Essay von Isabella Feimer: Welt als Sehnsucht, nicht als Gegebenheit (3+4)

(Teil 1 + Teil 2)

Die Stimmen und das Nichts

Ich versuche mich an die Stimme meiner Mutter zu erinnern. Sie war dunkel und kratzig und raute die vorgelesenen Worte auf. Nie las mir meine Mutter an einem Abend ein Märchen ganz vor. Sie zerteilte die Geschichte und ließ mich auf das glückliche Ende warten. Ich glaube, ich schlief trotzdem immer ein, wusste ich doch, dass es am nächsten Abend weiterginge. Zeitverzögertes Happy End, und Mutters Märchenstimme war mir die vertrauteste ihrer vielen Stimmen.

Stimmen sind eigenartig. Manche stoßen einen von sich, andere zischen bis tief in die Knochen hinein. Dann aber gibt es Stimmen, in denen man sich wohl und geborgen fühlt. Ständig möchte man ihnen lauschen, möchte, dass sie einen durch den Tag begleiten und in die Träume der Nacht. So ist es auch mit den Stimmen der Literatur. In meinem Fall sind es die dunklen Stimmen, denen ich gerne zuhöre und in denen ich gerne lese. Mit ihnen schwebe ich im sonoren Zeilenklang.

Ich schließe die Augen und hole mir die Zeilen her.

Friederike Mayröcker: „Mir träumte ich würde im Augenblick des Todes in eine Königskerze verwandelt werden.“

Albert Camus: „Mitten im tiefsten Winter wurde mir endlich bewusst, dass in mir ein unbesiegbarer Sommer wohnt.“

Gabriel García Márquez: „Egal, was auch passiert, niemand kann dir die Tänze nehmen, die du schon getanzt hast.“

Ingeborg Bachmann: „Ja, es war einmal an dieser Stelle, ein Du aus alter Zeit, er ist nicht mehr zu spüren.“

Texte sind es, die die Dunkelheit in die schönsten Kleider stecken, und auch umgekehrt. Auch im Draußen, in der Vor-dem-Fenster-Welt kann ich eine Stimme hören. Das ist selten dieser Tage. So hört man jene, die da sind, sehr genau. Sie sind nicht mehr nur ein Geräusch, eines von vielen, das eine belebte Stadt in sich verschluckt. Auch hört man jene, die nicht da sind, manchmal umso lauter als Stimm-Verlust. Etwas, weiß man, ist verloren gegangen, etwas, das vielleicht nicht wiederkommt. Stattdessen Stille, Bedrohliches, das sich in eine Leere öffnet.

Leere oder das Nichts. Das Nichts ist ein abstraktes Raumkonzept, etwas Abwesendes, laut Definition, das eine Anwesenheit voraussetzt. Es ist wesenlos, nicht greifbar, und ich bin versucht, es mit der derzeitigen Situation gleichzusetzen, die ebenso wenig greifbar ist. Noch ist sie zu groß und übermächtig, um begreifbar zu sein oder eine Stimme zu haben. Jean-Paul Sartre schrieb, dass der Mensch selbst das Nichts in die Welt bringe und ihm somit eine Stimme gebe. Aus diesem Nichts heraus entstehe die menschliche Fähigkeit der Negation, und diese Fähigkeit erlaube es, sich von bestimmten Vergangenheits- und Zukunftsbildern zu distanzieren. Der Mensch habe dann die Freiheit, sich aus der Vergangenheit zu lösen und sich in die Zukunft zu entwerfen. Gerade jetzt, so denke ich, ist es eine spannende, eine schöne Argumentation, dass das Nichts und die daraus entstehende Negation Freiheit bedeuten könnten.

Die Freiheit, die aus dem Nichts emporwächst, so Sartre, das Nichts, das Schweigen ist, so Jacques Derrida. „Was siehst du? – Nichts“, so die Stimmen in Samuel Becketts Endspiel, das in eine sinnentleerte Welt ohne Hoffnung und Orientierung gesetzt ist, die sich in Richtung eines Verstummen bewegt. Dies geschieht in den Rahmenbedingungen des Nihilismus: der Verneinung aller Werte und der bestehenden Ordnung aller Dinge. Alles wertet sich um.

Alles wertet sich um, neue Stimmen werden kommen und bereits vorhandene müssen neu betrachtet sein. Bislang Ungehörtes wird gehört werden, andere Stimmen, kratzig und dunkel, erzählen einzig die Vergangenheit.

