Thomas Brussig: Die Verwandelten (Wallstein Verlag)

Um dich in einen Waschbären zu verwandeln, musst du gleichzeitig fünf beliebige, aber verschiedene Beerensorten zu dir nehmen. … Wichtig: Die Beeren müssen innerhalb der letzten zwei Stunden gepflückt worden sein … und dann … (musst du) durch eine Autowaschanlage laufen. Bei korrekter Anwendung wirst du die Waschanlage als Waschbär verlassen.

So lautet die Anweisung auf einer Ratgeberseite im Internet. Nicht einmal der Verfasser dieser Anweisung dürfte an ihre Umsetzbarkeit geglaubt haben, aber Fibi, 16, und Aram, 15, wollen coole Livehacks drehen. Und warum nicht als Waschbär auf der Straße liegen und in letzter Sekunde zur Seite rollen, um nicht überfahren zu werden? Zwar kommen kaum Autos vorbei an Bräsenfelde in Mecklenburg, aber probieren kann man es ja.
Was als Spaß beginnt, endet sehr ernst: Fibi und Aram verlassen die Autowaschanlage im Dörfchen Seenot als Waschbären. Wenige Sekunden genügten, um sie zu verwandeln! Und niemand hat eine Idee, wie eine Rückverwandlung gehen könnte.

Eine sehr coole Idee des Autors, denn er erschafft in seinem Roman damit zwei Wesen, die etwas ganz Besonderes sind, obwohl sich ihr Wunsch kaum von dem ganz normaler Jugendlicher unterscheidet. Sie sind zwei Teenager, die davon träumen, in die Medien zu kommen, gesehen, beachtet und ohne große Mühe berühmt zu werden.
Das gelingt vor allem Fibi, denn sie hat eine Fähigkeit beibehalten, die Aram bei der Verwandlung weitgehend verloren hat: Sie kann immer noch sprechen. Sie hat auch die geschäftstüchtigeren Eltern, die mit Hilfe eines Anwalts die Sensation ihrer Tochter trefflich vermarkten.

Thomas Brussigs Roman Die Verwandelten, jetzt erschienen im Wallstein Verlag, ist eine lustige und nachdenklich stimmende Satire auf unsere Gesellschaft und die Medien. Nicht nur die sozialen, auch das gute alte Fernsehen hat seinen Auftritt.
Fibi bekommt ihre eigene Sendung, sie unterhält sich locker mit den Größen des internationalen Showbusiness. Bis sie dann mit Ed Sheeran abfliegt und ihren Wohnsitz von Mecklenburg nach London verlegt. Welches sechzehnjährige Mädchen träumt nicht davon, mit dem Star den Frühstückstisch zu teilen und in seinen Videos aufzutreten?
Diese Wendung nimmt der Roman im letzten Teil des Buches, da schwenkt er ein bisschen zu sehr ins Erwartbare und verliert an Biss.

Natürlich dürfen auch die Verschwörungstheoretiker nicht fehlen. Die gewagte These eines Astrophysikers diagnostiziert sogar ein „Zeitbeben“, durch das irgendwie eine Verbindung der Verwandlung Fibis und Arams mit dem Urknall hergestellt werden kann. Die Wissenschaftler kommen nicht viel besser weg als die so genannten Para-Wissenschaftler – jeder will sein Stück vom großen Kuchen, jeder will berühmt werden.

Dieses Phänomen ist die Grundlage, auf der Brussig seinen Roman aufbaut. Parallel dazu erzählt er aber auch die Geschichte zweier junger Menschen, die sich verändert haben, sich von den Eltern abgrenzen, ihre Träume haben, verliebt sind und sich nicht trauen, dies dem anderen zu zeigen. Er beschreibt die unterschiedlichen Milieus der beiden Familien und spricht auch die Gründe an, warum Fibi noch immer sprechen kann, Aram hingegen nicht. Er kann zwar weiterhin mit Fibi sprechen – mit seinen Eltern will er ja gar nicht reden. Überhaupt, all das Gerede, wohin führt es denn? Zu einer echten Verständigung jedenfalls nicht.

Traurig ist, dass auch Aram und Fibi sich schließlich nicht mehr verstehen. Die Freundschaft zerbricht an der Unfähigkeit zur Verständigung. Hier stehen die beiden Bären sinnbildlich für die moderne Gesellschaft, die in all dem Gequassel verlernt hat, miteinander zu sprechen.
Mag der Roman stellenweise auch etwas plakativ sein, so zeichnet er in seiner Überdrehtheit doch ein gutes Bild der Gegenwart. So abstrus wie real.

Dank an Petra Lohrmann

 

  • Thomas Brussig: Die Verwandelten. Roman. Göttingen: Wallstein Verlag 2020. 328 Seiten, gebunden. 20 Euro. E-Book: 15,99 Euro

 

 

 

 

 

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