Jan Němec: Die Geschichte des Lichts (Osburg Verlag)

Jan Němec hat mit Die Geschichte des Lichts, erschienen im Hamburger Osburg Verlag, einen Roman über einen Künstler und dessen eindrucksvolles Werk geschrieben. Gleichzeitig bearbeitet er Themen aus der bildenden Kunst, Mystik und Philosophie, die schwer zu beschreiben sind und die die Menschen seit Jahrtausenden immer wieder beschäftigen.

Frantisek Drtikol ist ein tschechischer Fotograf, der von 1883 bis 1961 gelebt hat und mit seinem Schaffen vor allem der Phase des Jugendstils zuzurechnen ist. In der späteren Lebensphase gab er die Fotografie auf und beschäftige sich intensiv mit Buddhismus und Meditation. Jan Němec macht ihn, dessen Werk zwischenzeitlich fast vergessen war, zur Hauptfigur in seinem ersten Roman. Auf eine sehr ausgereifte, ruhige und gleichzeitig poetische Weise stellt er dar, wie Drtikols Leben sich beständig um die Suche nach dem Licht dreht. In seiner Arbeit als Fotograf gelingt es ihm gelegentlich, es einzufangen und damit zu arbeiten, doch er sucht auf einer anderen Ebene weiter, bis er sich schließlich von der äußeren Welt abwendet und immer weiter nach innen schaut. Hier befindet er sich in den 20er-Jahren in guter Gesellschaft, als die Beschäftigung mit Mystik und östlicher Philosophie unter Intellektuellen weit verbreitet ist, doch geht seine Reise tiefer und weiter als die der meisten anderen.
Němec beschreibt in stellenweise märchenhaften Bildern, wie fasziniert Drtikol schon als Kind von den beiden Aspekten Licht und Dunkelheit ist. Er stammt aus einer Bergwerksstadt, in der die Nähe zum Stollen und zur Dunkelheit für die Bevölkerung zum Leben gehört und in der sich darum ein ganz eigener Volksglauben gebildet hat. Manche dieser Bilder tauchen im Roman immer wieder auf, auch wenn der Protagonist älter geworden ist und in einer ganz anderen Umgebung weilt.
Das Bergwerk birgt zwar Gefahr – ein Kapitel erzählt von einem Unglück im Stollen, das zahlreiche Menschenleben fordert –, ist aber trotzdem kein negatives Symbol. Die Dunkelheit steht für die Innenschau, für die Reise zu sich selbst, und es ist möglich, gerade dort Licht zu finden. Als junger Erwachsener wird Drtikol dort unten fotografieren, und als Kind ist er begeistert von den sogenannten Stufenwerken, Nachbildungen des Bergwerks mit kleinen Tonfiguren ähnlich wie in einer Krippe, die die Bergmänner zu religiösen Feiertagen herstellen.
Gleichzeitig gehört der Protagonist der lebendigen Kunstszene Prags an, fotografiert in seinem Studio Aktmodelle, Prominente und Bürgerstöchter und durchlebt mehrere turbulente Liebensbeziehungen. Trotz des insgesamt eher ernsthaften Erzähltons ergeben sich in seinem Atelier auch durchaus humorvolle Szenen und Dialoge, zum Beispiel in seiner späteren Lebensphase, als er immer wieder von Menschen besucht wird, die sich teilweise selbst als Mystiker profilieren wollen, andererseits hoffen, von ihm einen Wegweiser zur schnellen Erleuchtung zu bekommen.

Ungewohnt ist an dem Roman die Erzählperspektive. Die Hauptfigur wird mit „du“ angesprochen beziehungsweise erscheint als das „du“ in der Geschichte. Nach der ersten Gewöhnungsphase wirkt dieser Stil allerdings sehr passend: Einerseits tritt der Autor quasi in Dialog mit seiner Hauptfigur, deren Leben im Roman zwangsläufig teilweise zur Dichtung wird, andererseits erscheint es möglich, dass Drtikol sich in einer Form der Innenschau selbst anspricht, sein Leben und Schaffen betrachtet und überdenkt. Gerade in einer späten Szene, als der Künstler in einem Moment eine Art Erleuchtung erlebt, wirkt diese Erzählweise besonders beeindruckend.
Auch die Übersetzung von Martin Mutschler soll hervorgehoben werden, die sicher wesentlich dazu beiträgt, dass Drtikol einerseits in seiner Zeit verortet wird, andererseits auch wie ein gegenwärtig Suchender erscheint. Insgesamt wirkt der Roman auf eine stille Art sehr lange nach und macht Lust, das Werk eines besonderen Künstlers neu zu entdecken.

Miriam Mairgünther

 

 

  • Jan Němec: Die Geschichte des Lichts. Aus dem Tschechischen von Martin Mutschler. Hamburg: Osburg Verlag 2019. 400 Seiten, gebunden. 22 Euro. Auch als E-Book.

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