Hotlist 19 (Vorauswahl): Gundula Schiffer: TIRZA ATAR (edition karo)

Die Kölnerin Gundula Schiffer, selbst Dichterin und Übersetzerin aus dem Hebräischen, hat mit TIRZAR ATAR – Wenn alles berührt eine Hommage auf die israelische Lyrikerin Tirza Atar geschrieben, die hierzulande eher wenig bekannt ist. Und es ist ihr auf Anhieb gelungen, mich neugierig auf diese ungewöhnliche Frau zu machen, die bereits früh starb.

In Tirza Atars Gedichten finden die mythischen Geschwister Poesie und Prophetie, in modernen Zeiten oft getrennt, eng zusammen.

Gundula Schiffer erzählt bewusst assoziativ und nicht streng chronologisch wie in einer Biografie. Sie erzählt aus dem Leben einer leicht berührbaren, empfindsamen Frau. Heute würden wir sie wahrscheinlich hochsensibel nennen. Die 1941 in Tel Aviv geborene Tirza Atar stand oft im Schatten ihres in Israel sehr bekannten Vaters Nathan Alterman, eines Dichters, und ihrer Mutter Rachel Marcus, einer bekannten Schauspielerin. Mit dreiundzwanzig veröffentlichte sie ihr Lyrikdebüt. Das war 1964. 1977 kam posthum der letzte Band heraus.

Tirza Atar kam im Alter von 36 Jahren beim Sturz aus dem Fenster ihrer Tel Aviver Wohnung im sechsten Stock ums Leben. Es wird nie geklärt werden können, ob es ein Unfall oder Selbstmord war. Die Geschichte um das Lebensende der Dichterin bleibt in der Schwebe.

Eine enorme Produktivität prägte ihre kurze Lebenszeit. Sie übersetzte bekannte Theaterstücke aus dem Englischen ins Hebräische, verfasste Kurzgeschichten und Lyrik und arbeitete an Theaterstücken und Prosatexten, die man teilweise erst nach ihrem Tod fand.

Tirza Atar wurde gerade durch ihre vertonten Gedichte, Lieder und Kinderbücher beliebt, aber ihre schriftstellerische Größe wurde unterschätzt und nicht ernst genommen.

Zu ihrem Vater hatte sie eine besonders enge Beziehung, jener berühmte Dichtervater, der außer mit ihrer Mutter auch noch mit einer Geliebten lebte. Im Gegensatz zum Vater, der auf das Traditionelle setzte, spielte Tirza mit dem Surrealismus und mit neuen Formen. Dennoch hatten die beiden auch eine Art dichterischen Austausch. Als Tirza unter depressiven Schüben leidet und einen Selbstmordversuch hinter sich hat, schreibt ihr Vater zu ihrem Schutz das „Wächterlied“-Gedicht. Es gibt interessante Parallelen zu Sylvia Plath. Im Schreiben wie im Sterben-Wollen. Tatsächlich standen beide auch in schriftlichem Kontakt. Auch Virginia Woolfs „eigenes Zimmer“ findet Eingang in Tirzas Leben und Schreiben.

Aus dem Gedicht „Wehen“:

Noch ist alles weit. Im Zimmer ist es still
nichts bei mir. Bis auf meine zwei über dem Bauch gekreuzten Hände
nichts in mir als ein Meer quietschender Leere
nichts in mir als Tiefe. Und Wind über meinem Gesicht.

Als sie mit neunzehn als junge Ehefrau mit ihrem Mann nach New York zieht – beide wollen ein Schauspielstudium absolvieren –, bekommt Tirza solches Heimweh nach Tel Aviv, dass sie einen Nervenzusammenbruch erleidet und mit Depressionen zu kämpfen hat. Der Vater holt sie zurück. Die Zeit in den USA wird später in ihren Kurzgeschichten aufscheinen, aber auch die traumatischen Erlebnisse des Kindes während des Unabhängigkeitskrieges um den Staat Israel. Einige sind im Buch abgedruckt sowie auch markante Gedichte zu bestimmten Lebensabschnitten.

Aus dem Gedicht „Noch ein Irrtum, den ich beging“:

Kurz und dürftig ist mein Nachsinnen über Entscheidendes.
Eine Mauer habe ich um mich gebaut, dazu Linien gezeichnet.
Nur ein einziges Feuer brennt. Festlich wie ein ganzer großer Kosmos
die Worte, die Worte, die stets wissen. Die stets reden zu allem was
kommt.

In Israel wird Tirza Atar derzeit wiederentdeckt. Es gibt einen Film über sie und zeitgleich zu diesem Band aus der edition karo kam in Israel eine Werkausgabe heraus. Gundula Schiffer erhielt für Recherchen zu diesem Buch auch direkt Unterstützung von Tirza Atars Sohn Nathan Slor. Ihr ist ein stimmiges Porträt einer feinfühligen Frau und Künstlerin gelungen. Der Band ist schön gestaltet und enthält auch diverse Fotografien von Atar. Der ausführliche Quellennachweis und Angaben zur Übersetzung im Anhang bieten die Möglichkeit, sich näher mit Atar zu beschäftigen.

Marina Büttner

  • Gundula Schiffer: TIRZA ATAR – Wenn alles berührt. Erzählende Biografie. Berlin: edition karo 2019. 160 Seiten, Klappbroschur. 13 s/w-Abbildungen. 19 Euro.

 

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