Alexandra Riedel: Sonne, Mond, Zinn (Verbrecher Verlag)

So wie ein Sarg fest montiert und verschraubt wird, so kann es auch mit einer Lebensgeschichte passieren, damit am Ende „Nichts wackelt, nichts das Gerüst ins Wanken bringt. So ist es gut!“ Frisch in dem Sarg liegt Anton Hamann und mit ihm ein Geheimnis, das so eins dann doch gar nicht ist. Die Brut des fünfundachtzigjährigen Verstorbenen ist nämlich größer, als es der Familie lieb ist. Man ist schließlich aus „bestem Hause“. Aber die eigene Brut kann man sich schließlich nicht immer aussuchen. Das muss auch die beherrschte Witwe Isolde erfahren.
Er, bedeutender Astronom, Direktor einer Sternwarte und Gelegenheitspoet, ist im Laufe seines Lebens längst hinter dem Mond verloren gegangen. Zu sehr haben Himmelsphänomene, die Wissenschaft und noch etwas auf seine Seele eingewirkt. Alexandra Riedel lässt in ihrem Debütroman Sonne, Mond, Zinn, einem schmalen Wunderbüchlein aus dem Berliner Verbrecher Verlag, lustvoll Sternschnuppen regnen und Andromedanebel entstehen. Mit keckem, unkonventionellem Ton, galligem Witz und fidelem Reim schafft die Autorin einen ins Kosmische ausfransenden Möglichkeitsraum für eine unerzählte Geschichte: die traurige Geschichte nämlich der Esther Zinn, uneheliche Tochter von Anton Hamann, Produkt einer knisternden Affäre. Tusch!
Erzählt aus der Ich-Perspektive ihres ebenfalls vaterlos aufgewachsenen Sohnes Gustav. „Väter spielten bisher keine Rolle in unserem Leben, weder in deinem noch in meinem.“ Erzählt als höchst subjektiver und löchriger Bericht adressiert an die Mutter als zärtlich angesprochenes Du. Es ist das Du, das fehlt in dieser Menage, verdeutlicht durch die fast befremdlich wirkende indirekte Redewiedergabe in der zweiten Person („Du habest …“). Gleichsam rehabilitiert Gustav seine Mutter, den „Bastard“, als Tochter, zu der nie der liebende Vater stand. Seine an sie gerichteten Gedichte sprechen eine andere Sprache, auch die zitierten Schiller und Baudelaire.

Nebel schwimmt mit Silberschauer
ist Himmel und Erde
in aller Stille
Traumgestalten
Feuersmähnen
Wolkentränen wuchsen und blühten
nachtwärts
zwischen leeren Zeilen
immer weiter
durch die Straßen
Sterne kosten
Blütentaumel
weil
ja
weil
.

Es steht nun also das Begräbnis des Astronomen an mit entsprechend opulentem Leichenschmaus. Gustav, als Fluglotse auf seine Weise mit dem Firmament verbunden, kommt zu den Feierlichkeiten wie das nackte Kind zum Bade. Wohl hatte er gehört von seinem Großvater, das Erinnerte der Mutter ist dünn, aber so poetisch beseelt, persönlich kannten ihn beide nicht. Ein doppeltes Versäumnis, dem sich Riedel annimmt. So denkt sich Gustav seinen Teil: „Vielleicht wahrer oder wahrscheinlicher oder möglicher Sze­nen. Von mir erdacht. Dir zuliebe.“ Gibt sich in wildwüchsigen Fantasien dem Liebesleben des Großvaters hin, dem Aufwachsen der Mutter wie ihrem Sehnen. Kopfkino, vorgestelltes erbostes Stimmengewirr der Figuren. Einmal imaginiert er sogar Esthers eigenen Auftritt als kleines Mädchen, während die Trauergäste ungerührt in der Suppe rühren. Die Autorin dabei immer im Konjunktiv verfahrend, tastend, uneindeutig, mit fast zu vielen „vielleicht“, „vermutlich“, „wahrscheinlich“, „möglicherweise“ „so stellte ich es mir zumindest vor“, „so ließe sich denken“, „gut möglich“.

Ulrich, einer der beiden Söhne Hamanns, hat Gustav von Anfang an auf dem Kieker. Ein Enkel wurde weder gesucht noch gewünscht, so gesehen gehe diesen das Ganz ja auch emotional nichts an, wie Ulrich befindet. Hingegen ist eine Ähnlichkeit nicht von der Hand zu weisen. Das Grübchen links haben alle Hamanns. Die Verlogenheit, die „Miene zum Spiel“, der Familie steht da bereits im Raum. Rundumschlagend wird Ulrich sich austoben an der Gartentafel und die feine Trauergesellschaft samt Gustav in Wallung bringen, bis der sich zurückzieht ins Haus. „… ich war es mittlerweile leid, ständig darüber nachzudenken, weshalb wer wann was er­zählte, erfand oder verschwieg.“

Sonne, Mond, Zinn ist ein zauberhaftes erstes Buch voller „Weiten und Tiefen und Höhen“ wie das All. Es erzählt auf kurzer Strecke vom Verwehen der Zeit und schmerzhaft versäumter und erträumter Liebe über alle Familienkonstellationen hinweg. Gegen böse Geister pflanze man allenfalls rasch Holunder an den Gräbern.

Senta Wagner
(Foto Manfred Richter, pixabay)

 

  • Alexandra Riedel: Sonne, Mond, Zinn. Berlin: Verbrecher Verlag 2020. 112 Seiten, Hardcover. 19 Euro.

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