Zsuzsanna Gahse: Schon bald (Edition Korrespondenzen)

Ein Auszug: Die Wohnung wird leer geräumt, die alten Sachen müssen verschwinden, neue Pläne gemacht werden. Ein poetischer Blick zurück nach vorn.
Zsuzsanna Gahse – häufig ausgezeichnete und offenbar vielfach umgezogene Autorin mit aktuel­lem Wohnsitz in der Schweiz – erzählt in Schon bald, erschienen im geschätzten Hausverlag Edition Korrespondenzen, von der Rückschau aufs alte Leben, von bedeutungsbeseelten Dingen, von leeren Räumen, die Platz für eine neue Bühne bieten.

Eine fantastisch-realistische Geschichte über Abschied und Erinnerung, Trennungen und Neubeginn: „Das alte Gebäude hat dreihundertfünfzig Jahre auf dem Buckel, und wir zie­hen aus.“ Hinter diesem „wir“ verbirgt sich ein älteres Paar: Sie schreibt, er ist Künst­ler oder wenigstens Lebenskünstler. Ob die beiden ausziehen müssen, weil ihnen ge­kün­digt wurde oder freiwillig die Drei-Zimmer-Wohnung verlassen, das „bleibt offen“. In je­dem Fall müssen sie nun ausräu­men und wegwerfen, es geht um „Entschlankung“ und „Ent­kramung“, um Geschichten und Träume, Pläne und Fantasien.

Die Erzählerin sitzt in den sich langsam leerenden Räumen, sie beobachtet ihren Mann, der notiert: „Erst räume ich den Schreibtisch auf, dann die Schubladen, dann die Hänge­regis­ter, und nachher sehe ich weiter.“ Um dieses „weitersehen“ geht es nicht zu­letzt. Wie sehen die Räume ohne Möbel aus, was muss, was will man behalten, woran hängt das Herz? Was braucht man noch von den Dingen, die im alten Nussbaumschrank liegen, etwa von den Hundeutensilien, die später wieder nützlich sein könnten, nur leider gibt es keinen Hund mehr. Was braucht man überhaupt noch von all den Gegenständen, mit denen man so lange gelebt hat? Die Bücher werden in Kisten ver­packt, das Ge­schirr neh­men Freunde mit, der Tisch geht an eine traurige Bekannte. Und die Briefe und Ta­ge­bücher und Notizen? „Die alten Notizen werfe ich weg und schreibe neue“, heißt es da.

Zsuzsanna Gahse entwirft auf wunderbare Weise Abschiedsbilder und Aufbruchsge­füh­le. Sie lässt ihr Paar „Rückzug, trübe Hochzeitstage, dann Ehekrach“ spielen, sie stellt sich vor, eine vierköpfige Familie zöge zu ihnen in die sich leerenden Räume, sie erinnert sich an alte Freunde, die eine ähnliche Wohnung vor vielen Jahren bewohnt hatten und die eine besondere Sammelwut auszeichnete.
Es gibt surreale Momente in diesem Band, der sich einer literarischen Gattungsbezeichnung entzieht, und wiederum sehr komische, wenn etwa eine Freundin fragt, ob Listen wirklich un­erotisch seien. Vor allem aber gibt es in der Dramaturgie des Bandes, der aus fünf Kapi­teln und einer Zeichnung besteht, eine eindeutige Zielgerade, denn am Ende wird die leere Wohnung zum Theater. Vorher schon gab es Ideen für die ausgeräumten Zim­mer: eine Tanzschule, eine Galerie wären möglich. Am Schluss wird aber alles bereitet für eine Theateraufführung. Freunde werden spielen, einmal nimmt die Erzählerin an einer Pro­be übers Telefon teil, es kommt ein junger Schauspieler vorbei, der selbstbezügli­chen Unsinn erzählt und abgelehnt wird, es gibt viel zu viel Text und viele gute Ideen. Und weil der literarische Ort dieser sprachmächtigen Autorin die flirrende Fantasie ist, en­det das Buch, wenn der Vorhang aufgeht, genauer gesagt, wenn er zur Seite gezogen wird.

Manuela Reichart
(adaptiert, Originalbeitrag auf Deutschlandfunk Kultur)

 

  • Zsuzsanna Gahse: Schon bald. Wien: Edition Korrespondenzen 2019. 148 Seiten, gebunden. 20 Euro

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