Hotlist 19 (Vorauswahl): Frank Rudkoffsky: Fake (Verlag Voland & Quist)

Fake heißt das neue Buch von Frank Rudkoffsky, erschienen bei Voland & Quist. Alle, die wissen wollen, wie Fake-Profile, Troll-Angriffe, Social Media und das Internet überhaupt eine Beziehung auf die Probe stellen und fast zerstören, werden in diesem komisch-traurigen Roman auf ihre Kosten kommen.

Es läuft nicht rund für Jan und Sophia. Das junge Paar träumt von Karriere, Weltreisen, Abenteuern, gewürzt mit guter Musik und reichlich Sex. Beim Sex kam allerdings Max heraus, ein Schreibaby, das die Pläne der beiden bis auf Weiteres vereitelt. Statt Singapur heißt es nun Stuttgart. Sophia, Controllerin bei Daimler, ist im Mutterschutz, Jan versucht, als Journalist Fuß zu fassen. Doch der kleine Max ist nun mal ein Haustyrann, der sich an keine Regeln hält. Frust macht sich breit in der Beziehung: Bei Sophia will sich das selige Lächeln, das sie bei den Helikopter-Müttern auf dem Spielplatz sieht, nicht einstellen. Sie leidet unter ihren zerbissenen Brustwarzen (Max beißt beim Saugen kräftig zu) und Dehnungsstreifen. Jan arbeitet an einer großen Reportage und ist nie zur Stelle, wenn Sophia Entlastung bräuchte. Und wenn er kommen will,  dreht sie sich im Bett todmüde auf die andere Seite.

Die Lösung: Frustentladung dank Internet. Internetaffin sind sie ja beide, und das entsprechende Tech-Vokabular zaubert Autor Frank Rudkoffsky (geboren 1980 im niedersächsischen Nordenham) mühelos aus dem Hut. Wie leicht ist es doch, als Troll Foren aufzumischen: bei den Veganern, bei Mütterforen, bei Tierfreunden – Fake-Profil erstellen genügt, genüsslich Provokationen in die Runde streuen und abwarten. Bis sich Empörung und Aggression breitmachen, dauert es nicht lange. Wird Sophies Account wegen Netiquette-Missachtung gelöscht, legt sie eben einen neuen an und  genießt dabei die destruktiven Machtspielchen im Internet, die erfundenen Postings, die ihre Follower zu Tränen rühren, zum Beispiel die der armen kranken „Rita“:

Scheißegal, wie zynisch das Ganze war, ehrlicher als auf Ritas Profil schrieb ich nirgends. Ihre Stimmung auf Facebook an diesem Abend: betrübt. Ihr neuestes Profilbild war eine verblühte gelbe Nelke, und ihr erster Post seit Tagen lautete: Was bin ich nur für ein schlechter Mensch! Manchmal glaube ich, dass ich das alles verdient habe …

Nach drei Minuten die ersten besorgten Kommentare, von Ritas mehr als sechshundert „Freunden“  war immer jemand wach. (…) Rita war besser als jeder Beichtstuhl, einer todkranken Frau und Katzenmutter verweigerte niemand die Absolution.

Jan versucht derweil, als vermeintlicher Pegida-Sympathisant in Dresdner rechte Kreise vorzudringen. Undercover will er so für die erste große Pegida-Reportage recherchieren, das soll den Durchbruch bringen, Geld und Ruhm. Es lässt sich gut an, doch als Jan bei einer Montagsdemo tatsächlich inmitten wütender Demonstranten glaubhaft „Lügenpresse“ skandieren soll, nimmt die Katastrophe ihren Lauf, und Jan gerät bald selbst in die Schusslinie aggressiver Trolle, die den karrieregeilen Schreiber bedrohen.

Es ist nicht klar, wie viel vom Autor in der Hauptfigur steckt, Frank Rudkoffsky ist jedenfalls selbst Journalist (bei einem Stuttgarter Stadtmagazin) und Blogger. Routiniert und süffisant schreibt er seine so komische wie traurige Geschichte auf. Eine Geschichte schwankender Online-Identitäten, die ihre Erfinder und ihre Liebe zueinander ins Wanken bringen. Ist denn bald alles Fake? Außer dem ständig schreienden Baby natürlich!
Als Leser muss man eine Menge übrig haben für die Dauererregung und die verbrannte Erde, die Facebook & Co. bei ihren Usern zurücklassen. Auch bei Jan und Sophia , die ohne Social Media gleichsam amputiert wären. Fake spielt mit dem Sound der Beliebigkeit, der daraus resultiert, dass das Internet allzeit zur Verfügung steht, jede Bösartigkeit, jede Lüge wie jedes Katzenbild gleichmütig einsaugt – und doch nichts vergisst.
So ist die Abwesenheit von WLAN für Sophia – aus ihrer Perspektive ist Fake hauptsächlich erzählt – fast so schlimm wie die von Jan. Dass am Schluss das echte Leben und das Offline-Glück doch noch die Oberhand gewinnen, grenzt in diesem Buch an ein Wunder.

Alexander Musik

  • Frank Rudkoffsky: Fake. Roman. Dresden: Verlag Voland & Quist 2019. 240 Seiten, gebunden. 20 Euro, E-Book 11,99 Euro

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