Hotlist 19: Jing Bartz, Shi Zhanjun (Hg.): stadtleben (Drachenhaus Verlag)

Es vergeht kaum kein Tag, an dem medial nicht die bedrohliche Wirtschaftsmacht China an die Wand gemalt wird. Selten hingegen sind authentische literarische Blicke auf die zeitgenössische Alltagswirklichkeit in den rapide wachsenden Metropolen Chinas. stadtleben – 8 Frauen, 8 Geschichten macht genau das. Erschienen im Esslinger Drachenhaus Verlag, der sich auf Literatur aus und über China spezialisiert hat, nimmt das Buch seine Leser mit in die Welt der Wanderarbeiter, des Hauspersonals, der Hinterhöfe und Küchen.
Über politische Dissidenten, den Überwachungsstaat China oder das Verhältnis zu Taiwan oder Hongkong ist nichts zu lesen. Hier schreiben acht meist junge Autorinnen aus Peking und anderen chinesischen Millionenstädten, indem sie Schlaglichter aufs Persönliche, Intime werfen. Da ist die erfolgreiche Geschäftsfrau, die sich wieder heim an den Herd wünscht und mit ihrer Kochkunst die Leidenschaft eines (durch sie zu Erfolg gekommenen) Künstlers zu wecken hofft („Die Küche“, eine zartbittere Geschichte von Xu Kun). Oder „Mahlzeit zu Dritt“ von Yu Yishuang: Beim vertraulichen Gespräch zwischen zwei Freundinnen über die gerade vollzogene Scheidung einer der beiden stellt sich heraus: Ursache für die Trennung ist gar nicht so sehr die Lieblosigkeit des Ehemanns, sondern der Verrat der eigenen Freundin (lakonisch und pointiert erzählt, am Ende rettet ein Omelette die Situation).

Über präzise geschilderte Alltagssituationen wie diese vermitteln die Geschichten der Autorinnen, allesamt für stadtleben ins Deutsche übersetzt, Lesehilfe, um die Verhältnisse im China des 21. Jahrhunderts besser zu verstehen: Was ist den Autorinnen wichtig? Nicht zuletzt Essen, Heiraten, Geldverdienen, letztlich: Stabilität. Worunter leiden ihre Protagonisten? Unter Desillusionierung, familiärer Zerrüttung, Gefühlskälte oder eben dem Gefühl der Austauschbarkeit inmitten der rasant wachsenden Metropolen. Nichts Neues in der Literaturgeschichte, aber eben doch neu erzählt.

Innehalten, schreiben, die Zeit festhalten. Der studierten Sinologin und Drachenhaus Verlegerin Nora Frisch ist es zu verdanken, dass der Kurzgeschichtenband den Weg auf den deutschsprachigen Buchmarkt gefunden hat. Und der Vorarbeit der Kulturmanagerin Jing Bartz natürlich. Sie stellte den Kontakt zur Pekinger Literaturzeitschrift „Volksliteratur“ her, mit dessen Chefredakteur sie gemeinsam die Autorinnen auswählte.

Alexander Musik

 

  • Jing Bartz, Shi Zhanjun (Hg.): stadtleben. 8 frauen, 8 geschichten. Aus dem Chinesischen von Karin Betz, Ulrich Kautz, Michael Kahn-Ackermann, Nora Frisch. Esslingen: Drachenhaus Verlag 2018. 174 Seiten, gebunden. 19 Euro

 

 

 

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