Textreihe (32): Birgit Birnbacher

Welche Ehre! Kaum dem Wörthersee in Klagenfurt entstiegen, ist sie schon hier bei uns: Birgit Birnbacher, Gewinnerin des diesjährigen Bachmannpreises, ist Gast der zweiunddreißigsten Ausgabe der Textreihe „Indie-AutorInnen schreiben“. 2016 debütierte sie mit dem bewunderten Roman Wir ohne Wal (Jung und Jung Verlag), in dem sie sich bereits als versierte Erzählerin zeigte und einen unvergesslichen Sound von der Größe eines Wales schuf (zur Besprechung auf dem Hotlistblog).

Es nützt ja nichts ist der Beginn ihres jüngsten Romanprojekts, dessen Veröffentlichung voraussichtlich im Frühjahr 2020 im Wiener Zsolnay Verlag sein wird. Basierend auf der wahren Lebensgeschichte eines Haftentlassenen erzählt Birnbacher die Resozialisierungsgeschichte des zweiundzwanzigjährigen Arthur Galleijs, einst ein unbeschriebenes Blatt, der nun von einem schrulligen Therapeuten namens Börd unter die Fittiche genommen wird. Ausgehend vom Prinzip der Nützlichkeit eines Menschen stellt sie Fragen nach Formen des Lebensglücks, Wohl und Wehe der Vergangenheit und der zweiten Chance./red.

 

Es nützt ja nichts

(Juni 2010, Wien Favoriten, Tag der Haftentlassung)

Es nützt ja nichts. Arthur Galleij steht unten vor dem Haus im zehnten Bezirk, und das Blut auf seiner Schläfe trocknet langsam ein. Draußen ist es schon wärmer geworden, fast ist es, als wäre schon Sommer. Der Pullover und die leichte Jacke, die er trug, als er im Oktober vor zwei Jahren ins Gefängnis kam, sind jetzt unangemessen warm. Er schwitzt. Die Adresse stimmt, aber er ist mehr als zehn Minuten zu spät. Die Tür geht auf, er nimmt zwei Stufen auf einmal, als er durchs Treppenhaus hinaufläuft. Die Schläfe pocht, das ist mehr als ein Kratzer, das hätte er sich sparen können, jetzt muss er hier so zugerichtet antreten. Zweiter Stock, die Vergewisserung nach der richtigen Tür, ein kurzes Klopfen. Eine Frauenstimme ist das, die sagt: „Herein, bitte.“
Arthur stammelt eine Entschuldigung. Neben der Frau sitzt ein Mann, der wahrscheinlich älter aussieht, als er ist, der Therapeut. Beide schauen Arthur an, der Therapeut nur kurz, er ist mit seinem Handy beschäftigt. „Alles okay?“, fragt die Frau. Arthur nickt. Die Brille des Therapeuten heißt da, wo Arthur Galleij aufgewachsen ist, Bundesheerbrille, weil sie früher einmal das Gratismodell für Wehrdienstleistende war. Wer sich nach dem Wehrdienst nichts anderes leisten konnte, trug sie einfach weiter über die Jahre, bis die Leseschwäche eintrat und die Brille schließlich gegen das Leseschwäche-Kassenmodell ausgetauscht wurde. Der Therapeut fächert mit seiner großen Hand den Rauch seiner Zigarette über dem Schreibtisch fort. Er atmet hörbar durch die Nase ein und wieder aus. Dann sagt er: „Jetzt haben wir ihn also da.“

Der Therapeut sieht nicht nur wegen des veralteten Handys aus wie ein Relikt aus den Neunzigern, sondern auch wegen des blauen Arbeitsmantels, den er trägt. Er kann die wirklich sehr lauten Klingeltöne nicht abstellen und gibt auch nicht zu erkennen, ob er das überhaupt will. Arthur schaut die Frau an. Ihr Gesichtsausdruck verrät, dass sie bereit ist, einiges für diese womöglich wirklich begehrenswerte Postdoc-Stelle am soziologischen Institut zu ertragen, wahrscheinlich sogar bereits einiges ertragen hat. Genau in dem Moment, als sie wirklich nicht länger so tun kann, als wäre nichts, findet der Therapeut einen Klingelton, der ihm zusagt. „Blossom“, liest er erfreut vor, schaut von Arthur zu der Frau und lässt dann endlich das Handy sinken. „Ein hübscher Klang.“ Neben der Frau, die etwas auffällig Patentes hat, wirkt der ungepflegte Mann wie ein seltsam vergreister Handwerker, der in diesem Augenblick vergessen hat, wie man einen Schraubendreher hält.
Blossom ist zwar ein vergleichsweise angenehmer Klingelton, aber jetzt spielt der Therapeut ihn schon zum vierten Mal ab. „Wenn Sie so etwas hören, Betty, woran denken Sie dann?“, fragt er mit verträumtem Gesicht. „Mein Name ist Bettina Bergner“, sagt sie zu Arthur gewandt und zum Therapeuten: „Ich denke an die Daten in unserer Aufnahmemaske, und wann Sie endlich lernen werden, wie man sie eingibt.“

