Essay von Isabella Feimer: Welt als Sehnsucht, nicht als Gegebenheit (2)

(Teil 1)

Wohin sich die Literatur bewegen kann

In der Stimme der Literatur die ersten Klänge Welt. Literatur und Kunst im Allgemeinen als großer Eskapismus, in den sich in Zeiten wie diesen hineingerettet wird. Darüber wird gerade viel und berechtigt geschrieben. Material ist ausreichend vorhanden, der Lesestoff aus vielen Jahrhunderten geht nicht aus. Hinzu kommen unzählige Live-Lesungen in den sozialen Medien und parallel zum Tagesgeschehen wird an den ersten Corona-Romanen geschrieben. Alles gut, und alles gut so, wie es ist. Oder?

Das Leben, wie wir es bis dato kannten, existiert nicht mehr, mit einem Schlag sind wir Teil einer Veränderung, die alle Lebensbereiche betrifft. Auch die Literatur. Die Veränderung passiert, ob wir wollen oder nicht, und kaum etwas, das gerade geschieht, wird rückgängig gemacht werden können, kein back to normal, kein das war schon immer so. Die Literatur, denke ich, wird mit der Veränderung mitgehen müssen. Etwas wird mit ihr passieren, etwas passiert vermutlich gerade eben schon mit ihr.

Ich frage mich, wie sie sich verändern wird. Wird sie langsamer? Wird sie sich mehr Zeit in ihrem Erzählen lassen? Und wie ändert sich der Sprachgebrauch? Werden wir AutorInnen als Thema unsere Wünsche und Sehnsüchte von Welt in sie hineinschreiben oder werden wir die Situation erzählen, in der wir uns befinden und die wir um uns herum beobachten? Überhöhen wir sie noch? Letztendlich frage ich mich, ob wir die Welt, wie sie davor war, noch beschreiben werden können. Ist sie nicht schon längst zu etwas Fantastischem mutiert?

Natürlich wäre es möglich, dass sich nichts ändert, dass die Geschichten und die Sprache bleiben, wie sie sind. Das würde mich enttäuschen, ehrlich gesagt, und wundern würde es mich auch. Sprache war stets – auch ohne Krisen – in Veränderung. Sprache ist per se dynamisch und renkt sich aus und neu wieder ein, kann Unschärfe zeigen, kann präzise fokussieren. Wird sie abgehakter werden, das Blitzschnelle der sich überschlagenden Medienberichte, ein Headline-Lesen, ein Zittern eines Tagesablaufs? Wird sie eine Kurve sein, die nach oben schnellt und nicht hinunterfallen will? Oder wird sie mit all ihrer erzählerischen Kraft dagegenhalten und sich in Beschreibungen von Welt und Alltag verlieren?

Was die Themen anbelangt, traue ich mich zu sagen, dass vermehrt Einsamkeit und Isolation aufgegriffen werden. Wir leben sie gerade und sie verbinden uns, und zwar mit der ganzen Welt. Einsamkeit und Isolation sind in dem, was ich schreibe, von Beginn an bestimmende und sich wiederholende Motive gewesen. Ich habe viel über Individuen geschrieben, die extremen – vor allem extrem emotionalen – Situationen ausgesetzt waren und sich ihnen stellen mussten. Hier und jetzt frage ich mich, wird das so bleiben? Werden neue Themen kommen, die noch nicht greifbar sind, die niemand zum jetzigen Zeitpunkt begreifen kann?

Den Moment zu schreiben, ist schwer. Unmöglich, so meine Auffassung, ist es, reflektiert über den Augenblick, sprich, die sich verändernde Zeit, in der wir uns befinden, zu erzählen. Ohne zeitlichen und somit emotionalen Abstand bleibt er doch lediglich eine Bestandsaufnahme, die nicht tiefer gehen kann. Daran ist nichts Schlechtes, alles gut so, wie es ist. Das Dokumentieren, das Aufzählen der Ereignisse. Eine Chronologie des Jetzt.

Dann, frage ich mich auch, wenn alles überstanden ist, will man Geschichten aus diesem Jetzt überhaupt lesen? Wir wollen doch alle, dass dieser Augenblick so schnell wie möglich vorübergeht, und wollen ihn vermutlich nicht wieder und wieder erleben. Literatur soll doch auch in Zukunft, ob nah oder fern, ein Eskapismus sein, oder?

Denke ich darüber nach, bezweifle ich, dass Literatur ein Eskapismus ist. Sie bringt einen doch nicht weg von den Dingen, sie bringt einen mitten in sie hinein, schmerzhaft, schonungslos. Sie ist Konfrontation, sie ist das Lauschen einer erzählenden Stimme, der die Betrachtung von Welt Thema und auch Sprache ist.

 

  • Isabella Feimer ist Schriftstellerin und lebt in „Bleib daheim“ Wien. Zuletzt erschien die Erzählung Monster (2018) im Limbus Verlag. (Fotos by Isabella Feimer)

(weiter zu Teil 3+4)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s