Hotlist 19: Sigurður Pálsson: Gedichte erinnern eine Stimme (ELIF VERLAG)

Gerne denkt man an Island in diesen heißen Junitagen. Vorausgesetzt, dort ist es wirklich kühler als hierzulande. Zumindest liegt es weiter im Norden. Ein spezielles Augenmerk richtet auch der 2011 gegründete ELIF VERLAG aus dem Nettetal auf die Insel und ihre Poesie. Es finden sich allein drei Dichterinnen und Dichter in Übersetzung im Programm. Schwerpunkt des Verlags von Dincer Gücyeter ist grundsätzlich die internationale Lyrik, die dann erstmals auf Deutsch publiziert wird, wie etwa die der besonderen Özlem Özgül Dündar. In diesem Frühjahr erschien der im Folgenden vorgestellte Gedichtband/red.

 

Sigurður Pálsson: Gedichte erinnern eine Stimme

Personare = Hindurchtönen, klingen lassen­ – dieser griechische Stamm des Wortes Person, wie wir ihn verwenden, bezieht sich auf die Stimme. Sie tönt aus dem Inneren durch die Maske des Schauspielers, er formt mit ihr eine Persönlichkeit. Ich möchte den Begriff nicht psychologisch als Schein-Identität gefasst wissen, sondern poetisch, als das sich durch die Stimme, durch Tonlagen, den Rhythmus, die Färbung bis in die Silben und Buchstaben hinein, durch die Wortwahl nach außen sich zeigende Innere.

Sigurður Pálsson (1948–2017) schrieb diese Gedichte am Ende seines Lebens. Er wusste, dass er nicht mehr lange zu leben hatte, und doch sind sie weder depressiv, noch von Todesahnungen oder Endzeitstimmung durchzogen. Im Gegenteil: Pálsson saugt das ganze Leben in sich auf, er feiert das Sonnen- und Mondlicht, Naturerscheinungen, er begibt sich in Cafés oder in die Welt der Erinnerungen und der Sinneseindrücke. Er beschwört das Leben sehr sinnlich, voller Poesie, voller Kraft und Zuversicht. Er geht erhobenen Hauptes durch die Welt und wandelt das Gesehene, Gerochene, Gespürte, Gehörte, Geschmeckte um in wunderbare Gedichte, die dem Leser eine Person zeigen, die in der Kunst ihre Existenzgrundlage gefunden hat und im „Gleichgewicht“ ist.
„… bis die geschiedenen Phasen wieder ins Gleichgewicht finden …“, so lauten die letzten beiden Zeilen des Gedichts „Ein Akkordeon“, das das Große und Kleine, „die Konturen des Bergs“ mit der „Lebenslinie im Handteller“ zusammendenkt, das „Wasser oberhalb / Wasser unterhalb“ – so auch die Kapitelüberschrift dieses Teiles der Gedichtsammlung – ins Gleichgewicht zu setzten versucht.

Das Buch ist in vier Kapitel eingeteilt: Feuer und Schatten, Erde, Stimmen in der Luft, Das Wasser oberhalb / Das Wasser unterhalb.
Das erste Kapitel ist eine Anrufung, ein Aufruf zur sonnigen Heiterkeit, die sich unter anderem speist aus den Quellen der Philosophie und Musik – sie sind die Mittel „gegen das Bleierne und Dunkle / gegen Unrecht und Gewalt / die ganze lange Liste …“ Es ist einem der größten Dichter deutscher Sprache gewidmet, Friedrich Hölderlin.
„Voll Verdienst, doch dichterisch, wohnet der Mensch auf dieser Erde“, so der Gedanke, unter dem Feuer und Schatten steht. Aus derselben Feder stammt auch die Zeile „und alle seligen Geheimnisse der Liebe entatmeten mir“ (Hyperion).

Womit sich Atem, Durchtönen, Stimme, Person zusammenfinden: Das Gedicht ist sein Ausdruck – Sigurdur Pálssons Gedichte erinnern eine Stimme. Es ist die Stimme des Menschen, der hinter der Vielfalt menschlichen Seins die Menschheit sieht, das Gemeinsame hinter allem, was trennt.
Dieser große humanistische Gedanke drückt sich in vielen Gedichten aus, manchmal im Kleid einer Warnung – „Hüte dich vor einem schlafenden Wasser …“ – Pálsson greift auf Bilder aus der Natur zurück, setzt sie ganz gezielt ein, um von Menschlichem zu erzählen, die Person in den Mittelpunkt zu stellen.

Der Zyklus Stimmen in der Luft, das dritte Kapitel, spricht von Schönheit und Gerechtigkeit, Alten und Jungen, er lässt einen Windhauch zu Wort kommen, spricht vom Fluss der Zeit und lebendiger Neugier, der Unendlichkeit der Musik oder einem hellsehenden Stern. Er spricht von den Möglichkeiten des Menschseins, der Vielfalt, die das Leben bietet.

Das letzte Kapitel, jenes über die Wasser, spricht von der Hoffnung, der Lust, der Liebe. Das letzte Gedicht trägt den Titel „Liebe“, das Wort kommt darin nicht vor. Jedoch „Wolken“, „Helle“, „strahlende Fröhlichkeit“ und „heiliges Glück“. Dieses letzte Gedicht, gelesen als eine Art Kern, bringt noch einmal die Ansätze Pálssons zusammen. Es liest sich so leicht, so einfach, es ist tief und ehrlich. Es endet mit folgenden Zeilen:

Woher kommt diese 
strahlende Fröhlichkeit?
All dieses heilige Glück?

Wasser in einem strahlenden Becken
Strahlendes Wasser in einem Becken

Es sollte noch erwähnt werden, dass in diesem schön edierten Buch alle Gedichte in Isländisch und in der sehr gelungenen Übertragung von Jón Thor Gílason und Wolfgang Schiffer zu lesen sind. Auch wenn man den isländischen Text nicht versteht, vermittelt er doch eine Ahnung von Rhythmus und Melodie. Zum Schluss sei noch ein besonders eindrücklicher „Gesang“ zitiert, der das Leben feiert:

Ich habe keine Angst vor ihm
er kommt wenn er kommt
„Sei gegrüßt, wann immer du willst“

Und ich singe weiter über das Leben
und über die Landschaft auf der rechten Seite
und die Landschaft auf der linken Seite

Petra Lohrmann
(Gute Literatur – Meine Empfehlungen)

  • Sigurður Pálsson: Gedichte erinnern eine Stimme. Zweisprachige Ausgabe. Übertragen von Jón Thor Gílason und Wolfgang Schiffer. Nettetal: ELIF VERLAG 2019. 132 Seiten, gebunden

 

 

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