Sara Mesa: Quasi (Verlag Klaus Wagenbach)

„Ab wann genau wird ein Unbekannter zu einem potentiellen Freund und hört auf, eine potentielle Gefahr zu sein?“ Wie offen können zwei Menschen einander begegnen? Vor allem dann, wenn der Altersunterschied vierzig Jahre beträgt, wenn er ein komischer Alter ist und sie „quasi vierzehn“, also dreizehn? Wenn sie sich im Park begegnen, genauer: im Gebüsch?

Sara Mesas vierter Roman Quasi, der in Spanien 2018 sofort sehr erfolgreich war und jetzt erfreulicherweise auf Deutsch im Verlag Klaus Wagenbach erschienen ist, trifft einen Nerv der Zeit. 1976 geboren gehört Mesa zur Generation junger Autorinnen, die sehr genau auf hierarchische Strukturen in der Sprache, im Benehmen und in Begegnungen achten.
In der Geschichte von Quasi (diesen Namen gibt er ihr) und dem Alten (so nennt sie ihn) hat sie nicht nur die per se anrüchige Freundschaft, sondern auch die Reaktionen der Gesellschaft reflektiert – diese basieren weder auf Zuhören noch auf Empathie, sie stülpt ein fertiges Konzept über ein Geschehen, das (zugegebenermaßen) doppelbödig ist.

Quasi schwänzt die Schule. Sie begibt sich in einen Park, setzt sich in ein größeres Gebüsch und schaut Mädchenzeitschriften an. Zufällig betritt ein alter Mann dieses Versteck. Er ist ein begeisterter Vogelkundler und immer auf der Suche nach seinen gefiederten Freunden.
Er fragt nicht „Was machst du hier, um diese Uhrzeit?“, sondern erkundigt sich nach der Zeitschrift, erzählt, dass auch er Zeitschriften liest, solche, in denen es um Vögel geht. Dass der Alte seltsam ist, ist dem Mädchen sofort klar. Er „spricht wie ein Kind – mit der Selbstvergessenheit und Begeisterung eines Kindes“.
Er kommt nun täglich in ihr Versteck. Er spricht über nichts anderes als Vögel und die Musik von Nina Simone. Niemals nähert er sich Quasi, sie ist und bleibt jedoch misstrauisch, schließlich hat sie eingetrichtert bekommen, niemals einem fremden Mann zu trauen. Nicht einem Mann, der so seltsam gekleidet ist, so merkwürdig spricht und so viel älter ist als sie.
Der Alte ist hingegen ist zurückhaltend, behandelt sie von Gleich zu Gleich, versucht nicht, sie auszuforschen, wie andere Erwachsene es tun. Dafür ist sie ihm dankbar. Aber warum ist er so? Will er sich langsam ihr Vertrauen erschleichen?

Wie zu erwarten, trifft irgendwann ein Brief von der Schule ein. Eines Tages steht die Polizei vor der Tür. Das Tagebuch, das Quasi geführt hat, bringt schließlich eine ganze Maschinerie ins Rollen. Es kommt zur Verhaftung des Alten, was (anscheinend) im Park geschehen ist, ist natürlich wesentlich wichtiger als das Schuleschwänzen, keine Silbe des Vorwurfs von ihren Eltern bekommt sie zu hören. Gegenüber dem Alten trägt Quasi fortan eine große Schuld mit sich herum.

Ein Erzähler betrachtet die Personen von außen. Während der Alte durch das geschildert wird, was er im Moment tut, erhält die Stimme des Mädchens ein stärkeres Gewicht – es ist zu lesen, welche Gedanken ihr durch den Kopf gehen. Dadurch lernt man sie persönlich kennen, aber auch ihre Familie, die Lehrer, Klassenkameradinnen (Freundinnen hat sie keine). Auch das, was ich als „Gesellschaft“ bezeichnet habe – und damit die Erwartungen, die an die junge Frau herangetragen werden, schon immer wurden.
In dieses Gespinst von Stimmen dringt plötzlich die Stimme dieses Fremden, der keine Erwartungen hat – ein unbekanntes und damit verwirrendes Verhalten, auf das Quasi nicht vorbereitet ist und mit dem sie nicht umgehen kann. Sara Mesa versteht es, mit sparsamen Mitteln ein engmaschiges Netz zu weben, mit dem sie die LeserInnen für ihre Geschichte gefangen nimmt.

Dank an Petra Lohrmann
(Foto by Domenic Hoffmann auf pixabay)

 

  • Sara Mesa: Quasi. Aus dem Spanischen von Peter Kultzen. Berlin: Verlag Klaus Wagenbach 2020. 144 Seiten, Klappenbroschur.

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s