Wolfsgruber/Luján: Der Garten der Formen (Kunstanstifter Verlag)

Leserin und Betrachterin des Buches Der Garten der Formen von Linda Wolfsgruber und Jorge Luján betreten ein Theater. Die Helden auf der Bühne sind: der Kreis, das Oval, das Dreieck, das Viereck und die mit noch mehr Ecken. Und sie betreten einen Zaubergarten, denn die Gedichte, die die Formen begleiten, sind wahrlich zauberhaft.
Ein kleines Licht-Gedicht spielt den poetischen Auftakt: „Ein Schiff aus Licht trägt die Seelen durch die Finsternis und lässt sie sicher wieder an Land am unberührten Strand des Morgens“ – gesetzt ist es in Form einer Mondsichel, die um 90 ° gewendet ein Schiff darstellt. Eine schöne Einstimmung auf die Reise in die Welt bzw. den Garten der Formen.

Der erste Blick fällt auf das Dreieck, das nur „drei Wege“ hat, an dem „die Heiligen Drei Könige“ entlanggehen. Diese hohen Besucher sind die Begleiter in den Garten, der, blättert man die eingeschlagene Doppelseite auf, den Blick freigibt auf diverse Kreise.
Was ist alles kreisrund? Da wären Rad, Heiligenschein, der runde Tisch des Königs Arthur, Silbermünze, Blechteller, der Schirm einer Tänzerin …
Dann stellt sich das Dreieck vor, keck singt es: „Oben breit und unten spitz, Regen fällt dir auf die Mütz.“ Wieder in Form eines Dreiecks gesetzt, die Texte spiegeln die beschriebene Form wider, alles ist aus einem Guss.

Nachdem mit dem Quadrat das erste Viereck mit im Spiel ist, taucht eine kleine Maus auf. Sie wird nun durch das ganze Buch hüpfen, manchmal schaut sie verwundert, manchmal nachdenklich, dann erfreut über Katze und Vogel, die sich ihr zugesellen.
Sind alle Grundformen erst einmal da, lässt sich alles darstellen: ein Segelboot, eine träumende Prinzessin, ein flinker Kreisel, das etwas unsichere Fünfeck – man kann ja auch einen Stern daraus machen, spazieren gehende Damen, ein Vogel-Melonen-Schiff mit Passagieren, eine errötende Sonne, eine geheimnisvolle Spirale – oder Schlange oder Labyrinth –, in diesem Garten hat alles einen Platz, einen Traum, eine Aufgabe, seine Freude und sein Glück.
Dieses findet auch ein tanzendes Paar am Schluss, nachdem es ein herzförmiges Labyrinth durchschritten hat, ein Gedichtlabyrinth, das mit den Worten „Hand in Hand gehen Vergnügen und Angst“ beginnt und mit „oder was immer sie tragen in ihrem verwirrten Herzen“ endet.

Ein besonders schönes Gedicht möchte ich in voller Länge zitieren:

Viereck

Ein Taschentuch fliegt davon
und setzt sich kreideweiß
wie ein Flicken auf den Wind.

Es legt sich auf einen Rahmen,
und da bemalt es ein Pinsel
mit einem Entenschwarm.

Es gleitet herab auf ein Floß,
und das Floß wird unverhofft
ein flottes Segelboot.

Durch die rabenschwarze Nacht
schwebt zitternd ein Gespenst
wie ein entflohenes Laken.

Eine warme Sommerbrise
weckt mich aus dem Schlaf.
Woher kommt dieses Taschentuch,
das flattert in meiner Hand?

Die Gedichte stammen aus der Feder des Musikers, Schriftstellers und Poeten Jorge Luján, geboren in Argentinien, nun in Mexiko lebend. Seine Texte sind sehr fantasievoll, sie weisen auf die Geheimnisse hin, die das scheinbar Bekannte in sich trägt, und geben dem Offensichtlichen eine unerwartete Wendung. Die Texte sind offen, leicht, großzügig, einladend und mitnehmend, sehr plastisch und bilderreich.
Linda Wolfsgruber, seit Jahrzehnten eine gefragte Illustratorin, bringt das Runde und das Eckige wunderbar zusammen. Sie wählt harmonische Farben, mal aquarelliert sie, mal nimmt sie den spitzen Stift, manche Bilder könnten mit einer Drucktechnik entstanden sein. Ihre Bilder nehmen Motive aus den Gedichten auf, folgen aber zugleich einer eigenen Idee, spielen ein eigenes Formen- und Farbenspiel – es entsteht ein Garten, der immer vielfältiger wird, immer freier, immer magischer. Ich bin begeistert!
Dieser ästhetische Genuss, der die Poesie der Geometrie in Szene setzt, ist geeignet für Groß und Klein. Wie schön und unverzichtbar ist es, dass es unabhängige Verlage für Illustration gibt wie den kunstanstifter verlag aus Mannheim. Ohne ihn könnten wir nicht in diesem besonderen Garten lustwandeln.

Petra Lohrmann

 

  • Linda Wolfsgruber (Illustration) und Jorge Luján: Der Garten der Formen. Übersetzt von Maria Hoffmann-Dartevelle. Mannheim: Kunstanstifter Verlag 2019. 40 Seiten, Hardcover mit vier Ausklappseiten. 24 Euro

 

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