Damir Karakaš: Erinnerung an den Wald (Folio Verlag)

Das bäuerliche Leben ist hart. Es tickt stoisch im Jahresreigen. Für Herzensbildung bleibt keine Zeit. Auch im abgehängten nordkroatischen (jugoslawischen) Irgendwo, in den späteren Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg ist das so. Der Hof der Bauersleute steht in einem winzigen Dorf, ins nächstgelegene Städtchen wird mit dem Ochsengespann gefahren, ins Nachbardorf zur Schule und in die Kirche zu Fuß gegangen. Das Meer oder Zagreb sind schier unerreichbar weit weg. Damir Karakaš zweiter auf Deutsch erschienene Roman Erinnerung an den Wald bietet große Kunst im Kleinen: In einer Fülle an Geschichtchen erzählt der Bauersbub, durchgehend im Präsens, aufgeweckt, lebhaft und schlitzohrig von seiner fragilen Kindheit, seinem Heranwachsen, seinem wortwörtlichen Erstarken. Unter einem angeborenen Herzfehler leidend werden ihm dafür Kraft und Magie der Sprache zuteil. Ungefiltert fließen seine Wahrnehmungen, sein Fühlen, Denken und Erleben in eine Sprache erhabener Schlichtheit und lakonischer Direktheit. Ein Kind reflektiert nicht behäbig. Die Sätze fließen häufig durch Strichpunkte gegliedert gut rhythmisiert dahin, bis ein Doppelpunkt sie bremst.

Bald kehre ich den Ochsen den Rücken zu, bald das Gesicht. In der Hand halte ich die Peitsche bereit, aber die Ochsen folgen mir ohne ständiges Stehenbleiben, sodass ich die Peitsche überhaupt nicht brauche: schon sind wir auf dem Feld. (…) Ständig sehe ich zum Himmel empor; er ist so schwarz geworden, dass sich ringsum schon alles verfinstert hat; Vater, Mutter und Baka arbeiten immer schneller, und Vater oben auf dem Wagen formt das Heu geschickt zu etwas, was an einen Würfel erinnert.

Lose chronologisch werden die Episoden miteinander verbunden, in der Schwebe gehalten oder abgeschlossen. Gleichsam werden eine schwierige Vater-Sohn-Beziehung, die reifen darf, und die Resilienz eines jungen Menschen in den Mittelpunkt der Erinnerungen gestellt.
Schwäche wird vom Vater gar nicht geduldet, unbarmherzig nimmt er den Sohn ran beim Arbeiten auf Hof und Feld. Oft genug gerät dieser dabei in einen Zwiespalt zwischen Furcht, Gehorsam und Distanz. Selten fühlt er sich dem Vater nah.
Da es ums Überleben der Familie geht, steht natürlich auch die Frage nach der „Brauchbarkeit“ des Stammhalters im Raum. Stets hat der Vater ihn „im Auge, das sagt: ‚Pass auf!‘“ Des Vaters Thron ist der Hackklotz vorm Haus oder der Vorsitz bei Tisch. Die Erkrankung wird ignoriert, nur regennass darf der Junge nicht werden. Behinderung ist schambesetzt. Eltern, die es nicht besser wissen. Auch der Erzähler muss sich was zusammenreimen und -wünschen. Der mageren Statur wird mit Muskeltraining und Proteinen beigekommen. Auch vom Krieg ist keine Rede, er ist passé. Das Böse hat man in Gestalt des wildernden Bären identifiziert, den es zu jagen gilt. Als ein Schulausflug zur Gedenkstätte Jasenovac (?) unternommen wird, wird diese namentlich gar nicht erwähnt. Lapidar heißt es, mehrheitlich seien die Großväter bei der Ustascha gewesen.

Freilich ist das alles nicht das Gelbe vom Ei. So viel Gleichmut kann gar kein Kind aufbringen. Wenn da nicht noch die Träume vom Heldentum wären, der Geborgenheit gebende Wald, die Kumpels, das Kino, die Musik aus der Jukebox, der rotzige Schalk und die Großmutter. Sie überspringt mit ihrer Zuwendung locker die Gefühlsarmut der Eltern und bringt mit ihrem Hexenhokuspokus noch andere Kräfte ins Spiel.

Kleine Sensationen bleiben im täglichen Einerlei nicht aus, sie spiegeln den allgemeinen technischen und gesellschaftlichen Fortschritt, wie die Anschaffung eines Hockklos, des ersehnten Farbfernsehers, der Installation einer Wasserleitung. Es geht ja immer weiter. Hier zeigt sich viel Witz im Erzählen, der restlos für das Buch einnimmt. Hopplahopp wächst der Bauersbub über die Jahre heran, der Vater über sich hinaus. In welche Zeit die Erinnerungen zurückgehen, lässt sich an eingestreuten Hinweisen ablesen, was Jungs halt so interessiert, wie Auto- (Ford Taunus) und sonstige Markennamen, Namen von Zeitschriften und Firmen oder Musiktitel. Mit Malaika, gesungen laut Anmerkung im Buch von Boney M., wären wir im Jahr 1981 angekommen. Dennoch: Das Ochsengespann wird in Karakaš anrührenden, poetisch gefärbten Kindheitserinnerungen fahren bis zum Schluss.

Senta Wagner

  • Damir Karakaš: Erinnerung an den Wald. Aus dem Kroatischen von Klaus Detlef Olof. Roman, gebunden. Bozen/Wien: Folio Verlag 2019, TransferBibliothek CXLVI. 151 Seiten. 20 Euro.

 

 

4 thoughts

  1. Liebe Dragica,
    danke für deinen Einwand. Ich bin des Kroatischen nicht mächtig, finde den Titel aber angemessen ins Deutsche übertragen. Er bezieht sich genau auf den Inhalt des Buches. Die Komposition „Walderinnerung“ funktioniert semantisch anders für mich. Das Bestimmungsverhältnis zwischen den beiden Nomen ist nicht klar.
    Schöne Grüße
    Senta

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