Arthur versucht ein Lächeln, ihm ist ein bisschen schlecht von diesem beiläufigen Geplänkel, eine derartige Situation hat er lange nicht erlebt und er spürt, dass es nicht nur an der Wunde liegt, dass er sich gerade so elend fühlt. Der Tonfall, in dem die beiden miteinander sprechen, ist ihm fremd. Das Belanglose in ihrem Singsang. Die Tatsache, die sich neben diesem Kollegengespräch offenbart. Dass sie aus Spaß einen Streit entfachen. Dass aus Spaß etwas beginnt. Dass etwas im Spaß endet.

Heute Vormittag hat Arthur Galleij als freier Mensch das Gefängnis der JVA Gerlitz verlassen. Er hat in der Schleuse seine Sachen genauso zurückbekommen, wie er sie damals abgegeben hat. Dann ist er einfach davongegangen. Einen Schritt nach dem anderen hat er in den braunen Adidas Sneakers gemacht, einen nächsten und übernächsten, ganz normal, in den Jeans, und doch hat er sich gewundert, dass seine Kleidung nicht zerfällt in der Luft, dass nichts von ihm wegbricht oder sich auflöst. Er, Arthur Galleij, zerfällt nicht wie ein Mensch, der zwanzig Jahre da drin war und jetzt ein Knast-S in die Freiheit schiebt, einen Körper, bei dem sich vorne der Bauch vom Sitzen wölbt und hinten der Buckel vom Warten. Von außen betrachtet ist es ein gerader Mensch, der das Gebäude verlässt.

Arthur kennt niemanden, der so konsequent eine Blutspur übersehen kann wie der Therapeut, dessen Name Arthur lange bekannt war, bevor er ihn zum ersten Mal sah. Mit bürgerlichem Namen heißt er Konstantin Vogl, aber alle nennen ihn Börd. Der Therapeut schaut ihm so lange schweigend und rauchend in die Augen, bis Arthur in den Glasaschenbecher blickt, in dem dieser die Zigarette gründlich ausdrückt, ohne hinzusehen.
Er mustert Arthur durch die Brille hindurch, legt aber das Handy nicht aus der Hand. Ihm ist nicht anzusehen, was er denkt. Dass er nicht einmal eine halbe Stunde zuvor die flache Hand gegen die Stirn geklatscht hat, als er in der Akte des Jungen geblättert und gemurmelt hat: „Dass es so etwas gibt.“ Ein seltener Moment, in dem Vogl sich in die Karten schauen lässt. Sein Gegenüber, hat er immer gefunden, muss nicht bei allem mitlesen können, was er sich denkt. So hat er begonnen, sich nichts anmerken zu lassen. Sein direkter Nachbar zum Beispiel hat das Verschwinden seiner Frau Elsa lange nicht bemerkt. Vogl hat immer schon lieber noch einen getrunken, bevor man ihm etwas ansehen konnte. Damit man ihm nichts anmerkt, trinkt er auch heute lieber noch einen. Nie extrem, nie mit Totalabsturz. Nur einen für die Fröhlichkeit und einen gegen den Schmerz. „Die Elsa ist immer unterwegs“, solche Sätze hat er über den Zaun gesagt, so hat er sich angewöhnt, zu sprechen. „Hat Hummeln im Arsch, die Frau.“ „Wie sie halt so sind“, hat einmal der Nachbar gesagt, und Vogl hat genau das geantwortet: „Wie sie halt so sind.“ Dann ist er hineingegangen ins Haus und ist den Satz nicht mehr losgeworden. Der klang und klang und klang, im Ohr und im Zimmer und später im Bett, im geschlossenen Mund. Wie sie halt so sind.

(Auszug aus aktuellem Romanprojekt)

 

  • Birgit Birnbacher wurde 1985 in Schwarzach/Vorarlberg geboren und lebt in Salzburg. Studium der Soziologie und Sozialwissenschaften, Sozialarbeit im In- und Ausland. 2016 wird Sohn Xaver geboren und erscheint ihr Debüt Wir ohne Wal (Jung und Jung Verlag), für das sie den Jürgen-Ponto-Preis erhält. Bis 2018 als Soziologin in der Gemeinwesen- und Quartiersarbeit tätig.

 

 

 

(Foto der Autorin © Miriam Laznia)

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