Marie Luise Lehner: Im Blick (Verlag Kremayr & Scheriau)

Marie Luise Lehners Im Blick, 2018 im Verlag Kremayr & Scheriau erschienen, erzählt in wechselnder Perspektive vom Erwachsenwerden zweier Freundinnen zwischen elf und zwanzig Jahren und dem Beginn einer Liebesbeziehung. Geschrieben ist Im Blick in der Ich-Perspektive und der Jetztzeit, herausgekommen ist ein genuin weiblich geprägter Bildungsroman – ein Glücksfall.

Erstens ist die Protagonistin freimütig – „ich sehe dein erschrockenes Gesicht, als ein Schwall Sekret aus mir an deinen Fingern vorbei auf den Boden stürzt“ – zweitens ist sie mutig und setzt sich mit vierzehn erfolgreich gegen „schwul“ in abfälliger Verwendung durch: „Alle in der Klasse wissen, dass ich Frauen liebe, und trauen sich deshalb nicht, mir zu widersprechen.“ Drittens ist sie neugierig – über zwei Jahre lang fordert sie gemeinsam mit anderen Sexualkundeunterricht ein, bis die Klasse einen halben Tag auf einer Gynäkologiestation verbringen darf. Viertens ist sie tapfer. Als die anschwebende Liebesbeziehung stockt, heißt es einmal lapidar: „Ich frage mich, ob es Menschen gibt, die ihre Betten frisch beziehen, weil sie hinein geweint haben.“ Genaue Beobachtungen werden in klarer Sprache wiedergegeben – etwa die Handlung eines Britney-Spears-Videos – und bleiben in einer vorurteilsfreien Sphäre.
Einmal äußert sich die Autorin über ihr Schreiben („Meine Sprache ist eine einfache. Ich rede in kurzen Sätzen. Verwende kleine Wörter und möchte mit ihr nicht beeindrucken.“) – aber ihr Autorin-geworden-Sein ist kein Thema. Die Leser werden Zeugen einer uneitlen Suchbewegung: Wie geht es, in einen weiblichen Körper hineinzuwachsen und das Weiblichsein als eigenmächtige Erfindung zu erleben? Die Eltern bleiben in dieser Erzählung gegenüber den gleichaltrigen Freundinnen und Schulgefährten völlig im Hintergrund. Ebenso viel wie über die Ich-Erzählerin erfährt man über ihre engste Freundin Anja. Und beide Mädchen verkehren eng mit den anderen Mädchen – Im Blick versammelt zahlreiche verschiedene Erfahrungen. Sexualität wird weit gefächert in den Blick genommen. Die Schwierigkeit unbefangenen Weiblichseins ist Thema. Dabei gelingt es Lehner, weder zu verzweifeln noch zu missionieren. Sie erzählt nüchtern, ohne Anklage und sie erzählt auch von den schillernden Privilegien jugendlicher Weiblichkeit: „Wenn ich mit Anja verreise, werden uns oft Drogen angeboten. Wir lernen schnell, dass für Frauen Drogen fast immer gratis sind.“ Mit Couchsurfing und Autostopp erkunden die beiden ein Terrain, das weiblichen Reisenden nicht unbedingt empfohlen wird – nehmen sich Freiheiten, die allein gefährlich wären und auch zu zweit riskant bleiben. Verletzung geschieht, verkapselt sich und wird doch im Verlauf der Geschichte erzählt.

Im Wechsel dazu entwickelt sich die Beziehung zu einem „Du“, dessen Geschlecht zunächst heiter undeutlich bleibt. In Du’s Umkreis findet sich „die Wölfin“, und was einen dramatischen Eifersuchtsplot nahelegen könnte, wird seltsam leichtfüßig ausgehalten, bis die Zeit die Bindungen erleichtert. Es ist auf einer bestimmten Ebene eine Art Happy End vor dem Ende, denn das Ende dieses Buches handelt von der Gerufenheit, keine Beengung des Weiblichseins dulden zu wollen und dem Wissen um die Kraft von Solidarität und Achtsamkeit füreinander. Es ist ein schönes Ende für ein bereicherndes Buch.

Gesche Heumann

  • Marie Luise Lehner: Im Blick. Wien: Verlag Kremayr & Scheriau 2018. 192 Seiten, gebunden. 19,90 Euro. E-Book 14,99 Euro.

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