Hotlist 19 (Vorauswahl): Berit Glanz: Pixeltänzer (Schöffling & Co.)

Pixeltänzer, das Debüt von Berit Glanz bei Schöffling & Co., handelt von einer jungen Frau, die in Berlin lebt und in einem Startup arbeitet. Die Einführung der Ich-Erzählerin geschieht durch den vorgestellten Blick eines zufällig mit der Ringbahn vorbeifahrenden Mannes und liefert zugleich die Begründung dafür, statt modischem Vapen lieber altmodisch zu rauchen, um nackt am Fenster in Rauchschwaden stehend als Bild im Kopf dieses vorgestellten Mannes hängen zu bleiben und ihn zu „etwas furchtbar Analogem“ zu inspirieren: „Ich liebe diesen Gedanken.“ Kurz darauf gibt es ein Tinder-Date: „… auch die abgetönten Farben von Eriks Kleidung wirken, als ob ein Bildbearbeitungsfilter draufgelegt worden sei – genau im richtigen Maße verwaschen.“

Die Ästhetik des vom Smartphone als wesentlichem Attribut gestalteten Lebens entwickelt sich konsequent weiter, als die Hauptfigur mit einer Dawntastic-App einen Weckruf nach dem Prinzip von Chatroulette installiert. Einer der morgendlichen Anrufer, ein Hamburger, der in Kalifornien lebt, verwendet für sein Profil Name und Foto einer Maske und gibt sich geheimnisvoll. Die Hauptfigur hat keine Möglichkeit, ihn direkt zu kontaktieren, also beginnt ein Spiel mit elektronischen Dateien, das sich in eine Spurensuche nach einem beinah vergessenen Künstlerpaar verwandelt. Das Schicksal der beiden in den Zwanzigerjahren tragisch endenden Künstler malt die Schrecken der Bohème mit dem Gruseln zeitlicher Distanz tief dunkel. Der coole Startup-Alltag mit Klettergarten und Erholungsraum wirkt dagegen so hell fotografiert wie ein Ikea-Katalog. In ihrer Freizeit bastelt die Erzählerin an Insektenmodellen aus dem 3-D-Drucker.
Immerhin klaut sie einen robotergesteuerten Fisch aus dem Aquarium ihrer Firma und wirft ihn in die Spree – so viel Aufsässigkeit muss sein. Ein weiterer Akt spielerischer Revolte ergibt sich aus einer erfolgreichen Teambildung mit dem Vorsatz, an einem Programmierwettbewerb in Form einer Busreise teilzunehmen, um ihn beherzt nicht gewinnen zu wollen. Die dreitägige Reise Berlin – Wien – Hamburg verläuft dröge, und statt dem an sich geplanten krachenden Scheitern belegt die Erzählerin mit ihrem Team den zweiten Platz, der berufliche Unabhängigkeit in Aussicht stellt: „Das Preisgeld ist zwar ganz nett, und wir haben ja alle Ersparnisse (…), aber komplett ohne Geld geht es eben auch nicht“, heißt es abgeklärt, und deswegen wird im Team beschlossen, den gemeinsamen Chef nach der Reduktion von Stunden und unbezahlten Urlaubsmöglichkeiten zu fragen. Gegenüber derartiger Biederkeit ist die romantische Ebene – der unbekannte Anrufer – zum Ende hin schon egal.

Die Autorin stellt manchen Abschnitten Informationen zu Begriffen aus der Programmierwelt und generell Überschriften in Code-Ästhetik voran, aber die hippe Textformatierung verhindert genauso wenig wie die durchgehaltene Smart-User-Perspektive die Fadisierung, die furchtbar vernünftige Leute manchmal verbreiten.

Gesche Heumann

 

  • Berit Glanz: Pixeltänzer. Frankfurt: Schöffling & Co. 256 Seiten, gebunden. 20 Euro. E-Book 15,99 Euro.

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