Gabriella Zalapi: Antonia (Rotpunktverlag)

Ich bin neunundzwanzig. Meine Wünsche verhallen, versinken ungehört. Unmöglich, mir für den Rest meiner Tage ein Leben als perfect house wife vorzustellen. Wie gern würde ich dieses Korsett abwerfen, dieses Frau von, Mutter von. Ich will nicht mehr so tun als ob.

Dieser Tagebucheintrag vom 28. Juni 1965 fasst Antonias Situation in Gabriella Zalapis Roman Antonia zusammen, der in der schönen Edition Blau des Züricher Rotpunktverlags erschienen. Zu ergänzen wäre, dass Antonia die Frau von Franco ist und die Mutter von Arturo, acht Jahre alt.
Die Familie lebt in Palermo, ist wohlhabend genug, um sich eine nurse leisten zu können. Diese strenge Dame hält Arturo nach Kräften von Antonia fern, es kann sich kaum eine liebevolle Beziehung zwischen Mutter und Sohn entwickeln.
Die Ehe mit Franco kann man nur als gescheitert bezeichnen. Antonia verabscheut diesen Mann, der beschrieben wird, als wäre er wesentlich älter, dabei trennen die beiden nur vier Jahre. Seine Erwartungen an sie decken sich vollständig mit jenen der Zeit: „Egal, wie sehr man die Frauen erniedrigt, am Ende müssen sie ihr Leben, ihre Gefühle, ihre Wünsche für den Mann opfern. Sonst sind sie svergognate, Schamlose.“

Antonias Vater fiel als Soldat für England, als sie vier war. Sie lebte zu dieser Zeit als Evakuierte mit ihrer Mutter, die sie Mummy nennt, in Nassau auf den Bahamas. Wenig später heiratet die Mutter wieder, für Antonia ist das die reinste Katastrophe. Als sie von Mummy in ein Internat nach Florenz geschickt wird, wo Antonias Großmutter, ihre geliebte Nonna lebt, ist das zwar eine Abschiebung, aber auch eine Erlösung.
Diese Nonna (die Mutter des Vaters) stammt aus einer britisch-sizilianischen Familie, die vor dem Krieg ein großes Haus in Palermo führte.

Der mütterliche Zweig der Familie stammt aus Wien. Vati und Mutti, die Großeltern, sind geschieden, Vati konnte sich nach Brasilien retten, wo er immer noch lebt. Trotz der räumlichen Distanz ist Vati einer der beiden „Schutzengel“ Antonias, nebst der Nonna ein Mensch, auf den sie immer bauen konnte. Bis zu ihrem Eingeständnis, dass sie Schwierigkeiten mit ihrer Ehe hat. Hier schlägt sich Vati auf die Seite des Mannes, Antonia verliert ihren zweiten Vertrauten – fünf Jahre nach dem Tod der Nonna.
Komplizierte Familienverhältnisse also, mit Mitgliedern, die über Länder und Kontinente verstreut sind.

Eine Wende nimmt Antonias Leben, als sie nach Nonnas Tod einige Kartons alter Notizen, Fotos und Briefe findet. Ein Anlass für sie, ihre Familiengeschichte zu erkunden, zu verstehen, was wann passiert ist, wie sich Entwicklungen niedergeschlagen haben, auch, warum sie so ist, wie sie ist. All ihre Erkenntnisse und die auftauchenden Erinnerungen vertraut sie ihrem Tagebuch an, aus diesen Einträgen lernen die LeserInnen Antonias Geschichte kennen.

Diese sehr spannende Konstruktion des Buches, das die Bezeichnung „Roman“ trägt, beleuchtet aus ganz verschiedenen Winkeln einen Teil des 20. Jahrhunderts, die Stellung der Frau in einer Gesellschaft, die sehr konservativ ist, die Schwierigkeiten, ein eigenes Leben zu führen – nicht nur für Antonia, sondern für alle Frauen.
Indem sich Antonia der Vergangenheit zuwendet, sieht sie ihre Gegenwart klarer, versteht, warum sie so jung geheiratet hat, begreift ihre Naivität. Sie spiegelt sich in der Nonna, fragt sich, wie diese weiterleben konnte, nachdem innerhalb weniger Jahre ihr ganzes Leben zerbrach.

Zwischen den Tagebucheinträgen sind Fotos abgedruckt, die einen Eindruck der Stimmung und des Ambientes vermitteln – ob sie aus der Familie der Autorin stammen, ist nicht ganz klar. Sie hat jedoch die Geschichte ihrer Familie mit einfließen lassen bzw. Wahrheit und Dichtung miteinander verschmolzen.

Gabriella Zalapi ist ein überzeugendes Bild gelungen. Die Sprünge in der Darstellung, das Mäandern zwischen den Zeiten und Orten, das Straucheln, Zweifeln, das Ungewisse wohnen in der Erzählform, nicht nur in den Worten.
Der Roman erinnert mich stark an den ersten explizit feministischen Roman Italiens, Sibilla Aleramos Una Donna aus dem Jahr 1906. In vielen Punkten unterscheiden sich die beiden Texte, doch die Grundkonstellationen sind sich nahe. Im Mittelpunkt eine Frau, gefangen in einer unglücklichen Ehe, der einzige Halt ein Sohn – und die Erkenntnis, dass das ganze bisherige Leben beendet werden muss, um neu anzufangen. Das heißt auch, das Kind zurückzulassen, in der Hoffnung, es möge verstehen.
Gabriella Zalapi findet für diese Erzähltradition eine neue, zeitgemäße Form.

Dank an Petra Lohrmann

  • Gabriella Zalapi: Antonia. Tagebuch 1965–1966. Aus dem Französischen von Claudia Steinitz. Zürich: Rotpunktverlag, Edition Blau 2020. 120 Seiten, gebunden. 20 Euro. Auch als E-Book.

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