Lesley Nneka Arimah: Was es bedeutet, wenn ein Mann aus dem Himmel fällt (CulturBooks)

Der CulturBooks Verlag aus Hamburg ist bekannt für internationale Gegenwartsliteratur von jungen, scharf beobachtenden und kritischen Autorinnen und Autoren. In diese Reihe fügt sich auch der Kurzgeschichtenband Was es bedeutet, wenn ein Mann aus dem Himmel fällt von Lesley Nneka Arimah, ihr Debüt.

Die Autorin hat mit ihrer Erzählsammlung Literaturpreise in verschiedenen Ländern gewonnen, und ihre Texte sind in vielen renommierten Zeitschriften erschienen. Die Protagonisten sind afrikanischer Herkunft, und obwohl sie zum Teil in den USA leben, stehen sie mit ihren Herkunftsländern und –familien noch immer in Verbindung. Die Erzählinhalte erscheinen von der afrikanischen Mythologie beeinflusst zu sein; vor allem Magie, Schamanismus und Rituale spielen oft eine Rolle. Gleichzeitig sind diese Stoffe aber auch mit der Populärkultur, mit Realismus und mit Einsprengseln aus Literatur- und Filmgenres verknüpft, sodass sie unserer Alltagswelt nicht so fremd erscheinen und ein anthropologischer Blick von außen gar nicht erst aufkommt. Vielmehr entsteht die für gute fantastische Literatur typische Beunruhigung, wenn sich das Unbekannte langsam und wie nebenbei einschleicht. Der Mann, der aus dem Himmel fällt, ist dann plötzlich gar nicht mehr das ungewöhnlichste Element in der Titelgeschichte, sondern die Vermischung aus Mathematik und Magie, mit der sich die Protagonisten beschäftigen.

Andere Texte bleiben auf der Ebene der Realität, und hier erweist sich die Autorin als genau beobachtende Erzählerin, die sowohl Komik als auch Tragik im Blick behält. Manches wird erzählt, um auf einen besonderen Blickwinkel, eine neue Perspektive hinzuweisen. Vor allem die Beziehung zwischen Müttern und Töchtern schildert sie sehr realistisch, teilweise ironisch, aber immer feinfühlig. Gleichzeitig weist sie, wenn auch manchmal in märchenhafter Form, auf Verletzungen und Missstände hin, wie etwa in der besonders beeindruckenden Geschichte „Wer erwartet dich zuhause“, in der eine Frau ein Kind aus abgeschnittenen Haaren formt. Die Frage nach afrikanischen Mythen als Vorbildern drängt sich auf, aber die Autorin erzählt im Interview mit Deborah Treisman in The New Yorker: „Es ist ein Mythos, den ich selbst erfunden habe. Mich fasziniert die Idee, neue Mythen zu kreieren, die zu unserer gegenwärtigen Welt sprechen, so wie die alten Mythen zu den Menschen in ihrer Zeit gesprochen haben.“
Männer spielen in der Geschichte gar keine Rolle, es geht um eine besondere Form der Fortpflanzung, vor allem aber geht es um das Fehlen jeglicher Solidarität zwischen den Frauen. Arimah erklärt auch, was sie an der Form des magischen Realismus besonders interessant findet: „Ich kann ein sehr menschliches Begehren verwenden, es in eine übernatürliche Welt stellen und zusehen, wie die Menschlichkeit grotesk wird.“ Das klingt unheimlich, und so wirken ihre Geschichten auch öfters, es fehlt aber niemals die spürbare Freude am Erzählen, Erfinden, am Kombinieren und Überraschen. Sehr empfehlenswert!

Miriam Mairgünther
(erweiterter Beitrag, Originalfassung in der Buchkultur 183)

  • Lesley Nneka Arimah: Was es bedeutet, wenn ein Mann aus dem Himmel fällt. Storys. Aus dem Englischen übersetzt von Zoë Beck. Hamburg: CulturBooks Verlag 2019. Hardcover. 200 Seiten. 20 Euro. E-Book 12,99 Euro

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