Romain Gary: Die Jagd nach dem Blau (Rotpunktverlag)

Was für einen bezaubernden und aufregenden Roman legt uns hier der Rotpunktverlag aus Zürich in seiner Belletristikreihe Edition Blau vor. Die Jagd nach dem Blau von Romain Gary erzählt von Ludo Fleury, der bei seinem Onkel Ambroise in der Normandie aufwächst, nachdem er Vater und Mutter verloren hat. Gleichzeitig taucht er tief ein in die Geschichte des 20. Jahrhunderts. Ambroise Fleury ist Landbriefträger. Doch seine Leidenschaft sind Drachen, die er selbst baut und mit Vergnügen in die Luft steigen lässt und denen er für Drachen nicht unbedingt übliche Namen gibt. So heißen sie etwa MONTAIGNE oder WELTFRIEDEN, GRANDE DEMOISELLE MIT JAKOBINERMÜTZE oder JEAN-JACQUES ROUSSEAU, «sein absoluter Liebling mit Flügeln in Form aufgeschlagener Bücher, deren Seiten im Wind flatterten». Manche erklären ihn für verrückt, was ihn jedoch nicht sonderlich stört. «Es liegt doch auf der Hand, dass ein Mann, der sein ganzes Leben den Drachen widmet, irgendwie einen kleinen Spleen haben muss. Nur stellt sich hier die Frage der Interpretation. Manche nennen das einen ‹Spleen›, andere sprechen vom ‹göttlichen Funken›.» Die Fleurys zeichnet jedoch noch etwas anderes aus. Ihnen ist ein «ausgesprochenes Langzeitgedächtnis», «ein erstaunliches historisches Gedächtnis» gegeben, wie es sich auch bald schon bei Ludo bemerkbar macht.

Auch Hartnäckigkeit ist den Fleurys eigen. Ludo ist erst zehn, als er der schönen Lila, einer jungen Polin, die jeweils mehrere Monate mit ihrer Familie in einer Sommerresidenz in der Nähe des Dorfes verbringt, im Wald begegnet und ihr – schon über beide Ohren verliebt – einen Korb mit Erdbeeren überreicht. Sie isst alle, um sich danach über den fehlenden Zucker zu beklagen. Wochenlang geht er täglich an den gleichen Ort, mit Erdbeeren, später Blaubeeren, Brombeeren und Zucker, in der Hoffnung, sie würde da sein. Er sollte sie erst vier Jahre später wieder sehen. Und er wird nie mehr von ihr loskommen.

Bald schon erfährt Ludo direkt und unmissverständlich, was es heißt, eine Frau zu lieben, die einem höheren Stand angehört und von anderen ebenfalls geliebt wird. Er befindet sich in einem Dreieck von Polen, Deutschen und Franzosen – eine brisante Konstellation in den späten Dreißigerjahren des 20. Jahrhunderts. Ludo verbringt längere Zeit in Polen. Bei Kriegsausbruch kehrt er in seine Heimat zurück, Lila muss er zurücklassen. In Frankreich wird er für kriegsuntauglich (und geistig gestört) angesehen. Während Ambroise Fleury mit seinen Drachen im kleinen Dorf seine Art von Widerstand lebt, schließt sich Ludo der Résistance an, wo sein fast schon beängstigendes Gedächtnis sehr wertvoll ist. Es sind die Treue zu Lila und die Treue zu seinem Land, die Ludo in seinem Handeln leiten. Und es sind Grundwerte wie Widerstand gegen Diktatur und Menschenverachtung, die sowohl den Onkel wie den Neffen, aber auch weitere Personen in ihrem Umfeld antreiben. Dabei wählen sie manchmal durchaus unübliche Wege, die auf den ersten Blick erstaunen.

Romain Gary gelingt mit seinem Roman ein kleines Meisterwerk als Lektion in Menschlichkeit und gegen die Hoffnungslosigkeit. Die sprachliche Leichtigkeit, mit der er erzählt und die in der Übersetzung von Jeanne Pachnicke auch im Deutschen schön zur Geltung kommt, verleiht den Geschichten Flügel und trägt sie über die Realitäten des Krieges hinweg, ohne jene zu verharmlosen. Die Jagd nach dem Blau kam im Original 1980 heraus und ist Romain Garys letzter zu Lebzeiten erschienener Roman. Geboren 1914 in eine jüdische Familie in Wilna als Roman Kacew kam er mit vierzehn Jahren nach Frankreich. Zehn Jahre später, 1938, folgte der Eintritt in die französische Luftwaffe, nach Kriegsende trat er 1946 in den diplomatischen Dienst ein und nahm den Namen Gary an. Ihm gelang das Unmögliche, indem er zweimal mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet wurde, erstmals 1956 für den Roman Die Wurzeln des Himmels und ein zweites Mal für Du hast das Leben noch vor dir, das er unter dem Pseudonym Émile Ajar veröffentlichte. Verheiratet war Romain Gary mit Jean Seberg, die sich 1979 umbrachte. Ein Jahr später entschied sich auch Romain Gary für den Selbstmord. Hinterlassen hat er ein umfangreiches Werk von rund dreißig Romanen, zwei sind bis jetzt in der Edition Blau erschienen, neben Die Jagd nach dem Blau ist auch Du hast das Leben noch vor dir in der Übersetzung von Christoph Roeber erhältlich.

Der Rotpunktverlag wurde soeben mit dem «Preis des Schweizer Buchhandels für den Verlag des Jahres 2019»  ausgezeichnet. Der Titel «Buchhandlung des Jahres» ging an  die  Buchhandlung «Doppelpunkt» in Uster

Liliane Studer

  • Romain Gary: Die Jagd nach dem Blau. Roman. Aus dem Französischen von Jeanne Pachnicke. Zürich: Edition Blau 2019. 376 Seiten, gebunden. 24,00 Euro

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