Hotlist 19: Ruth Lillegraven: Sichel (Edition Rugerup)

Aus Norwegen, dem diesjährigen Ehrengast der Frankfurter Buchmesse, kommt ein in seiner Schlichtheit der Sprache außergewöhnlich eindrücklicher Lyrikband von Ruth Lillegraven, übersetzt erschienen in der Edition Rugerup. Die 1978 in Westnorwegen geborene Dichterin taucht in dem Band Sichel ein in eine archaische Lebenswelt, die sich in ihren Menschen und in der Natur manifestiert. Hier ist wenig Raum für fliegende Gedanken. Hier ist vielmehr harte Arbeit angesagt. Und für den Helden des Langgedichts ist es schwer, als er seine körperliche Kraft verliert. Dass neue Energie aus dem Geist kommen darf, dass Worte, die oft so schwerfielen, ganz neue Räume eröffnen, gleicht höchster Magie. So magisch wie diese Gedichte.

In einer klaren, einfachen Sprache bildet Lillegraven ihre Verse. Sie sind bis aufs absolut Notwendigste verdichtet und enorm konzentriert. Zeilen- und Wortwiederholungen prägen die Gedichte und machen sie dringlich, bilden den Rhythmus.

all dieser stein

alles fällt
in den fjord
der himmel
der berg, das licht
blau in blau
grau in grau
nass in nass
alles in alles

alles fällt
in den fjord

Im Kapitel I werden wir in eine Familie eingeführt. Der Mond lenkt anfangs das Geschehen. Ein Kind, der Junge Endre, der nicht schlafen kann und vom Vater mit dem Mond vertraut gemacht wird. Eine Zärtlichkeit liegt in diesen Zeilen, eine Liebe. Der Junge benennt seine Eltern in der Sprache der Natur:

mutter und vater

meine mutter ist sonnenschmelz
und butterblume

vater ist altfichte
und adlerkreisen

Als der Junge vier wird, redet er nicht mehr. Viel später erst beginnt er von Neuem, doch:

die stille sitzt in mir, liegt auf der lauer

als wäre sie eine andere sprache

Die Mutter erkennt, dass dieser Sohn anders ist als seine vielen Geschwister.

neun junge, neun walderdbeeren auf einem halm, das sagte mutter

Das Schicksal spielt ein Spiel mit der Familie. Der Hof brennt ab, der Vater wird krank und erzählt Geschichten von früher. Es ist eine Zeit, in der Krankheit leicht Tod bedeuten kann. Geschwister sterben jung. Manche heiraten, verlassen die Familie, das Land bis in die neue Welt. Sommer und Winter vergehen. Die Jahreszeiten bestimmen die Arbeit. Immer weniger Walderdbeeren. Und irgendwann sind es nur noch der Junge Endre, die Mutter, der Vater.

so sacht fällt der schnee
dass er fast nicht fällt

so sacht fällt der schnee
dass ich beinahe sehen kann
wie er sich löst und zurückfällt
in den himmel

legt sich auf dem mond
zur ruhe
hier sind die bäume
schwer und dunkel

Die Natur weist die Wege. Der Mondkalender sagt, tu dies, lass das. Darauf ist Verlass. Schon immer ist das so und bleibt so. Dann findet Endre seine Frau. Abelone, die Tochter des Lehrers. Und sie leben auf seinem Hof.

und
den blauglockenhimmel
werde ich runterhakeln zu dir
flüstere ich, lege ihn wie
den feinsten schal
um deine
schultern
 

Es ist ein Leben vollkommen nach der Natur. Endre wächst ein in die Natur, wird Wald und Baum und Regen. Und Abelone erwartet ein Kind, es wird wachsen und sein Vater wird ihm den Mond zeigen in einer Nacht ohne Schlaf.

In Kapitel II stirbt Endres Vater – der ewige Kreislauf, das „Stirb und Werde“. Auch Abelones Fehlgeburten stimmen düster. Kein Kind kommt. Und auch Endre erkrankt, er hat das „Reißen“, den Rheumatismus vom Vater geerbt, schafft das Pensum nicht, das Haus und Hof abverlangen. So ist er nichts wert. Der Hof wird verkauft an den Schwager, der arbeitet wie ein Bär.

so habe auch ich
meinen schatten

ich bin der du warst
sagt der schatten

ich bin der du
sein solltest

ich bin
sveins sohn

und du bist
nichts

Kapitel III lässt Hoffnung leuchten. Und was da leuchtet, kommt in einer anderen Sprache aus dem fernen Land in Übersee, wo der Bruder lebt. Er schickt ein Buch, ein Wörterbuch, dick und schwer. Endre wächst mit den Wörtern mit dem fremden Klang.

snow, sage ich
mit der neuen stimme
blättre und blättre in dem buch
die seiten dünn wie
morgendunst

Es ist eine Freude zuzusehen, wie Endre nun auflebt. Neue Bücher kommen. Endre liest und lernt und wächst innerlich. Er liest von den Niagara-Fällen, von der Kaiserin von Indien, von Guiseppe Garibaldi und vom ausgestorbenen Vogel, dem Dodo. Endre liest und liest und blüht auf, doch Abelone, die früher die Lesende war, leidet. Sie hat mit dem Tagwerk zu tun, mit der Küche, dem Hof, auf dem sie weiterhin leben. Sie versteht Endre nicht mehr. Die Bücher sind nun sein Spiegel, sein Traum. Hier ist er Reisender, Entdecker, Wissenschaftler.
Und dann geschieht es wundergleich: Auch Abelone, die Enttäuschte, nimmt das dicke Buch zur Hand und spricht leise die neuen Wörter. Und so finden sie wieder zusammen durch eine neue Sprache.

Im VI. Kapitel kommt der Bruder aus Amerika zu Besuch und staunt, wie der Bruder jetzt ist. Wie viel er redet, wo er doch immer so wenig sprach früher. Endre und Abelone sprechen ihr Englisch, bis der Tod Endre holt. Der ewige Kreislauf … das „Stirb und Werde“.

Ruth Lillegravens Sichel ist ein stilles, langsames Buch. Es erreicht seinen Höhepunkt, als Endre durch die Worte, durch Bücher, durchs Lesen neue Lebenskraft erlangt. Und doch sind mir von Anfang an auch die Zeilen ans Herz gewachsen, die mich durch die Natur des ländlichen Norwegens um 1900 führen. Hier ist eine Tiefe zu spüren, auch eine Schwere, eine Art magischer Melancholie. Jedes Wort findet seinen stimmigen Platz, jeder Vers passt, um einen beschwörenden Rhythmus hervorzurufen. Gedichte mit sehr kurzen Zeilen und mit vielen Brüchen wechseln sich ab mit dichten, beinah blockartigen erzählenden Textteilen, die allerdings immer in ihrer Anordnung einen Schwung enthalten.
Wunderschön dann die für mich sehr überraschend kommende Wende in Endres Leben, hervorgerufen durch das Studium der Bücher. Lesen als heilsame Kraft. Sprache als Licht. Das ist die wunderbare, diesem Gedichtzyklus zugrunde liegende Erkenntnis.

Und so freue ich mich sehr, dass dieser Zauberband einen Platz auf der diesjährigen Hotlist gefunden hat. Die Gedichte wurden trefflich übersetzt von Klaus Anders, der selbst Dichter ist.

Marina Büttner

 

  • Ruth Lillegraven: Sichel. Langgedicht. Aus dem Norwegischen von Klaus Anders. Berlin: Edition Rugerup 2019. 144 Seiten. 19,90 Euro.

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