Fünf Jahre Guggolz Verlag

Zeitgeist war gestern. Der 2014 von Sebastian Guggolz in Berlin gegründete Guggolz Verlag feiert in diesem Jahr sein fünfjähriges Bestehen. 2016 gab es die Übersetzerbarke sowie den Melusine-Huss-Preis der Hotlist für Szenen aus Schottland von James Leslie Mitchell, 2017 den Förderpreis der Kurt Wolff Stiftung, 2018 war der Verlag für den Berliner Verlagspreis nominiert, und nun steht mit Apoll Besobrasow von Boris Poplawski wieder eines der bisher erschienenen vierundzwanzig Bücher auf der Hotlist.

Das sind schöne Erfolge für einen Verlag mit einem offenen und doch speziellen Programm: Guggolz verlegt nur „tote Autoren“, geografisch bewegen sich die Werke von Schottland über Skandinavien und Osteuropa bis nach Mazedonien. Die Bücher stammen aus Regionen, die lange Zeit weiße Flecken auf der Karte der Wahrnehmung waren, kaum eines ist in einer Metropole angesiedelt. Im Verlag interessiert man sich weder für literarische Moden noch für den Zeitgeist. Die Bücher bedienen keineswegs nostalgische LeserInnen, sondern vielmehr diejenigen, die Neues entdecken möchten: Länder, Lebensweisen, Mentalitäten, Geschichte(n).

 

Petra Lohrmann im Gespräch mit Verleger Sebastian Guggolz

Ist Ihr Credo, vergessene Autoren neu zu verlegen, eine ganz bewusste Entscheidung gegen die Schnelllebigkeit des heutigen Literaturbetriebes?

Damit möchte ich auf jeden Fall ein ganz bewusstes Gegengewicht setzen. Mich hat früher immer geschmerzt, dass Bücher, an denen man lange feilt und in die man in der Lektoratsarbeit tief hineinsteigt, manchmal vollkommen untergehen, einfach nicht wahrgenommen werden. Und nach einem halben Jahr werden sie aus den Buchläden geräumt und wieder vergessen. Klar, das kann ich mit meinem Programm auch nicht ändern. Aber ich habe keine Lust, Bücher als Debattenbeiträge zu veröffentlichen oder als Kommentar zur Gegenwart. Meine Bücher kann man auch in fünf Jahren noch für sich entdecken, und man wird dann nicht sagen: Ach, das ist aber schon fünf Jahre alt – weil die Bücher ja eh schon viel älter sind! Und der Programmfokus hängt auch ein bisschen mit meinen eigenen Lesevorlieben zusammen: Ich lese gerne Unbekanntes, Unerwartetes, ich lasse mich bei der Lektüre auf eine Entdeckungsreise ein. Und ich hoffe eben auf andere LeserInnen, die ein ähnliches Bedürfnis haben und deshalb zu meinen Büchern greifen, weil sie zum Beispiel noch nie einen modernen Klassiker aus Estland, Litauen oder Mazedonien gelesen haben.

Alle Bücher des Verlags kreisen um Bruchstellen im Leben, um außerordentliche Situationen, in die die Figuren unverschuldet geraten – die Protagonisten sind nicht die, die auf der Sonnenseite stehen. Im Gegenteil, es sind jene, die mit Exil, Revolution, den Auswirkungen von Krieg, Verfolgung, Wirtschaftskrisen oder dem Verlust eines geliebten Menschen konfrontiert sind. Kenntnisreiche Nachworte und fundierte Kommentare erleichtern das Verständnis der Texte, doch um leichte Literatur handelt es sich nicht.

Warum, glauben Sie, lieben Ihre LeserInnen gerade jene Texte? Ist es die literarische Qualität?

Ich denke schon. Es sind einfach aufrichtige Bücher. Sooo traurig und deprimierend sind auch meine Bücher gar nicht, es gibt sehr humorvolle, leichtere Bücher darunter. Aber die Konstellationen und Lebenswelten spiegeln eben das 20. Jahrhundert, das eines des Schreckens, der existenziellen Erfahrung, des Verlusts ist. Ich denke aber, wenn das literarisch außergewöhnlich verarbeitet ist, ist es trotzdem eine Freude, es zu lesen. Es bewegt einen zwar, wühlt einen auf, aber das ist ja nicht das Schlechteste, was man einem Buch nachsagen kann.

Wie und wo finden Sie eigentlich die Schätze?

Die meisten, vor allem zu Beginn meiner Verlagsarbeit, sind eigene Lektürefunde. Ich habe die Bücher antiquarisch gelesen, war begeistert und suche dann nach passenden ÜbersetzerInnen für die Neuübersetzung. Doch mittlerweile ist es auch schon in der Suche ein immer intensiveres Zusammenspiel mit den ÜbersetzerInnen. Die machen Vorschläge, oder ich suche gemeinsam mit ihnen nach passenden, interessanten AutorInnen und Büchern. Und auch wenn das etwas abgedroschen klingen mag, ist es doch wahr: Jedes Buch hat seine eigene Geschichte, nimmt seinen eigenen Weg. Rückblickend stelle ich fest, dass ich immer ziemlich schnell merke, wenn ein Buch oder eine AutorIn etwas für mich ist. Da ist sofort eine Faszination, etwas Elektrisierendes, das mir kaum eine Wahl lässt. Im sprachlichen Ausdruck, in der Art, wie erzählt wird: Das nimmt mich meist schon auf den ersten Seiten für Buch und AutorIn ein.

