Wieder da! Verlag Faber & Faber aus Leipzig

Eine kleine Pause schadet nie. Danach lässt es sich, erfrischt, umso kräftiger wieder mitmischen. So geschehen in Leipzig, beim 1990 gegründeten Verlag Faber & Faber, einer erfolgreichen Vater-Sohn-Geschichte. Und die Pause ist jetzt zu Ende, nach fünf Jahren. Das neue Programm schließe, sagt Neo-Verleger Michael Faber, in vielen Belangen an die Vergangenheit an: Belletristik, Kulturgeschichte und Kunst, vor allem aber hochwertig illustrierte Literatur. Im stattlichen Herbstprogramm werden siebzehn Bücher (?) gezählt, darunter Kuriosa wie ein Paar Schuhbücher bzw. Bücherschuhe für die Dame und den Herrn. Im Sommer wurde bereits der Briefwechsel veröffentlicht zwischen dem verstorbenen Alt-Verleger Elmar Faber und Christoph Hein Ich habe einen Anschlag auf Sie vor./sw

Im Folgenden stellt Petra Lohrmann einen Erzählband und ein Romandebüt vor.

 

Dorothea Dieckmann: Kirschenzeit

Dorothea Dieckmann erzählt in eine feine Mutter-, Tochter- und Kunstgeschichte. Geprägt von großer Sprachachtsamkeit spürt sie einem sehr komplexen Verhältnis nach. An zwei Tagen spielt die Geschichte, an einem berühmten Ort: in Colmar, dort, wo der Isenheimer Altar die Touristenmassen anzieht.
Die Mutter, sie wird als „die Reisende“ bezeichnet, fährt mit dem Auto nach Colmar. Sie genießt das Alleinsein, erinnert sich an eine lange zurückliegende Reise. Damals saß ihr Partner auf dem Fahrersitz. Auf dem Rücksitz saß nicht etwa die Tochter, sondern die Angst. Nun fährt sie ohne diese Angst, im „dunkelroten Monat“ August. Vor Augen schwebt ihr das Bild „Der Sommertag“ von Arnold Böcklin, es ziert auch den Umschlag des Buches. Es ist für sie die Zeit der „späten Kirschen“, der „klaren Tage“, der „vollen Sättigung“. Sie fährt den Schreckensbildern des Isenheimer Altars von Grunewald entgegen – die Begegnung mit diesem wird viel Raum einnehmen in der Erzählung.
Doch zuvor findet das Treffen mit der Tochter statt, die aus der entgegengesetzten Richtung anreist. Sie sitzen gemeinsam im Café, tasten sich langsam und vorsichtig aneinander heran.
Es blenden sich Bilder aus der Vergangenheit über die der Gegenwart, immer wieder, während des ganzen Zusammenseins. „Meine Geschichte will nur die Zwei erforschen: die Beiden, das Wiedersehen, die Wiederreise. Den zweiten Blick, der ein anderer ist, ein erster anderer.“ So die Erzählerin, die sich durchgängig als ein Ich in die Geschichte einschreibt. Sie schwebt nicht als allwissende Erzählerin über dem Geschehen, sie gibt sogar Einblicke in ihre „Werkstatt“, mit Hinweisen zum Beispiel, wen sie später noch einmal auftreten lassen möchte. Diese Ich-Erzählerin, die die Fäden in der Hand hält, gibt der Geschichte eine weitere Dimension. Sie betrachtet sie gleichzeitig von innen und von außen.

Teil eins beschreibt die Annäherung der Mutter an die Stadt, die Anreise, Teil zwei die Annäherung an die Tochter. Der dritte Teil ist eine Rückblende zu einer Reise vor gut zehn Jahren auf eine Kanareninsel. Im vierten und fünften Teil treten Mutter und Tochter vor den Altar. Der sechste und letzte Teil erzählt den Morgen danach.
Die Empfindungen und Gedanken, die der Anblick des berühmten Kunstwerks auslöst, sind eine Geschichte innerhalb der Geschichte. Die Erzählerin verschränkt genaue Beschreibungen des Bildes mit dem, was es bei der Betrachterin auslöst – die Lesende kommt nicht umhin, sich selbst in die Altarbilder zu vertiefen, um den Gedanken folgen zu können, auch über den Altar hinaus.