 

Reise in die Fantastik

Wie viele andere frage auch ich mich, wie sich die Welt weiterentwickelt. Ich frage nach dem nächsten Moment, da wir in der Herausforderung des Augenblicksdaseins angekommen sind, frage leise nach den nächsten Wochen und nach jener Zukunft des Danach, das in weiter Ferne liegt. Der Unsicherheit des Jetzt will entkommen werden, es will ein optimistischer Blick in das Vor-uns-Liegende geworfen sein. Ein Upgrade des Gegenwärtigen möchte ich mir denken können, einen Weg. Alles, oder?, eine Frage der Vorstellbarkeit.

Vorstellung ist es, die die Begrenzung der Realität überwinden kann, ein Über-etwas-Gegebenes-Hinaus, ein Denken, das die Räume, in denen wir uns bewegen dürfen, ausdehnt. Raum, so meine ich, sind die Bilder, die sich hinter dem Tatsächlichen befinden, die Welten freigeben, von denen manche noch nicht erfunden sind. Der Raum der Fantasie ist grenzenlos.

Wer hat nochmal gesagt, dass die wahren Abenteuer im Kopf sind? Die wahre Welt ist es. Welt ist, selbst in Zeiten einer erdrückenden Realität, eine Frage der Vorstellung. Eine Frage des Sehens, das nicht nur das Sichtbare fassen kann. Ich muss die Augen nicht schließen, um das, was da ist, um Möglichkeiten erweitert im Licht der Fantasie zu sehen. Das Fantastische, jene Welten also, die einen erfundenen oder noch nicht gefundenen Raum zur Verfügung stellen, sind uns seit langer Zeit ein Wegbegleiter. Seit dem frühen 19. Jahrhundert ist das Genre der Fantastik ein nicht wegzudenkender Teil der Literatur.

„Die Mondlandschaften zogen an den Raumfahrern vorbei, und sie wollten sich keine Einzelheit entgehen lassen“, schreibt Jules Verne in seinem Roman Die Reise zum Mond (1870). Wie gerne, erinnere ich mich, ich doch in diesen Welten gereist bin, ob zum Mittelpunkt der Erde oder in die Tiefen des Ozeans. In Möglichkeiten. In Ereignisse, die es so nicht geben konnte und die gerade deswegen den Gedanken- und Wahrnehmungsraum erweiterten.

In ihrer Eigenschaft, das Unmögliche zu erzählen, frage ich mich, wo die Fantastik gegenwärtig steht. Ist sie in einer Zeit, die sich trotz des vermeintlichen Stillstands selbst überholt hat und dystopischer zu sein scheint, als die wildeste Vorstellungskraft es sich ausmalen könnte, obsolet geworden? Oder ist sie mehr denn je vonnöten, um der Realität einen Riss zu versetzen, der alternative Welten durchblitzen lässt? Der Riss kann sich weiten, und Fiktion überlagert die Wirklichkeit.

Dass das Fantastische die Wirklichkeit intensiver erzählen kann, als sie es selbst könnte, zeigen nicht zuletzt die vielschichtigen Werke des Magischen Realismus. Reise ich, zum Beispiel, zurück an den fiktiven Ort Macondo in Gabriel García Márquez´ Hundert Jahre Einsamkeit, so wird mir die Geschichte und gesellschaftliche Struktur eines Landes, wenn nicht eines ganzen Kontinents, in Gestalt einer Unmöglichkeit erzählt.

Fantastische Narrative, die ihren Kern aus der Realität beziehen, öffnen einen Blick auf ebendiese, die ohne sie vielleicht verborgen geblieben wäre. Die Fantasie lehrt uns das Sehen neu. Das Hinsehen. Das Bild, das vor uns liegt, ist ein Ausschnitt von Welt, der darauf wartet, beschrieben zu werden. Worte braucht es, um die notwendigen Risse sichtbar zu machen.

Was aber, muss ich denken, wenn die Worte fehlen?

 

  • Isabella Feimer ist Schriftstellerin und lebt in „Bleib daheim“ Wien. Zuletzt erschien die Erzählung Monster (2018) im Limbus Verlag. (Fotos by Isabella Feimer; Foto der Autorin by Manfred Poor)

(weiter zum letzten Teil)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s