Sie lassen alle Texte von namhaften Übersetzerinnen wie Esther Kinsky, Gabriele Haefs oder Olga Radetzkaja neu übersetzen. Sie schätzen deren Arbeit sehr, drucken ihre Namen auf die Cover und bezahlen angemessene Honorare. Die Übersetzerinnen danken es Ihnen.

Erzählen Sie doch bitte kurz die schöne Geschichte, wie Apoll Besobrasow zu Ihnen kam.

Ich habe Olga Radetzkaja auf einem Empfang kennengelernt. Wir sprachen kurz, stellten uns vor, ich erzählte von meinem Verlag, den ich gerade angefangen hatte. Olga Radetzkaja sagte, ihr falle da was ein, das könne mich interessieren. Und am nächsten Tag schickte sie mir nur das erste Kapitel von Apoll Besobrasow, als Appetithappen, mit ein paar Erläuterungen zum Autor und dem Buch. Ich rief postwendend zurück, sagte, egal wie das weitergeht, ich finde schon das Eingangskapitel so grandios, so mitreißend, dass ich es auf jeden Fall machen möchte. Und es hat sich bewahrheitet: Auch der Rest des Romans ist fantastisch. Dann stellte sich raus, dass dieser Roman Olga Radetzkaja schon sehr lange begleitet, das war eines ihrer allerersten Projekte, in einer Übersetzungswerkstatt hat sie die ersten Kapitel übersetzt. Als Übersetzungsanfängerin hat sie das dann bei keinem Verlag unterbringen können und es zur Seite gelegt – seitdem schlummerte es in ihrer Schublade vor sich hin. Und hat einfach genau auf mich gewartet! Das finde ich sehr passend: Ich bin der Verlag für die heimlichen Lieblingsprojekte, die Schubladenprojekte der ÜbersetzerInnen!

Wir richten uns an diejenigen Leser, die bei ihrer Lektüre bereichert werden wollen“ ist auf der Website des Verlags zu lesen. Dies gelingt mit jedem einzelnen Buch, ob es sich um einen ungarischen Arbeiter, der für sein Recht auf Menschlichkeit kämpft, handelt, um eine junge Frau, die einen Bauernhof übernimmt und entgegen ihren ursprünglichen Plänen, Lehrerin zu werden, bewirtschaftet, oder um einen vermeintlichen Mörder, der seine Wut in einen grenzenlosen Freiheitsdrang steckt. Um nur drei Beispiele aus der großen Vielfalt zu nennen.

Das jüngste Projekt ist ein großes für einen kleinen Verlag: Die Tagebücher Michail Prischwins, die bis 2025 in vier Bänden erscheinen werden, herausgegeben, kommentiert und aus dem Russischen übersetzt von Eveline Passet. Band 1 umfasst die Jahre 1917–1920 – sie zeigen die Russische Revolution und den Bürgerkrieg in einer an Victor Klemperer erinnernden detaillierten Art.

Das Vorhaben ist auf sechs Jahre angelegt – was an diesen Tagebüchern hat Sie so überzeugt, dass Sie sich auf ein solches Wagnis einlassen?

Von Michail Prischwin habe ich ja bereits 2015 den kurzen Roman Der irdische Kelch veröffentlicht, in der Übersetzung von Eveline Passet. Als ich damals mit ihr Kontakt aufnahm und sie für die Übersetzung anfragte, sagte Eveline Passet schon, dass das eigentliche Herzstück von Prischwins Werk die Tagebücher seien. Achtzehn Bände im Original.

Das ließ mich nicht mehr los, und je mehr ich darüber erfuhr, umso faszinierter war ich. Prischwin hat von 1905 bis 1954 minutiös und im Geheimen Tagebuch geschrieben, über die Revolutionen, die beginnende Sowjetunion, den Zweiten Weltkrieg bis zu Stalins Tod. Das ist in seinem Ausmaß wirklich nur noch mit Klemperers LTI zu vergleichen. In seinen Tagebüchern konnte Prischwin all das niederschreiben, was er nicht veröffentlichen konnte. Er schreibt auch im Tagebuch, dass er sich damit an spätere LeserInnen richtet, dass er etwas überliefern will. Er hat also für die Nachwelt geschrieben. In Russland wurden die Tagebücher ab den 90er-Jahren veröffentlicht, letztes Jahr erschien der achtzehnte und letzte Band. Nun kommen sie auch hier, in einer vierbändigen Auswahl. Sie werden sehen, so was haben Sie noch nie gelesen, so genaue Beobachtungen, kluge Reflexionen, scharfe, fast grelle Bilder aus dem Inneren Russlands – ich freue mich sehr, wenn es im November mit den Bürgerkriegsjahren endlich losgeht!

