Hotlist 19: Fernanda Melchor: Saison der Wirbelstürme (Wagenbach)

Die mexikanische Autorin Fernanda Melchor schreibt mit Saison der Wirbelstürme, erschienen im Verlag Klaus Wagenbach, die Geschichte eines Mordes in einer Welt, in der Gewalt und Liebe untrennbar miteinander verbunden erscheinen – intensiv, archaisch und brutal.

Eine Frau – Außenseiterin, Verrückte, Hexe? – wird ermordet und in einen Bewässerungskanal geworfen. Viele haben sie zu Lebzeiten für Heilmittel, Drogen und andere Dinge, über die nicht gesprochen wird, aufgesucht; sie konnte vieles besorgen, und es ist die Rede von Orgien in ihrem Haus. Die Mörder sind schnell gefasst, doch aufgrund der besonderen Rolle, die die Hexe in der Gemeinschaft innehatte, scheinen weit mehr Menschen in die Geschehnisse verstrickt zu sein – im wahrsten Sinne des Wortes, denn die Personen wirken determiniert, als ob ihre Geschichte und die Hoffnungslosigkeit und Gewalt, in der die meisten leben, von Geburt an vorgezeichnet wären.
Die Autorin beschreibt eine Welt des Patriarchats, in der jeder im Grunde einsam ist. Die Menschen sprechen nicht über ihre Gefühle und können sie sich vielfach nicht einmal selbst eingestehen; leichter ist es, sich über Gewalttaten auszudrücken. „Jeder dieser Protagonisten ist auf der Suche nach Liebe“, sagt Melchor im Interview mit dem Sender DW, „aber da ihnen nie welche entgegengebracht wurde, wissen sie nicht, was Liebe ist. Sie verwechseln sie mit Gier, Dankbarkeit oder Verlangen.“ Vor allem die gleichgeschlechtliche Liebe unter Männern mündet unaufhaltsam in Brutalität. Alkohol und Drogen sind beliebte Mittel, um sich kurzzeitig aus dem Alltag auszuklinken, ein dauerhafter Ausweg ist möglicherweise nur der Tod. In einer Welt, in der die meisten schwer über die Runden kommen, sind außerdem Geld und der Wert von Dingen, Menschen, Dienstleistungen ständig in den Gedanken präsent.
Die Sprache ist atemlos, bildhaft und erinnert an den inneren Monolog; Fernanda Melchor taucht bei jedem Charakter sofort tief in seine oder ihre Geschichte ein und wendet den Blick nicht ab, selbst wenn es für die Lesenden fast unerträglich wird. Die Geschichte wirkt zeitlos, obwohl sie in der Gegenwart spielt; vielleicht weil es Referenzen zu Märchen und Mythen gibt (nicht nur die Hexe in ihrem Hexenhaus) und Aberglaube und die Vorstellung von Zauberei eine wichtige Rolle im Alltag der Figuren spielen, so wie es in manchen Gegenden im realen Mexiko immer noch der Fall ist.

Der Roman wurde von Angelica Ammar ins Deutsche übersetzt; sie und die Autorin wurden dafür vom Berliner Haus der Kulturen der Welt mit dem Internationalen Literaturpreis 2019 ausgezeichnet. Die Übersetzung und das Gelesenwerden in anderen Sprachen wirken für Fernanda Melchor gemeinschaftsbildend: „Ein Buch in einer einzigen Sprache zu haben, ist, als kämpfte man allein. Jetzt, mit der deutschen Übersetzung neben denen in anderen Sprachen, kommt es mir vor, als hätte ich immer mehr Gesellschaft.“

Miriam Mairgünther
(Originalbeitrag erschienen in Buchkultur 184)

  • Fernanda Melchor: Saison der Wirbelstürme. Roman. Aus dem mexikanischen Spanisch von Angelica Ammar. Berlin: Verlag Klaus Wagenbach,

    Quartbuch 2019. 240 Seiten. 22 Euro, E-Book 18,99 Euro.

    Saison der Wirbelstürme

    Aus dem mexikanischen Spanisch von Angelica Ammar

    Quartbuch. 2019
    240 Seiten. Klappenbroschur
    Buch 22,– € / E-Book 18,99 €

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