Lucia Berlin: Welcome Home (Kampa Verlag)

Jünger geht kaum: Der in Zürich ansässige Kampa Verlag mit Außenposten in Berlin wurde im letzten Jahr von Daniel Kampa gegründet und tritt jetzt sozusagen mit seinen ersten Frühlingsblüten an. Kampa, wissen wir, steht zunächst einmal für Georges Simenon, den pfundigen belgischen Erfinder des Kommissar Maigret.
Auf der übersichtlichen Anordnung der Neuerscheinungen auf der Website zählen wir sage und schreibe achtunddreißig Titel, darunter achtzehn Simenons. Kampa besitzt die Rechte am Gesamtwerk des Krimiautors. Kampa steht aber auch für „deutschsprachige und internationale Gegenwartsliteratur, moderne Klassiker und Klassiker“. Und dazu zählt die wunderbare Lucia Berlin, von der im Herbst bereits der nächste Band veröffentlicht wird (Abend im Paradies)./red.

Lucia Berlin: Welcome Home

Sie war stets auf der Suche nach einem Zuhause, dem passenden Leben, dem richtigen Mann. In ihren Briefen und autobiografischen Texten lernen wir eine mutige Frau kennen – und die ame­rikanische Bohème der 1950er- und 1960er-Jahre.

Die amerikanische Schriftstellerin Lucia Berlin (19362004) ist eine der großen Wiederentdeckungen der letzten Jahre: eine Meisterin der kurzen Form mit einem genauen Blick für den Alltag und die Träume der Menschen. Den Stoff aus dem ihre Geschichten sind, fand sie im eigenen Le­ben, das ziemlich chaotisch war, geprägt von Aufbrüchen und Hoffnungen, die sich selten erfüllten. Geboren wird Lucia Berlin in Alaska, ihre Jugend verbringt sie in Chile, weil ihr Vater dort Arbeit als Bergbauingenieur findet; sie erkrankt früh an Skoliose. Sie heiratet dreimal, hat vier Söhne, die sie bald alleine aufzieht, wird alkoholabhängig. Sie hat als Putz­frau, Telefonistin, Aushilfslehre­rin, Sekretärin und Krankenpflegerin gearbeitet. Ihre erste Geschichte veröffentlicht sie mit vierundzwanzig Jahren. Sie wollte unbedingt und immer schreiben. Ihr Sohn erinnert sich im Vorwort dieses Bandes an seine Kindheit, an das permanente Geräusch der Olympia-Schreibmaschine seiner Mutter.

Von den Anfängen als Schriftstellerin erzählt dieser autobiografische Band, von Kindheit und Jugend, der ersten heftigen Liebe, von den Versuchen, sich mit den wechselnden Männern irgendwo einzurichten und glücklich zu sein. In einem Interview hatte Lucia Berlin 2003 gesagt, sie sei stets auf der Suche nach einem Zuhause gewesen.
Sie listet auf, in wie vielen Häusern sie gewohnt hat, welche Schwierigkeiten es dort jeweils gab: In dem einen funktioniert etwa nur eine Kochplatte, in dem anderen bricht der Boden ein, es gibt Erdbeben und Sandstürme, in New York wohnt sie im fünften Stock ohne Fahrstuhl – mit zwei kleinen Kindern, die noch nicht laufen können. Sie übersteht Zwangsräumun­gen, wird noch vor der Geburt des zweiten Sohnes vom ersten Ehemann verlassen, dessen Unterhosen sie bügelte, „damit sie warm waren“. Sie selbst verlässt den zweiten, einen freund­li­chen Musiker, weil sie sich unsterblich in den dritten verliebt, dessen Drogensucht sie lange nicht ernst genug nimmt.
Es sind Schilderungen und Erinnerungen aus dem Leben einer ungewöhnlich mutigen Frau, die sich in der amerikanischen Künstler-Bohème der 1950er- und 1960er-Jahre bewegt. Es geht um die Liebe und die Kinder, um Freundschaften und Häuser, lange Reisen und vor allem um die eigenen schriftstellerischen Versuche.
Neben den autobiografischen Texten, in denen sie vom Scheitern und Träumen in dem ihr eigenen unsentimentalen literarischen Ton erzählt, lesen wir Briefe aus zwei Jahrzehnten (19441965), die nicht zuletzt und sehr reflektiert vom alltäglichen Leben und vom Schreiben berichten, und auch diese Briefe sind – wie ihre Geschichten – oft ebenso herzzerreißend wie komisch.

Manuela Reichart
(adaptiert, Originalbeitrag auf DLF Kultur)

  • Lucia Berlin: Welcome Home. Erinnerungen, Bilder und Briefe. Aus dem amerikanischen Englisch von Antje Rávik Strubel. Zürich: Kampa Verlag 2019. 207 Seiten, gebunden, Vierfarbdruck. 24 Euro. Auch als E-Book.

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