Ivna Žic: Die Nachkommende (Matthes & Seitz Verlag)

Regen: Letztes Jahr regnete es Nominierungen für Ivna Žic. Unbedingt hätte sie für ihren Debütroman Die Nachkommende einen oder gar beide Preise bekommen dürfen: entweder den Schweizer Buchpreis oder den Österreichischen Buchpreis. Auch ohne diese: Žic hat ein betörend schönes Buch geschrieben.

Großmutterinseln gibt es viele. Sie empfangen ihre Nachkommen und trauern den Gegangenen hinterher. Eine Metapher für das Heimkommen, Familie und selige Verwandtschaft sind sie. So auch jene adriatische Insel der kroatischen Großmutter in Žics Die Nachkommende, erschienen im Berliner Verlag Matthes & Seitz. Ein schmales Buch, das hübsch aus dem Biografischen der Autorin schöpft, warum nicht. Sie stammt wie ihre Protagonistin selbst aus Zagreb. Auch Zürich, wo Žic aufwuchs, spielt eine Rolle als Durchgangsstation in dem Buch. Kurz: Die beiden teilen sich die Erfahrung des Auswanderns. Žic, die ebenfalls als Theaterregisseurin im deutschsprachigen Raum tätig ist, pendelt heute zwischen Zürich und Wien.

Ruhelos und unglücklich ist die junge namenlose Erzählerin, als sie sich aufmacht „Richtung Süden, Richtung Insel, Richtung Veranda, auf der die Grossmutter sitzt und auf mich wartet“. Und zu spät kommt. Auf der Insel findet wie jedes Jahr im Sommer ein Familientreffen statt. Später heißt es: „Mein Fels sitzt auf einem Plastikstuhl in der Ecke der Veranda, den Rosenkranz in der einen und die Bilder aller toten Verwandten in der anderen Hand.“ Akut zu verarbeiten hat die Erzählerin die Trennung vom Geliebten, einem Maler, in Paris. Eine Liebe, die von ihm, dem Verheirateten, diktiert wurde, die keine Sprache fand außer die der Körper. Angekommen mit dem Zug zunächst in Zagreb nähert sie sich langsam, mit weit geöffnetem Bewusstsein der groß- und elterlichen Wohnung, die leer ist, und wird dabei von Gefühlen, feinen Wahrnehmungen und Erinnerungen regelrecht überspült – eins zu eins von Žic in einen erzählerischen Furor übersetzt. Ungestüm geht es dahin, die Sätze sind atemlose Satzschlangen, die springen, abreißen, umbrechen. Žics Schreiben, einem Selbstgespräch gleich, ist herzerfüllt und verspielt sowie formal der Lyrik zugeneigt, also dicht, rhythmisiert, assoziativ und sinnlich.

Schlaglichter werden von einem Heute, Stichwort Massenflucht, hinein in eine kroatische Familiengeschichte geworfen und aufeinander bezogen. Es geht um Aufbrüche und Bewegungen und die hinterlassenen Spuren. Ivna Žic gehört zur Generation, die nachbohrt. Die Familie hält ihr Schweigen, das „Unsagbare“, für die Nachkommenschaft bereit. Fragen hallen in den Raum, adressiert auf den Zugfahrten besonders an den sie begleitenden toten Großvater (mit Malerträumen und heimlicher Geliebten in Paris), und ergründen die Muttersprache und die eigene Herkunft. Diese war vor der Zeit der Erzählerin geprägt von diversen, nie friedvollen Systemwechseln im ehemaligen Jugoslawien. 1990 verlässt sie im Kindergartenalter mit ihren Eltern Zagreb, also gerade rechtzeitig vor dem Krieg. Der Vater „zwang dieses Gehen, eine Zukunft zu sein“. Immer wieder, das wissen die alten Freundinnen, kehrt sie dorthin zurück, „ich werde anreisen, immer wieder anreisen“. In dieses Wiederkehrende schreibt sie sich ein und kommt bei sich an.

Senta Wagner

 

  • Ivna Žic: Die Nachkommende. Berlin: Matthes & Seitz Verlag 2019. 164 Seiten, gebunden. 20 Euro. E-Book 15,99 Euro.

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