Max Mohr: Frau ohne Reue (Weidle Verlag)

Eine Frau sucht das Glück und die Freiheit und löst sich mutig aus allen konventionellen Bindungen. Der Roman Frau ohne Reue von Max Mohr aus dem Jahr 1933 (neu erschienen im Weidle Verlag) wird im anbrechenden Frühjahr eine Woche im Mittel­punkt der Stadtleseaktion „Würzburg liest ein Buch“ stehen, der Geburtsstadt des Autors. Lange war Mohr vergessen – die Initiative ist eine späte Rehabilitation. Eine Straße, die nach ihm benannt ist, sucht man in Würzburg jedoch nach wie vor vergeblich.

Von einem Augenblick auf den anderen gibt sie ihr Leben auf, verlässt Mann und Kind, die sichere Existenz einer behüteten Ehefrau. Es ist ein Zufall, der sie mit einem Unbe­kann­ten zusammenführt, keine Liebe auf den ersten Blick. Das ist nicht zuletzt das Be­sondere an dieser Romanintroduktion: Hier folgt nicht eine verliebte Frau dem Mann, der ihr Herz höher schlagen lässt, vielmehr kann die Protagonistin ihren Über­druss, die Saturiertheit ihres Bankier-Ehemannes nicht länger ertragen. Sie wird von ihm „liebes Kind“ genannt und der Besucher, ein anerkannter, aber arbeitsloser Wis­sen­schaft­ler, ist in seinen Augen ein „armer Teufel“. Mit ihm jedenfalls wird die junge Frau aufbrechen, an seiner Seite wird sie rund um die Welt reisen, später ihr Kind in einer abenteuerlichen Aktion entführen und schließlich auf einem einsamen Berghof leben. Sie wird von einer abhängigen zur selbstständigen Frau reifen, später mit der Toch­ter zurück­kehren nach Berlin, einsehen, dass das Kind beim Vater das bessere Le­ben führen kann. Sie wird nach dem (eindrucksvoll beschriebenen) Tod des Geliebten keine feste Bindung, wohl aber amouröse Verhältnisse eingehen, die durchaus unange­nehm enden, weil die Männer weibliche Unabhängigkeit nicht aushalten: „Ach, die eitlen männlichen Tragödien, die zerstörerischen Beschimpfungen zum Schluss! Es wurde eine Hin­gabe verlangt, die nimmer möglich war. Man wollte festhalten, was nimmermehr sich halten ließ.“ Diese Frau ohne Reue, die sich um Konventionen nicht schert, wird ein seltsames Ende finden in diesem Roman aus dem Jahr 1933, der in seinen Berlin-Passa­gen den ner­vösen Ton jener Zeit trifft, den Rhythmus der Großstadt und in den Bergkapi­teln die Ruhe und Natur eindrucksvoll beschreibt.

Max Mohr (1891 in Würzburg geboren) war Arzt und eine Zeit lang ein sehr erfolgrei­cher Schriftsteller in der Weimarer Republik. Seine Romane wurden gelesen, seine The­ater­stücke aufgeführt, schon vor 1933, vor der durch die Nazis erzwungenen Emigra­tion wegen seiner jüdischen Abstammung, die ihm selber nie wichtig war, hatte der Er­folg jedoch nachgelassen und – wie man hier in einer kenntnisreichen biografischen Skizze lesen kann – ihn in eine existenzielle Krise gestürzt. Wie seine Heldin wollte er neu be­ginnen, Frau und Tochter verlassen. Dass er das dann tun musste, zwangsweise nach Shanghai emi­grierte, dort eine Praxis aufbaute – und über die Grenzen seiner Kraft als Arzt arbeitete, kostete ihn das Leben. Er starb wenige Wochen vor seinem 46. Ge­burts­tag.

Mit Dank an Manuela Reichart
(adaptiert, Originalbeitrag auf rbb Kultur)

  • Max Mohr: Frau ohne Reue. Bonn: Weidle Verlag 2019. 224 Seiten, Broschur. 14 Euro

 

 

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