Vor dem Chor der Klosterkirche jagten zwei Kinder einander auf dem Pflaster im Kreis herum, und beim Aufmerken auf ihre feinen Schreie machte die Reisende eine Entdeckung: In den hohen Strebepfeilern des den Quertrakt überragenden Kirchenschiffs kehrten die Pappelstämme wieder, giorno d´estate (Böcklins „Ein Sommertag“), ihre himmelstützenden Vertikalen über den Kinderkörpern am Fluss.

Das ist grandios erzählt!

Nach dem Besuch des Altars kehren die beiden Frauen in die „normale“ Welt zurück und gehen wieder in ein Café.

Sie warteten, rauchten, redeten. Was? Ach, was! Leben halt, was sonst, das, was einmal Freud und Leid hieß, in allen möglichen Verbindungen darüber redeten sie und phantasierten und analysierten. Die Mutter fragte, die Tochter erzählte und erklärte, die Mutter fädelte sich ein, die Fäden liefen gemeinsam weiter, bildeten Schlaufen, Kurven, Kreuzungen. Je schneller und einfacher sich ein Muster aus dem anderen ergab, je näher sie dabei zusammenarbeiteten und je weniger die Arbeit Arbeit war, desto mehr wurde die Mutter wieder zur Reisenden.

Zu der, die im zweiten Blick den ersten sucht?

ein zweiter, der den ersten erneuert, indem er ihn nein, nicht freilegt (wie ginge auch das?), sondern verwandelt. Ein zweiter Blick für all die ersten Blicke.

Der Tochter ihre Freiheit zu lassen, sich als Mutter zurückzunehmen, dieses Anliegen zieht sich durch die gesamte Erzählung. Es könnte ein Nachhall des 1993 erschienenen Buches Unter Müttern Eine Schmähschrift sein, in dem die Autorin gegen den Kontrollwahn und die Vereinnahmung des Kindes durch die Mutter anschreibt. Dieses Ansinnen breitet sie in der Erzählung Kirschenzeit freilich wesentlich feinsinniger, vielschichtiger und poetischer aus.

Die vielseitige Autorin Dorothea Dieckmann, geb. 1957, hat mit dieser Erzählung einen Text geschaffen, in dem jeder Satz, jeder Absatz seinen Rhythmus hat, in dem jedes Wort zählt. So, wie jeder Pinselstrich auf einem Gemälde wichtig ist, wie jedes dargestellte Detail für sich genommen eine Bedeutung hat, die sich in der Zusammenschau mit anderen Details vervielfacht, schafft sie ein eindringliches Wort-Bild, das Vergangenheit und Zukunft, Kunst und Leben vereint.

  • Dorothea Dieckmann: Kirschenzeit. Leipzig: Faber & Faber 2019. 112 Seiten, gebunden. 20 Euro.

 

Désirée Opela: In Limbo

Limbo ist nach Dante Alighieri die Vorhölle, in der die unschuldig schuldig Gewordenen warten. Désirée Opela hat in ihrem Debüt In Limbo die Situation des Dazwischen, die Zeit zwischen Kindheit und Erwachsensein, die Zeit des Suchens und Schwebens, ins Jetzt verlegt – in einen Roman, der durchweg erstaunt.

Opela, geb. 1988, studierte Literatur in München und Leipzig. Heute lebt sie wieder in München, wo auch ihr Buch spielt. Die Protagonisten sind die drei Kunststudenten Lukas, Zoe und Krabbe. Lukas absolviert ein Praktikum in einem Architekturbüro, seine Freundin Zoe hat ihren Schwerpunkt auf die Fotografie gelegt, Krabbe ist offen für alles. Und dann ist da noch Marie: Lukas‘ Schwester, die noch bei den Eltern wohnt, bei Rewe jobbt und keine Idee hat, was sie aus ihrem Leben machen möchte.

