Essay von Isabella Feimer: Welt als Sehnsucht, nicht als Gegebenheit (1)

Zwischen Zeilen und in Bildern

Lockdown in den eigenen vier Wänden, stay at home, Ausgangssperre, begrenzte Beweglichkeit, ein Radius, der von einem Zimmer in ein nächstes und um den Häuserblock führt, nur ein paar Schritte bitte, und wir vermissen die Welt, die mit jedem Tag ferner wird. Die Welt, die bis vor Kurzem noch so gegeben war, bereit, jederzeit ein Stück mehr entdeckt zu sein, ist zu einer Unmöglichkeit geworden, zu einer Sehnsucht, die sie – erinnern wir uns – schon einmal gewesen ist. Ist man Kind, ist die Welt Sehnsucht. Man weiß nicht viel über ihre geografische Beschaffenheit, über die Vielfalt ihres Antlitzes. Man weiß, es gibt sie, man klammert sich an einer vagen Vorstellung fest. Dass da mehr ist, weiß man auch. Man spürt, dass es ein Außerhalb gibt.

Auf der Suche nach dieser ersten Bewusstwerdung eines Außerhalb durchforste ich die Bilder meiner Erinnerung und möchte die Momente fassen, da die Welt als solche mir greifbar wurde. Wann, frage ich mich, hat sich die Welt ausgedehnt? Wann hat sie zum ersten Mal ein Gesicht bekommen? Und wann habe ich aufgrund dessen meine kindliche „Begrenzung“ verlassen?

Die erste Erfahrung von Welt waren mir die Märchen, die mir meine Mutter vorgelesen hat. In ihnen gab es fantastische Orte, Wälder oder Dörfer, in denen alles passieren konnte. Die Orte hatten etwas Vertrautes, in dem ich mich bewegen konnte, und doch erzählten sie ein Stück Welt, das ich nicht kannte, jenes des Fantastischen.

Aus der Erfahrung des Fantastischen wuchs der Wunsch nach der realen Welt. Einmal, als ich noch klein war, bekam ich einen Globus als Weihnachtsgeschenk. Auf einem Sockel stand er und mit einem „Knips“ brachte man ihn zum Leuchten. Stundenlang saß ich davor, drehte ihn mal nach links, dann nach rechts und fuhr mit meinen Fingern die Grenzen der einzelnen Länder ab. Ich glaube, ich habe mir deshalb einen Globus gewünscht, weil meine Großtante lange vor meiner Geburt nach Australien ausgewandert war und mein Großvater, der oft lange in seinem Garten saß und den vorbeifahrenden Zügen hinterherblickte, mir erzählt hatte, welch ferne Länder er am liebsten entdecken wollte. Afrika, zum Beispiel, sagte er. Ich wollte ihnen nahe sein, meiner Großtante, die mir Briefe schrieb, und den sehnlichen Wünschen meines Großvaters. Australien, da war es, rechts unten, ein großer Fleck.

Dass aus diesem Fleck mehr wurde, nämlich tatsächlich eine bebilderte Welt, ein Raum, der nicht nur da ist, sondern Leben hat, Farben, Formen, Landschaft und Natur, ist der Erzählkunst geschuldet. Das Wissen über diesen Kontinent fand ich in Filmen und in Büchern. Mehr und mehr entstand aus dem Erzählten die Welt. Ich las und sah sie, bevor ich sie erleben sollte. Etwas Romantisches lag in diesen Geschichten, eine Sehnsucht, die sich in Richtung Ferne orientierte, in Richtung von etwas anderem. Die Sehnsucht damals trieb mich an, sodass ich mehr über die Welt erfahren wollte. Die Sehnsucht, wie sie mich als Kind begleitete, ist im Jetzt zurückgekehrt. Jetzt, da das Konsumieren von Welt keine Gegebenheit mehr ist, da die Grenzen geschlossen sind und kein Schiff oder Flugzeug einen über den Ozean mehr bringen kann, muss man sie sich in den Geschichten suchen.

Man reist stattdessen zwischen den Zeilen und in Bildern, verspürt Wanderlust im Sinne einer prickelnden Ruhelosigkeit, eines unstillbaren Verlangens unterwegs zu sein. Welt, da ist sie, ein großer Fleck, bebildert durch Erinnerungen, die verblassen könnten. Die Augen anderer werden zu den eigenen, die Erfahrungen anderer malen die leeren Flecke, die der Globus hat, aus. So könnte man mit Landkarten in Prosa von Truman Capote nach Spanien, Griechenland, Italien oder in Metropolen der USA reisen oder mit Olga Tokarczuk in Unrast um die Welt.

Als ich Kind war, wollte ich nichts sehnlicher, als die Welt zu entdecken. Jetzt ist es ebenso. Ich träume unter der Bettdecke von allem, was da draußen ist oder sein könnte. Jeder Tag kann mich an andere Orte bringen, selbst an Orte, die unerreichbar sind oder die es gar nicht gibt.

Der Globus, den ich geschenkt bekommen habe, ist vor vielen Jahren kaputt gegangen, das alte Märchenbuch, aus dem mir meine Mutter vorgelesen hat, ist mit Sicherheit irgendwann im Altpapier gelandet. Ihre Stimme kann ich noch hören, und in dieser Stimme die ersten Klänge Welt.

 

  • Isabella Feimer ist Schriftstellerin und lebt in „Bleib daheim“ Wien. Zuletzt erschien die Erzählung Monster (2018) im Limbus Verlag. (Fotos by Isabella Feimer)

(weiter zu Teil 2, 3+4)

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