Margery Sharp: Die vollkommene Lady (Eisele Verlag)

Eine Frau mit Vergangenheit, die versucht eine Lady zu sein: Das führt zu Verwicklungen und geht selten gut aus, in diesem Roman aus dem Jahr 1937 aber doch – und zwar vergnüg­lich und intelligent. Er ist erschienen im taufrischen (gegründet 2016) Verlag von Julia Eisele in München, dessen Publikationen angesiedelt sind „auf der Schwelle von »U« zu »E«: Emotional berührende Texte mit einer starken Geschichte und einer besonderen Erzählstimme.“

Der Roman Die vollkommene Lady von Margery Sharp beginnt in der Badewanne. Die Heldin nimmt ein ausführliches Bad, während vor der Tür zwei ungeduldige Gerichtsvollzieher stehen. Sie ist pleite. Nur mühsam kann sie sich aus ihrer misslichen Lage befreien und das Geld für eine Fahrkarte nach Frankreich zusammenkrat­zen. Dort wird sie von ihrer Tochter erwartet, die überaschenderweise geschrieben und um Hilfe gebeten hatte. Mutter und Tochter haben sich lange nicht mehr gesehen, denn Julia, jene um Vollkommenheit bemühte Lady, ließ das Kleinkind einst bei den Schwiegerel­tern und kehrte zurück in ihr ebenso halbseidenes wie aufregendes Londoner Leben. Sie taugte nicht zur Mutter, der Vater des Kindes war eine kurze Affäre und im Krieg gefallen. Jetzt ist sie siebenunddreißig Jahre alt, attraktiv und charmant, wenn auch das – hier unterstellte – weibliche Verfallsda­tum droht, von dem die ebenso hübsche wie belesene Tochter, die sich offensicht­lich in den fal­schen Mann verliebt hat, noch nichts weiß.

Die englische Autorin (1905–1991) hat sechsundzwanzig Romane, viele Erzählungen, Jugendbücher und Arti­kel geschrieben, sie war begabt und erfolgreich. Ihre Bücher wurden (u. a. 1946 von Ernst Lubitsch) verfilmt, heute ist sie vergessen, obwohl etwa die Disney Erfolgsproduktion Ber­nard und Bianca – Die Mäusepolizei auf einem ihrer Jugendbücher basiert.
Der Roman Die vollkommene Lady bot jedenfalls eine gute Vorlage für eine Screwball Comedy und wurde 1948 (leicht abgewandelt) verfilmt – mit Garson Greer und Elizabeth Taylor, die damals sechzehn war und hier ihren ersten Leinwandkuss bekam.
Im Zentrum der Geschichte stehen eine kluge unkonventionelle Frau, ein schönes junges Mäd­­chen, diverse mehr oder weniger attraktive Herren mit und ohne Geld. Und nicht zuletzt geht es um den Antagonismus zwischen Unterklasse und Oberklasse. Die um Vollkommenheit bemühte Lady ist schließlich eine erfahrene Frau, die die Verlogenheit der Reichen gut kennt. Ihre Liebhaber waren stets wohlhabend und aus den besten Kreisen.
Sie erkennt denn auch im Auserwählten der noch minderjährigen Tochter sofort einen Tunichtgut und will ihr den Missgriff er­sparen. Dass sie nebenbei auch noch einen reichen Witwer kennenlernt, der nicht nur ihren „freundlichen Körper“, sondern auch ihre Lebenslust zu schätzen weiß, führt zum ebenso unerwar­teten wie genrenotwendigen Happy End.

Dieser jetzt wiederentdeckte und neu übersetzte Roman bietet aber weit mehr als einen unterhalt­sam harmlosen Lesestoff, denn es geht hier um eine Frauengeneration zwi­schen den beiden Weltkriegen: Das Wahlrecht ist errungen, sie können in die Politik gehen („auf würdevolle, damen­hafte Art“), überhaupt einen Beruf ergreifen, Karriere machen. Genauso wird es am Ende die intelligente Tochter auch halten. Sie begreift, dass sie ihr Schicksal und ihren Erfolg ebenso wenig wie ihre Mutter an einen Mann hängen sollte. Dafür ist sie einfach zu begabt.
Heutige Leserinnen und Leser begreifen gut, dass die Liebe schön, aber nicht lebensfüllend sein muss. Und dass erotische Erfahrungen in jedem Fall von Vorteil sind, erklärt die Autorin auch ausgesprochen einleuchtend. Frauen sollten jedenfalls vor einer ernsten Bindung sehr viele Männer kennengelernt haben, „um sie zu verste­hen – um den vollen Wert ihrer gu­ten Eigenschaf­ten zu sehen, während man ihnen ihre schlechten verzieh“.
Diese Einsicht, amüsant variiert und dramaturgisch geschickt erzählt, garantiert eine höchst vergnügliche Lektüre.

Manuela Reichart
(adaptiert, Originalbeitrag auf rbb Kultur)

 

 

  • Margery Sharp: Die vollkommene Lady. Aus dem Englischen von Wibke Kuhn. München: Eisele Verlag 2019. 336 Seiten, gebunden. 20 Euro. Auch als E-Book.

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