Neun Kapitel hat der Roman, außerdem ist er innerhalb der einzelnen Kapitel in Abschnitte unterteilt, die Überschriften tragen. Jeweils in Klammern und mit Silbentrennung lauten sie ae-ro-dy-na-misch, i-so-to-nisch, kos-misch, os-mo-tisch, her-me-tisch und einige mehr – weit gefächert und rätselhaft.
Das vorletzte Kapitel verzichtet auf diese Einteilungen oder Ansagen oder Richtungsweiser, es ist jenes, das Lukas‘ Patientengeschichte in Bruchstücken, Notizen, Gedanken und einzelnen Wörtern erzählt.

All die Fragen und Gespräche rund um die Kunst und das Leben waren zu viel geworden. Vollends aus der Bahn geworfen hat Lukas jedoch das plötzliche Verschwinden Zoes. Alkohol und Drogen tun ihr übriges. Er verbringt eine Zeit in der Psychiatrie, dieser Teil des Romans ist überschrieben mit „Korrektur“. Zeichnungen ergänzen den Text, eine weitere Dimension neben den verschiedenen Formen des Erzählens, die vor allem dieses Kapitel prägen.
„I’ve lost my way – the most beautiful woman in the world – come back“, diese Zeilen stammen aus dem Lied „In Limbo“ von Radiohead. Es unterlegt den Roman mit einer Atmosphäre der Haltlosigkeit oder vielleicht besser der Wartehaltung, jenes Zustandes, den Dante Alighieri beschreibt.

Der Roman besteht aus vielen Diskussionen über Kunst und den Kunstbetrieb, aus vielen Bar- und Clubbesuchen, Besuchen zu Hause bei den Eltern, den Dialogen von Lukas und Marie, denen man anmerkt, dass die beiden ein lebenslanges Team sind, den Gesprächen von Lukas und Zoe, die wesentlich tastender sind, und aus dem Austausch von Lukas und Krabbe.
Eines ihrer Grundthemen ist der Raum: in der Kunst, der Architektur, der Musik, in Beziehungen, in der Wahrnehmung.

Wir müssen die Räume anders erfinden … Diese ständige Ablenkung von sich selbst, das ist doch krank … Alles eine einzige Marktinszenierungsbühne … Und da, verstehst du, da kommt der neue Raum ins Spiel. Der Mensch braucht Existenzerfahrungen, er muss sich wieder zurechtfinden lernen. … Die Devise lautet: Maximaler Widerstand, gegen die Gewohnheit. … Das hier, ist Politik.

Mit „das hier“ meint Lukas seinen Entwurf eines Raumes „gegen den Konsum“, der weder Theorie noch Spielerei ist. In diesem Sinne gelesen, ist Désirée Opelas Roman ein Plädoyer für die Ästhetik, eingebettet in die Suche junger Menschen nach einem Sinn und Ziel, und auch nach der Liebe, angesiedelt in einer Großstadt, die der große Wartesaal ist, in den die Protagonisten geschleudert wurden.

Désirée Opela erzählt variantenreich, ihre Figuren haben eine je eigene Tonlage. Sie wechselt gekonnt zwischen Dialogen und Passagen, in denen ein Erzähler berichtet, was geschieht. Mit großem Können beschreibt sie die Auflösung der bürgerlichen Ordnung – das Wort aber, das den allerletzten Abschnitt des Romans einleitet, lautet: (Ge-ne-se). Entwicklung, Entstehung. Die letzten Worte: … und während sie so auf die Erlöserkirche zulaufen, fängt alles an. Ein schönes Ende, eines, das Räume eröffnet.

  • Désirée Opela: In Limbo. Leipzig: Faber & Faber 2019. 120 Seiten mit 6 Abbildungen, gebunden. 20 Euro.

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