, sagt er, rennt rüber zum Eingang, und ich ihm nach. Kurz bevor die Metalltür hinter dem Portier mit seiner Ameise zufällt, stellt mein Kollege seinen Fuß hinein. Wieder zählt mein Kollege laut und mithilfe seiner Finger bis zehn.
Weiter!, sagt er und schlüpft durch die Öffnung der nur einen Spalt und somit gerade so weit wie nötig aufgemachten Tür durch. Ich schlüpfe ihm hinterher, die Tür fällt zu und wir sind drinnen. Das ist wie heimkommen, sagt mein Kollege und lächelt.
(Auszug aus dem Roman Blaumann, Picus Verlag 2019)

Gespräch mit Harald Darer

Die Wendezeit scheint den Protagonisten sehr geprägt zu haben, in seiner Erinnerung hält er sich aber an Klischees. Warum?

Klischees, Vorurteile und Gemeinplätze sind angenehme Sündenböcke für das eigene Scheitern. Das steht ja auch politisch gerade wieder hoch im Kurs. Die Protagonisten in meinem Text stammen aus unterschiedlichen Milieus. Beide sind an ihren eigenen Vorstellungen und Ansprüchen gescheitert und haben die Schuldigen schnell ausgemacht. Das ist eben immer nur die halbe Wahrheit.

Auch spielt ja die geografische Nähe der Steiermark zu Ungarn eine Rolle. Woanders dürften die Umwälzungen nicht so spürbar gewesen sein, sowohl in persönlicher als auch wirtschaftlicher Hinsicht?

Ich bin in der sogenannten Mur-Mürz-Furche, im mittleren Mürztal aufgewachsen. In den 1990er-Jahren wurden gut gehende Betriebe zugesperrt und in den Osten verlagert. Ich habe gesehen, was das mit ganzen Ortschaften macht. Die persönliche und wirschaftliche Situation kann hier nicht getrennt werden. Zumindest nicht, wenn man kein Geld hat.

Liegt dem Buch eine persönliche Begegnung zugrunde?

Grundsätzlich, ja. Das sind aber nicht konkret einzelne Personen, sondern viele unterschiedliche, Situationen oder einfach nur aufgeschnappte Wörter und Sätze. Ich bin gewissermaßen ein Fleischwolf, wo was hineinkommt und formverändert wieder heraus.

Wie finden Sie zur Sprache Ihrer Charaktere?

Die Sprache kommt mit den Figuren und umgekehrt. Mir scheint, dass mir die Sprache oft wichtiger als der Inhalt ist. Ich versuche aber ein gutes Gleichgewicht aus Story und Sprachrhythmus zu finden.

Es heißt, Ihr Schreiben gemahne an Thomas Bernhard. Das ist gewagt. Sehen Sie es selbst so? Ist er ein Vorbild für Sie?

Nein, ich sehe das nicht so, obwohl ich es natürlich schon oft gehört habe. Ich denke, das hängt auch viel mit dem österreichischen Duktus zusammen, und dass ich auch oft die Wiederholung als Stilmittel verwende. Das Bernhard-Mascherl wurde ja schon mehreren Autoren umgehängt, manchmal berechtigt, machmal unberechtigt, auch den von mir sehr geschätzten Werner Kofler oder Gustav Ernst, die mir hier vom Schreibstil bestimmt näher sind. Aber BeRnhard kennt halt jeder und die Verlage müssen ja was auf die Buchdeckel draufschreiben!, haha. Also, Vorbild ist er keines, aber ich lese ihn immer wieder gerne.

  • Harald Darer wurde 1975 in Mürzzuschlag geboren, er lebt und arbeitet in Wien. Seit 2005 zahlreiche Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften und Anthologien. Er erhielt diverse Preise und Auszeichnungen, zuletzt das Wiener Literaturstipendium (2018). Nach seinem Debütroman Wer mit Hunden schläft (Picus Verlag, 2013) erschienen zwei weitere Romane bei Picus: Herzkörper (2015) und Schnitzeltragödie (2016). Und jetzt aktuell Blaumann.

Harald Darer im Netz: Facebook I Website

 

Senta Wagner
(Foto des Autors © Rainer Boerecz)

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