Da Sie nicht nur großen Wert auf exzellente Übersetzungen, sondern auch auf eine hochwertige Ausstattung der Bücher legen, dürften auch in Zukunft keine E-Books von Ihnen zu erwarten sein?

Oh doch, E-Books gibt es sogar inzwischen! Aber ich bewerbe sie bewusst nicht. Weil für mich die natürliche Existenzform eines literarischen Werks das gebundene Buch ist. Doch ich will niemanden ausschließen, niemandem Steine in den Weg legen, wenn er meine Bücher lesen will. Und es gibt bestimmte Situationen – Urlaub, oder wenn die Augen schlechter werden und mein Satzbild einfach zu klein ist –, in denen ich verstehen kann, dass man zum E-Book greifen will. Trotzdem versuche ich natürlich, die gebundenen Bücher so schön zu machen, dass man gar nicht erst auf die Idee kommt, das Buch in anderer Form kaufen oder besitzen zu wollen …

Zwei Fragen zum Schluss: Was lesen Sie gerade? Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Gerade stecke ich mitten in den Prischwin-Tagebüchern, die lektoriert und korrigiert werden müssen. Privat lese ich derzeit besonders viel Fernando Pessoa, manches zum ersten Mal, manches wieder. Pessoa war immer einer meiner liebsten Autoren, das Buch der Unruhe begleitet mich schon viele Jahre. Nun lese ich mich Buch für Buch durch seine Werkausgabe. Gerade habe ich Boca do Inferno gelesen, eine Materialsammlung zu dieser seltsamen, so lustigen Episode zwischen Pessoa und Aleister Crowley in Lissabon, wo sie gemeinsam das mysteriöse Verschwinden Crowleys inszenieren. Pessoa ist ein Kontinent, da kann man immer weiter lesen, kommt an kein Ende.
Und für die Zukunft wünsche ich mir eine Beruhigung der Branche. Das VG-Wort-Urteil vor einiger Zeit, die KNV-Pleite Anfang des Jahres: Kein halbes Jahr vergeht ohne einen Schlag für die Branche, und wir kleinen Verlage sind immer die, die am existenziellsten davon betroffen sind, weil uns schon ein paar Tausend Euro Verlust empfindlich treffen. Ich wünsche mir, dass mit dem Deutschen Verlagspreis in diesem Herbst ein wenig mehr ökonomische Ruhe einkehrt. Und uns allen wünsche ich, dass wir neugierig bei der Lektüre bleiben.

Vielen Dank für das Gespräch, Glückwünsche zum Jubiläum und weiterhin so viel Erfolg!

Petra Lohrmann

 

 

 

 

2 thoughts

  1. Auch so eine Eigentümlichkeit unserer Zeit. Eingangs der Vorstellung von Apoll Besobrasow erwähnt der Verleger drei Übersetzerinnen, ihren Vornamen nach eindeutig weiblich, und dann steht da ÜbersetzerInnen. Warum bloß? Da ist ja der m.E. komplett unrealistische Vorschlag noch besser zu verstehen, auf jegliche Geschlechtsbezeichnung von vorneherein zu verzichten.
    Die Idee des Verlegers ist zum einen sehr schön. Ist es mir doch auch jedesmal, wenn ich in eine echte Hochschulstadt, wo’s sowas halt gibt, ein Anliegen, mich in die Antiquariate zu wühlen und es ist eine Arbeit für meine Familie, mich überhaupt und dann noch nicht schwer beladen da wieder rauszulotsen. Und auch das Lesen der Alten, es müssen gar nicht gleich Unbekannte sein, rate ich jederzeit an.
    Schade natürlich, dass es wieder ein Verlag ist, der sich nicht gerade der Auseinandersetzung mit dem unbekannten Aktuellen stellt. Wieder deshalb, da dies die großen der Branche ja eh nicht tun und sich die Kleinen meist schon auf ein ganz spezielles Metier und zahlungswilliges Publikum eingeschossen haben, sei es allgemein Schmutz & Schund, sei es Esoterik oder Naziverherrlichung mit Verschwörungstheorien. Oder was es an Nischen sonst so gibt. Was fehlt sind sicher mutige Verleger – vielleicht sind die ja schon alle bankrott? – die sich dem unbekannten Neuen stellen.
    Soll aber den Schatzsuchercharme und Paläontologenruhm dieses Ansatzes nicht schmälern. Es ist verdienstvoll, die alten Geschichten auszugraben. Erst jüngst wurde ich auf eine österreichische Autorin, Brigitte Weninger, aufmerksam gemacht, die eben alte Geschichten, in dem Fall Sagen, aus Wien und Tirol sammelte. Es wäre schade, zu vergessen, was den Menschen früher etwas bedeutete, etwas sagte und, um auf das Verlagsprogramm zurückzukommen, einfiel.

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